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Politik national

Lindemann scheitert am Zwischenmenschlichen

von , am
22.01.2010

Flensburg - Das war die eigentliche Überraschung auf der Grünen Woche in Berlin: Ilse Aigner entlässt völlig überraschend, im Schatten der Grünen Woche und des Agrarministertreffens, ihren beamteten Staatssekretär Gert Lindemann.

Agrar-Journalist Hans Heinrich Matthiesen

Auch dieser war wohl am vergangenen Sonntag überrascht von der Entscheidung der Ressortleiterin. Auch wenn die Frage seines Verbleibes bei der Diskussion um einen internen, grundlegenden Umstrukturierungsprozesses des BMELV möglicherweise schon thematisiert worden sein sollte.

Um die Personalspitze gab es angeblich keine offene Diskussion, wissen Insider zu berichten. Lindemann wollte nicht gehen, wird in dem Hause gemunkelt. Verständlich. Hat doch dieser versierte Fahrensmann in dem Ressort gute Arbeit geleistet und der CSU, die nach Seehofers Abgang im Herbst 2008 zunächst keinen geeigneten Nachfolger finden konnte, die Geschäfte des Ministeriums bis zur Vereidigung von Ilse Aigner am 4. November 2008, wenn auch kurz, aber in vorbildlicher Weise geführt. Niemand hat im BMELV und in der Öffentlichkeit gemerkt, das Lindemanns Chef als Ministerpräsident nach Bayern ging und das Landwirtschaftministerium verlassen hatte.

Fachpolitiker: Lindemann und Müller

Das war ohnehin mit Seehofers Besetzung verlassen genug. Die Fachpolitiker in dem Hause waren der beamtete Staatssekretär Lindemann und der parlamentarische Staatssekretär Müller. Die parlamentarische Staatssekretärin Ursula Heinen hatte in dem Ministerium ohnehin keine Bedeutung. Lindemann wurde von Aigners Vorgänger, Horst Seehofer, auf Wunsch von Niedersachsens Ministerpräsident, Christian Wulff, in das in Berlin und in Bonn ansässige Landwirtschaftsministerium geholt. Lindemann diente zunächst dem CDU-Landwirtschaftsminister, Gerd Glup, als persönlicher Referent im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium.

Ein starker, kompetenter Agrarpolitiker

Bei dem langjährigen niedersächsischen Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke diente Lindemann als Abteilungsleiter 1, also als stellvertretender Staatssekretär und wurde bei seinem Nachfolger, Uwe Bartels, beamteter Staatssekretär. In dieser Zeit verkraftete die SPD in Niedersachsen sogar Lindemanns Engagement als CDU-Bürgermeister seines Heimatdorfes. Der 62-jährige Jurist, Gert Lindemann gilt in Fachkreisen als starker, kompetenter Agrarpolitiker mit ausgezeichneten menschlichen Zügen. Ausgeprägt war seine soziale agrarpolitische Linie auf dem Weg der Landwirtschaft von den Marktordnungen weg zum freieren Markt.

Zwischenmenschliches für Abgang verantwortlich?

Das war nicht immer die Linie der Bayern Seehofer und Aigner. Sie sorgen sich besonders um die kleineren Strukturen ihrer Bergbauern. Auf den Almen müssen ja die Kühe stehen, sagen die Bayern, dagegen meinen die Nordlichter, das die Förderung dann aus dem Topf Tourismus laufen sollte. So die flapsigen Gespräche unter den Ministeriellen. Wenn also die fachliche Kompetenz und das anstehende Revirement für seinen plötzlichen Abgang nicht verantwortlich sein können, wird es wohl an den zwischenmenschlichen Beziehungen gelegen haben. Nicht jeder Chef oder jede Chefin verträgt einen Mitarbeiter, der besser ist als er oder sie. Da ist offensichtlich ein Tausch vorgenommen worden in der Gewissheit, das es in der laufenden Legislaturperiode ohnehin zu einem Wechsel kommen würde.

Aigner hätte Tausch ruhiger vornehmen können

Aber den Tausch hätte Ilse Aigner vornehmer und ruhiger vornehmen können, denn zweieinhalb Jahre hätte Lindemann spielend durchgearbeitet und Kloos wäre dann immer noch ein jüngerer Nachfolger gewesen. So ist eben Politik. Das wird Lindemanns Nachfolger, Dr. Robert Kloos, wohl berücksichtigen müssen, wenn er am 1. Februar die politische Bühne in Berlin betritt. Er ist ein hervorragender Fachmann und menschlich eine zurückhaltende, integre Persönlichkeit.

Kloos kennt Ministerium wie seine Westentasche

Kloos kennt das Ministerium so gut wie seine Westentasche. Der 51-Jährige ist nach dem Studium und der Promotion in Stuttgart-Hohenheim als Rheinland-Pfälzer in das Ministerium in Bonn eingetreten und galt dort schon in jungen Jahren als einer der fähigsten Köpfe. Seine Karriereleiter endete zunächst als Büroleiter bei Landwirtschaftsminister Jochen Borchert. Kloos durchlief mehrere Abteilungen, wurde unter Künast wieder ruhiger gestellt, widersprach ihr aus Überzeugung und wurde dann von ihr, wohlwissend um seine Qualitäten, zum Präsidenten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ernannt.

Nicht erst seit dieser Zeit kennt sich Kloos in der Agrarpolitik aus. Und er kennt das BMELV. Er hat einen Überblick über die internationalen Märkte, über Marktordnungen und die damit verbundenen Bürokratien. Ihm wird sicher ein Anliegen sein, die ausgeartete Bürokratie in der Landwirtschaft zu verringern. Da könnte er ja mit Hilfe seiner Chefin Edmund Stoiber ein bisschen Dampf machen, der ja für den Bürokratieabbau in Europa zuständig sein soll, von dem man aber nichts vernimmt. Kloos liegt auch viel an der Fortführung einer Agrarpolitik, die sozial abgefedert, auch nach 2013 zu mehr unternehmerischer Landwirtschaft durch den Markt führt.

Bezug zur Basis nicht verloren

Und - er hat auch den Bezug zur Basis nicht verloren, sowohl zu den Menschen in der Landwirtschaft als auch zur kommunalpolitischen Arbeit in seinem Wohnort bei Bonn. Die muss jetzt aber zurückstehen. Macht ja nichts, wenn seine Arbeit für die Landwirtschaft langfristig zum Erfolg führt. Man möchte beiden Glück wünschen. Lindemann für den unverhofften Unruhestand, warten wir mal in Ruhe ab, in welcher Organisation sein Können und seine Kontakte gebraucht werden und Kloos für die Herausforderung in seinem neuen Amt.

Hans Heinrich Matthiesen aus Flensburg

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