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Öffentlichkeitsarbeit

Attacke auf Güllefahrer: Landwirt reagiert souverän mit Dialogangebot

Landwirt und Verbraucher im Gespräch
am Dienstag, 30.03.2021 - 15:55 (1 Kommentar)

Wir brauchen dringend Dialogbereitschaft, um Verbraucher über landwirtschaftliche Themen zu informieren. Doch das ist manchmal gar nicht so einfach. Vor allem, wenn die Situation schon eskaliert ist, erfordert ein Gespräch Überwindung und Entgegenkommen auf beiden Seiten.

Die Bilder gingen vor wenigen Tagen durch die sozialen Medien: Ein wutentbrannter älterer Mann stürzt sich mit einem dicken Ast bewaffnet auf die Kabinentür eines Traktors, dessen Fahrer gerade Gülle ausbringt. Die Situation endet mit Polizei (vom Landwirt gerufen) und Ordnungsamt (vom wütenden Angreifer informiert).

Geschehen war das Ganze am Freitag, dem 26. März, in der Nähe von Gütersloh. Zwei Videos gab es vom Geschehen, eins vom Fahrer aus der Kabine gefilmt, ein zweites vom Feldrand, aufgenommen vom Azubi des Betriebs. Beide wurden fleißig auf Twitter geteilt.

Empörte Reaktion der Landwirte

Die Aggressivität des Mannes sorgte vor allem unter Landwirten für Aufregung, aber selbst Agrarkritiker meldeten sich und erklärten, dass so eine Aktion inakzeptabel sei.

Am nächsten Tag versammelten sich deshalb Landwirte aus der Region Paderborn vorm Haus des Mannes, um gegen seine Attacke zu protestieren. Und an dieser Stelle hätte die ganze Geschichte mit verhärteten Fronten und einem fest zementierten Feindbild auf beiden Seiten enden können. Tat sie aber nicht.

Landwirtschaftliche Öffentlichkeitsarbeit: Von der Aktion zum Dialog

Andreas Busche im Gespräch mit dem Anwohner.

Denn es gibt ein drittes Video, das leider weit weniger Aufmerksamkeit erregte. Es entstand in der Folge des Bauernprotests am Tag nach der Aktion auf dem Acker.

In diesem Film sieht man, wie Landwirt Andreas Busche, zu dessen Betrieb die Fläche gehört, mit dem älteren Herrn redet, ihm erklärt, wie viel – oder besser wenig – Gülle tatsächlich auf den Acker kommt, warum Schleppschläuche verwendet werden und wie wichtig Gülle als Pflanzennährstoff ist.

Am Ende dankt der Mann für die Erklärung, ist vielleicht nicht gänzlich überzeugt, aber zumindest besser informiert als vorher.

Nach dem Güllestreit eine Nacht über das Problem geschlafen

So ein Gespräch erfordert unbestreitbar Überwindung. Andreas Busche hat gegenüber agrarheute erzählt, wie sehr ihn die ganze Geschichte am ersten Abend aufgeregt hat. Er selbst war nicht vor Ort, den Traktor mit Güllefass fuhr einer seiner Mitarbeiter, am Ackerrand stand der Azubi. Aber die Videos ließen verständlicherweise den Blutdruck in die Höhe schießen.

Doch am nächsten Morgen war die verständliche Wut der Entschlossenheit gewichen, die Situation nicht so stehen zu lassen. Er fuhr noch einmal zum "Tatort", um mit dem Mann zu reden. Unterstützung gab’s von den Kollegen vor Ort, doch das Gespräch hat er führen müssen. Und das ist in so einer angeheizten Stimmung gewiss nicht einfach.

Durch den Dialog zum Nachdenken gebracht

"Ich kannte den Mann gar nicht. Den Acker dort haben wir dieses Jahr das erste Mal in Bearbeitung. Aber er ist wohl Anwohner mit einem eigenen Brunnenbohrloch und fühlte sich durch das Nitrat aus unserer Gülle bedroht", sagt Busche. Das Gespräch hat der Mann dennoch nicht abgelehnt, sicher auch unter dem Eindruck der anderen anwesenden Landwirte.

Ob er sich überzeugen lassen hat? "Schwer zu sagen. Aber zumindest hat er zugehört und Fragen gestellt."

Nach dem Gespräch: Schadensvermeidung zählt

Das, was da in Gütersloh passiert ist, zeigt, dass es manchmal viel Überwindung kosten kann, mit einander zu reden. Und nicht immer wird das Ganze so optimistisch enden wie dort. Aber die Mühe lohnt, vor allem, wenn eine Geschichte in den sozialen Medien die Runde macht und viel mehr Menschen aufmerksam werden als nur die direkt beteiligten.

Der Betrieb Busche wird übrigens keine Anzeige erstatten. "Der Sachschaden war minimal, nicht mehr als ein paar Kratzer", sagt Andreas Busche. Der emotionale Schaden, der repariert wurde, war vielleicht sehr viel größer.

Nachtrag: Wir haben keins der Videos hier verlinkt, weil das die Persönlichkeitsrechte des aufgebrachten Anwohners verletzen könnte. Bitte achten Sie darauf, wenn Sie – in verständlichem Ärger – solches Bildmaterial teilen.

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