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An die „Letzte Generation“: Blockierer und Nötiger sind keine Helden!

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am Samstag, 12.02.2022 - 05:00 (23 Kommentare)

Seit Wochen blockieren Mitglieder der Gruppe „Letzte Generation“ deutsche Autobahnen. Sie wollen Essen und damit Leben retten, sagen sie – und bringen bedenkenlos Menschen in Gefahr. Ein Kommentar.

Liebe „Letzte Generation“, liebe Essensretter und Agrarwendeforderer,

seit Wochen haltet Ihr deutsche Autofahrer in Atem. Hier in Berlin weiß zum Beispiel keiner, ob er morgen seine kranke Mutter besuchen, seine Kinder sehen, einen wichtigen Auftrag erledigen kann. Denn vielleicht sitzt da plötzlich Ihr auf der Straße. Festgeklebt mit Superkleber und ausgerüstet mit Schildern, auf denen Ihr gegen Essensverschwendung protestiert und von Olaf Scholz neue Gesetze fordert.

Ihr müsst das machen, sagt Ihr. Ihr seid, sagt Ihr, die letzte Generation vor dem großen Kollaps. Und irgendwer muss ja die Initiative ergreifen für eine bessere Welt.

Kollateralschäden gibt’s ja immer

Deswegen sitzt Ihr auf Autobahnen und Zufahrtsstraßen. Dass da dann der eine oder andere Autofahrer im Stau steht, ist halt nicht zu ändern. Es geht Euch schließlich ums große Ganze, um die Zukunft, um die gerechte Sache. Auf Einzelschicksale kann man da keine Rücksicht nehmen.

Auf die Hochschwangere in den Wehen zum Beispiel, die am Donnerstag von der Polizei aus dem Stau auf der A100 geholt werden musste. Oder auf die Ärztin, die auf dem Weg zu einer OP von Euch am Weiterfahren gehindert wurde. Alles Betteln half nichts, sie durfte nicht durch.

Und auf Twitter schrieb einer voller Wut, er habe wegen Euch die Beerdigung seiner geliebten Oma verpasst. Aber hey: Ein bisschen Schwund ist schließlich immer. Und zum Glück war die Oma ja schon tot – im Gegensatz zu dem Patienten auf dem OP-Tisch hoffentlich.

Wenn der eigene Schmerz mehr zählt

Wenn’s um Euer eigenes körperliches und seelisches Wohlbefinden geht, seid Ihr allerdings wesentlich empfindlicher, das zeigen Eure Posts in den Sozialen Medien der letzten Wochen.

Die Polizei war nicht sanft genug beim Lösen des Sekundenklebers zwischen Euren Händen und der Fahrbahn, beklagt Ihr Euch. Jetzt ist an den Handflächen die Tapete ab, das hat Aua gemacht.

Und einer befürchtet, dass ihn die „Polizeirepressionen und der zu erwartende häufige Aufenthalt im Polizeigewahrsam emotional kaputt macht“. Nicht wenige empfahlen ihm, diese seelische Belastung zu vermeiden und die Leimtube wegzupacken.

Polizeigewalt gegen „Helden“?

Auch beim Abtragen der unverzagten Straßenbesetzer haben die Beamten zu fest zugepackt. „11 x habe ich gerufen: ,Sie tun mir weh‘!“, protestiert einer auf Twitter. Und seine Fans beklagen die rüde Polizeigewalt und die unverständliche Aggressivität der ausgebremsten Autofahrer, mit der gegen die jungen Helden vorgegangen werde.

Wer Leben retten will, bringt andere nicht in Gefahr

Liebe Autobahnblockierer, Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein: Ihr seid gar keine Helden, keine Märtyrer. Ihr opfert Euch nicht auf. Stattdessen nehmt Ihr andere rücksichtslos für Eure Ideen in Geiselhaft.

Ihr seid auch keine Aktivisten, denn Ihr aktiviert die Gesellschaft nicht, Ihr blockiert sie.

Das Ziel Essensrettung ist gut und richtig, Euer selbstgerechter Aktionismus hat damit aber nichts zu tun. Veränderungen fordert man in einer Demokratie nicht mit Erpressung. Und Leben rettet man nicht, indem man andere in Gefahr bringt.

Wenig Verständnis für die Blockierer

Das sehen inzwischen übrigens auch viele Politiker so. Zwar hatte Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) vergangene Woche noch getönt, Proteste mit „Mitteln des zivilen Ungehorsams“ seien „legitim“, aber das beurteilen sowohl ihre Parteigenossen als auch die Koalitionspartner ein bisschen unentspannter.

Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) konstatierte: „Unangemeldete Demos auf Autobahnen sind und bleiben rechtswidrig“. Auch Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) meldete sich zu Wort: „Gesellschaftliche Mehrheiten gewinnt man ganz sicher nicht, wenn man Krankenwägen, Polizei oder Erzieherinnen auf dem Weg zur Arbeit blockiert.“ Und Bundesinnenministerin Nancy Faeser machte deutlich: „Sitzblockaden auf Autobahnen sind lebensgefährlich. Rettungswege zu versperren setzt Menschenleben aufs Spiel.“

Dem ist wenig hinzuzufügen. 

Essensrettung selbst gemacht

Ich hätte allerdings noch eine Idee, mit wem Ihr reden könntet, wenn es Euch wirklich um aktive Ernährungssicherung und die Verminderung von Nahrungsmittelverlusten geht. Dazu müsstet Ihr natürlich mal raus aus Euren Großstädten, dahin, wo das Essen, das Ihr retten wollt, wächst.

Die Bauern hierzulande erklären Euch gewiss gern mal die Zusammenhänge zwischen dem Sieg über den Hunger in vielen Teilen der Welt und Errungenschaften wie Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln. Und auch, wie man mit tierischer Erzeugung Essen wachsen lässt auf Flächen, auf denen sonst nichts gedeiht, was wir verspeisen können – alles Dinge, die Ihr in Eurer geforderten Agrarwende in Frage stellt.

Ihr könntet sogar vor Ort mit anpacken beim Essenretten, das tut gut und erweitert das Bewusstsein. Besser als am Sekundenkleber zu schnüffeln.

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