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Social Media

Landwirt entsorgt Spargel: Facebook-Shitstorm

spargelfeld flonsheim post
am Donnerstag, 04.06.2020 - 14:02 (Jetzt kommentieren)

Eine Verbraucherin postet ein Bild von Spargelresten auf einem Feld bei Facebook. Es folgt eine Welle der Entrüstung. Bildzeitung, regionale Presse, dpa, sogar das ZDF werden aufmerksam. Was ist da los? agrarheute hat die wichtigsten Infos auf einen Blick.

"Mir blutet das Herz - liebe Spargelbauern tut das Not? Haltet ihr so den Preis hoch? Mir fehlen die Worte", schreibt eine Facebook-Nutzerin aus Rheinland-Pfalz unter Fotos, die sie von einem abgeernteten Spargelfeld gemacht hat. Darauf zu sehen: Meter um Meter entsorgter Spargel, Bruchstücke, Endstücke, aber auch ganze Stangen von scheinbar guter Qualität. Vier Tage später hat der Post knapp 300 Kommentare erhalten und wurde 2.956 mal geteilt.

Die Reaktionen: Entrüstung, Empörung, Boykottaufrufe. 

Nicht nur Spargel, auch anderes saisonales Gemüse/Obst. Sorry, diese Bauern gehören mit der Forke vom Hofe gejagt!" schreibt ein User. 

Oliver Goergen schreibt: "na ganz bestimmt sind da noch verwertbare Spargel dabei. Warum bietet man nicht der Bevölkerung an sich welchen mit zunehmen.So groß kann die Not der Landwirte nicht sein wenn alles so sinnlos weggeworfen wird.Einfach unbegreiflich!" schimpft eine Userin.

"Lieber wegwerfen als den Preis senken, damit jeder den Spargel sich auch leisten kann" kommentiert ein anderer Nutzer.

"Soeben vorbeigeschaut.. ein Traktor ist mehrfach über den Spargel gefahren und hat diesen somit zerstört.. auch Mist wurde über die Spargel verteilt.. als ich ankam, ergriff der Traktorfahrer die Flucht..." 

Aber es gibt auch Stimmen pro Landwirtschaft:

"Den Bauern zu beschimpfen und zu verteufeln ist definitiv die falsche Adresse. Schaut mal euch lieber an den ganzen Aktiengesellschafts-Unternehmen und -Konzerne an, die an der Börse mit den Lebensmittelpreise zocken. Die ganzen Discounter-Ketten sind alles Aktiengeselleschaften - und dort steckt das Übel, die die Bauern zu erpresserischen Dumpingpreisen abkaufen, damit sie ihre Gewinnkurve noch steiler hoch treiben können, wenn sie die Ware dann noch teurer anbieten können.", argumentiert eine Nutzerin.

"Früher gab es viele kleine Spargelanbauer meist im Nebenerwerb. Und es gab 1. Wahl, 2. Wahl, 3. Wahl und Spargelabschnitte und alles ist damals verkauft worden. Unmöglich das diese Mengen alle unbrauchbar sind oder alle holzig. Einfach unsinnige Vorgaben vom Großhandel und oft auch von der EU" postet eine andere Userin. 

 

Was steckt dahinter?

Simon Schumacher vom Verband der süddeutschen Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) kennt die Hintergründe:

"Üblicherweise werden 20 bis 30 Prozent des Spargels entsorgt. Das sind zum einen die Endstücke der Stangen, die mit etwa 27 cm geerntet, aber mit 22 cm Länge verkauft werden. Das hat nicht nur etwas mit Normen zu tun, sondern auch damit, dass die hinteren Enden holzig und bitter sind." Diese End- und Bruchstücke müssten von den Spargelbauern entsorgt werden. Außerdem auf dem Acker lande die Ware vom Vortag, die an den Verkaufsständen angeboten und nicht verkauft würde. "Da die Stangen meist ohne Kühlung angeboten werden, sind sie am Ende eines warmen Tages nicht mehr zu verkaufen."

Auf dem Feld, um das sich die Diskussionen drehen, haben zwei Spargelbauern ihre Reste abgekippt und nicht gleich verteilt und gegrubbert. Auf den ersten Blick liegen hier tatsächlich große Menge Spargel von guter Qualität. Dass es sich um nicht verwertbare Stangen oder um die Rückläufer aus der Direktvermarktung handelt, ist nicht direkt ersichtlich. Laut Schumacher ein "üblicher Vorgang": 20 bis 30 Prozent der Spargelernte gingen als Abfall zurück aufs Feld. "So werden die Nährstoffe in den Boden und damit in den Kreislauf zurückgeführt."

Facebook: Faktencheck greift ein

Spargelreste

Den auf Facebook diskutierten Vorwurf, mit der Entsorgung wollten die Spargelanbauer die Preise hochhalten, kann Schumacher entkräften: "Es kostet viel Zeit und Geld, die Stangen zu stechen. Die Ernte ist zu teuer, um damit den Preis zu beeinflussen." Wenn dies ein Spargelbauer wirklich wollte, würde er die Stangen einfach auswachsen lassen. 

"Dass die beiden Landwirte die Stangen nicht direkt verteilt haben, ist in der aktuellen Situation etwas ungünstig", räumt Schumacher ein. "Es ist jedoch ein absolut übliches Vorgehen, dass Spargel, der nicht mehr frisch ist oder nicht den Qualitätsansprüchen genügt, wieder aufs Feld gebracht und in den Nährstoffkreislauf zurückgeführt würden.

Facebook-Faktencheck aktiv

Für zusätzliche Aufregung sorgte das Eingreifen von Facebook: So hat das Social Media-Unternehmen die Postings einiger Nutzer zum Thema gelöscht oder als Falschmeldung markiert. Basis dafür ist ein Faktencheck der Deutschen Presseagentur (dpa) "Wird Spargel entsorgt, um den Preis zu beeinflussen?", auf den sich Facebook beruft.

Mit Material von dpa

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