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Feinstaub

Lungenspezialisten kritisieren Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerte

Traktor mit Güllefass auf Straße
am Mittwoch, 23.01.2019 - 13:14 (Jetzt kommentieren)

Die Debatte um Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerte schlägt immer höhere Wellen. Mittlerweile steht auch die Landwirtschaft im Fokus. Lungenspezialisten kritisieren nun jedoch die Studien, auf denen die Grenzwerte basieren.

Gleichzeitig mit der Eröffnung der Internationalen Grünen Woche in Berlin berichtete das ARD-Magazin Monitor vergangene Woche über eine noch unveröffentlichte Studie des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie: Diese sieht die Landwirtschaft als Hauptursache für Feinstaub. Die Argumentation: „Die Massentierhaltung führt zu Ammoniak, Ammoniak führt zu Feinstaub und Feinstaub führt zu vorzeitigen Todesfällen“.

Die Studie wurde unter Landwirten und Verbände rege diskutiert. So schrieb uns agrarheute-Leser Dr. Peter Adel: "Die Angaben zur Feinstaubbildung infolge der Ammoniakemissionen mögen stimmen. Nur sind praktisch alle Ammoniumverbindungen gut wasserlöslich. Somit löst sich entsprechender Feinstaub sofort auf. Für die Schädlichkeit dieses wasserlöslichen Feinstaubs werden auch sonst keine Belege gebracht."

Lungenspezialisten sehen keine wissenschaftliche Begründung für Grenzwerte

Nun melden sich laut dpa mehr als hundert Lungenspezialisten zum Thema. Sie bezweifeln den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide (NOx). Sie sehen derzeit keine wissenschaftliche Begründung, die die konkret geltenden Werte rechtfertigen würden, wie es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme heißt.

Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) gelten in der EU seit 2010. Der Jahresmittelwert darf
40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft nicht überschreiten. Sie beruhen auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Auch für Feinstaub gibt es je nach Partikelgröße Grenzwerte. An Orten, wo Grenzwerte über längere Zeit deutlich überschritten werden, drohen zum Beispiel Fahrverbote für Autos mit besonders hohem Schadstoffausstoß.

113 Fachleute fordern Neubewertung von Studien

Laut der 113 Lungenspezialisten, die die Stellungsnahme unterschrieben haben, hätten viele Studien, die Gefahren durch Luftverschmutzung zeigen sollen, erhebliche Schwächen. Zudem seien Daten in der Vergangenheit einseitig interpretiert worden. Die Lungenexperten fordern deshalb, dass relevante Untersuchungen neu bewertet werden. Die Fachleute stellen sich damit auch gegen ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), das Ende 2018 veröffentlicht worden war. Darin hieß es: "Studien zeigen, dass die Feinstaub-Belastung durch Landwirtschaft, Industrie und Verkehr gesundheitsschädlich ist."

Die DGP, die Deutsche Lungenstiftung und der Verband Pneumologischer Kliniken (VPK) werten die aktuelle Stellungnahme "als Anstoß für notwendige Forschungsaktivitäten und eine kritische Überprüfung der Auswirkungen von Stickoxiden und Feinstaub".

Hintergrund für Stickoxid-Grenzwerte

Experten haben berechnet, dass Tausende Menschen vorzeitig an Folgen von Luftverschmutzung sterben - laut Umweltbundesamt im Jahr 2014 etwa 6.000 an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur EEA aus dem Jahr 2017 gibt es in Deutschland zudem rund 66.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch die Folgen von Feinstaub in der Luft. Solche Ergebnisse beruhen in der Regel aber auf statistischen Analysen - sie sagen wenig aus über gesundheitliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen für einzelne Menschen.

Andreas Scheuer, Svenja Schulze und ADAC melden sich zu Wort

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hält die Zweifel der mehr als hundert Lungenexperten für wichtig. "Der wissenschaftliche Ansatz hat das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden", sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Initiative helfe mit, "Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen."

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) verteidigte hingegen die bestehenden Grenzwerte. Dass Luftschadstoffe die Lebenszeit verkürzen und Krankheiten befördern, sei wissenschaftlich unumstritten, sagte ein Sprecher ihres Ministeriums in Berlin.

Auch der ADAC meldet sich nach der Kritik von Lungenfachärzte zu Wort: "Wenn Bürger von Fahrverboten betroffen sind, müssen sie sich darauf verlassen können, dass die geltenden Grenzwerte wissenschaftlich begründet sind", sagte der Vizepräsident des Autoclubs, Ulrich Klaus Becker, am Mittwoch in München.

Die EU-Kommission müsse die wissenschaftliche Grundlage ihrer Grenzwerte rasch unter die Lupe nehmen. "Dies muss Gegenstand des Prüfauftrags für die Luftqualitätsrichtlinie sein, der im Arbeitsprogramm 2019 der EU-Kommission enthalten ist", sagte Becker.

Mit Material von dpa

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