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Podcast mit Biobäuerin Martina Fink

„Als Landwirtin kann ich so viel bewirken wie der UNO-Generalsekretär"

am Dienstag, 19.07.2022 - 05:00

Martina Fink spricht im Podcast von FM4 über ihren Weg in die Landwirtschaft. Sie erzählt von ihren Rindern und fehlenden Saisonarbeitern. Und davon, wie sie ihren Platz in der Landwirtschaft gefunden hat.


Martina Fink hatte eigentlich nie vor, Bäuerin werden. Sie kommt aus Oberösterreich, hat Psychologie studiert und wollte Karriere machen. Außerdem möchte sie etwas auf der Welt verbessern. Dann entscheidet sie sich dazu, ein freiwilliges Ökologisches Jahr zu machen. Sie arbeitete auf einem Stutenmilchbetrieb und lernt sie viel über Tiere und Pflanzen.

Das gefällt ihr so gut, dass aus einem Jahr zweieinhalb werden. Sie lernt sie ihren jetzigen Mann kennen und zieht mit ihm ins Weinviertel auf den traditionellen Familienbetrieb seiner Eltern im österreichischen Weinviertel in Enzersdorf. Der Hof ist ein Bio-Hof, doch das reicht ihr nicht. Sie möchte ihn zu einem Demeter-Hof umbauen. Dazu gehört Tierhaltung.

Darum ist Fink Landwirtin und nicht UNO-Generalsekretärin

Im Podcast wird Martina gefragt: „Warum machst Du das?“ Martina antwortet: „Es erfüllt mich einfach bis in die Haarspitzen. Ich habe früher immer gedacht, ich will UNO-Generalsekretärin werden. Irgendwas, wo man wirklich etwas bewirken kann. Irgendwann habe ich verstanden, wenn man UNO-Generalsekretär wird, sitz man auf einer ganz großen Pyramide. Eine Pyramide zu bewegen, ist nahezu unmöglich. 

Für mich war also die Frage, wo kann ich wirklich etwas bewirken. Und mittlerweile finde ich, in der Landwirtschaft bringe ich auch so viel weiter, wie der UNO-Generalsekretär. Manchmal mehr und manchmal weniger.“

„Von der Geburt bis zum Tod“ begleitet Fink ihre Rinder

Seit sieben Jahren hält der Ackerbaubetrieb Braunviehkühe, die mit Wagyu gekreuzt werden. So entsteht Fleisch in einer fantastischen Qualität.

Ein Jahr bleiben die Tiere bei ihren Müttern und werden erst mindestens mit drei Jahren geschlachtet. Als Martina zum ersten Mal eine Schlachtung miterlebt, steht sie vor der Entscheidung, Vegetariern zu werden oder Fleisch zu essen. Sie bleibt Fleischesserin, würde aber niemals Fleisch aus dem Supermarkt essen.

„Es ist doch zum Weinen, dass man Grillwürste in der Megaaktion kauft, und dann landen sie im Mistkübel.“

Auf dem Demeter-Hof wird selbst geschlachtet. „Ich begleite die Tiere hier am Hof von dem Tag ihrer Geburt bis zu dem Tag, an dem wir sie schlachten.“ Sie verabschiedet sich immer von den Tieren und bedankt sich bei der ganzen Herde. Denn die Milch und ihr Fleisch sind die Lebensgrundlage der Landwirte. Es ist ein Geben und Nehmen, findet die Landwirtin.

Fink will die Welt mitgestalten – mit Landwirtschaft

Als Martina das Freiwillige Ökologische Jahr macht, fragt sie sich, wo der Hebel ist, wo sie etwas bewegen kann. Und dann wurde ihr klar: „Wenn ich einen Boden bearbeite, nehme ich Einfluss auf die Bodengesundheit. Ich erzeuge Lebensmittel und diese kommen zu vielen Menschen auf den Teller – und ich finde das ist ein sehr großer Hebel. So habe ich meinen Platz gefunden, wo ich die Welt mitgestalten will.“

Arbeitskräftemangel im Weinviertel

Auch der Hof im Weinviertel leidet unter dem Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft. In der Saison fehlen Arbeiter. Das Problem hat sich in der Corona-Pandemie verschärft und ist mit dem Ukraine-Krieg noch massiver geworden. Martina und ihre Familie bauen auf dem Hof Zuckerrüben, Buschbohnen und Kürbisse an. Zwei Monate im Jahr brauchen sie Helfer, die Unkraut jäten.

„Niemand ist mehr bereit, sich acht Stunden auf den Acker zu stellen“, sagt Martina.

Im Nachbarort sind ukrainische Frauen untergekommen, die auf dem Feld arbeiten wollen. Sie verdienen wenig mehr als 9 Euro. „Wenn die bei uns arbeiten, haben sie ein Problem, weil ihr Zuverdienst nicht höher als 110 Euro sein darf. Sonst verlieren sie ihre Grundsicherung.“ Die Situation ist vertrackt. Menschen, die geflüchtet sind, seien meistens traumatisiert, sagt Martina. Da würde es sich anbieten, zu arbeiten, um eine Alltagsroutine aufzubauen. Hier ist die Bürokratie das Problem: Die Geflüchteten unterliegen unzähligen Regularien und auch für die Landwirte ist es schwierig, diese zu erfüllen. Martina sagt: „Die Regularien passen nicht zur Lebendigkeit der Landwirtschaft.“

Mit Material von fm4.orf.at