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Politik international

Margenschutz für US-Milcherzeuger

© schemmi/pixelio
von , am
04.08.2011

Washington - Milcherzeuger in den USA sollen künftig eine garantierte Gewinnspanne erhalten. Der Agrarausschuss des Repräsentantenhauses diskutiert die marktpolitische Kehrtwende.

Schweizer Milchbauern wollen der überschüssigen Butter mit einer Exportfirma zu Leibe rücken. © schemmi/pixelio
Drei Kernelemente enthält das neue Konzept für den US-Milchmarkt:
1. ein Programm zum Schutz der Erzeugermargen,
2. ein Programm zur Mengensteuerung und
3. eine Reform des Milchpreissystems.
 
Das Modell basiert auf Vorschlägen des nationalen Milcherzeugerverbandes (NMPF). Der demokratische Abgeordnete Collin Peterson aus Minnesota brachte es in den Agrarausschuss ein.
 
Margenschutz soll Mindestspanne sichern
 
Das Margenschutzprogramm soll den Erzeugern eine Mindestspanne zwischen dem Milchpreis und den Futterkosten sichern. Die Eckpreise für Milch, Mais, Alfalfa und Sojaschrot würden vom statistischen Dienst des Landwirtschaftsministeriums (NASS) erfasst. Der Margenschutz würde sich auf 75 Prozent der maximalen Jahresproduktion aus den letzten drei Jahren vor Einführung der Regelung erstrecken. Gegen eine Zusatzzahlung kann der Erzeuger die Obergrenze auf 90 Prozent anheben. 

Mengensteuerung gegen extreme Preisschwankungen

Ein Marktstabilisierungsprogramm soll extremen Preisschwankungen vorbeugen. Dazu wird den Erzeugern bei drohenden Marktüberschüssen eine Krisensteuer vom Auszahlungspreis abgezogen. So soll die Anlieferung an die Marktlage angepasst werden. Auslöser ist die wiederum die durchschnittliche Erzeugerspanne. Sinkt die nationale Marge in zwei aufeinanderfolgenden Monaten unter sechs US-Dollar, werden nur 98 Prozent der historischen Milchbasismenge eines Betriebes bezahlt.
Von der tatsächlichen aktuellen Anlieferung werden bis zu sechs Prozent nicht entlohnt. Fällt die Marge unter fünf (vier) US-Dollar, steigen die Abzüge auf 97 (96) Prozent und sieben (acht) Prozent. Mit der Hälfte der Einnahmen aus der Krisensteuer soll ein Erzeugerboard zu Marktpreisen Produkte ankaufen und als Nahrungsmittelhilfe kostenlos abgeben. Die andere Hälfte der Einnahmen würde dem Bundeshaushalt zufallen.

Milchpreissystem: Kategorien auf zwei Klassen reduzieren

Ferner sieht das Konzept vor, die gegenwärtig vier Milchpreiskategorien für Trinkmilch (Class I), Eiskrem, Joghurt und Frischkäse (Class II),  Käse (Class III),  Butter und Magermilchpulver (Class IV) auf zwei Klassen für Trinkmilch (Class I) und Verarbeitungsmilch (Class II) zu reduzieren.
Die komplizierten und umstrittenen Formeln, nach denen Produkterlöse und Preiskategorien aufeinander abgestimmt werden, sollen durch wettbewerbsorientierte Milchpreise ersetzt werden. Die Molkereien sollen um die Erzeugermilch konkurrieren. Das neue Marktordnungsmodell würde sowohl das 1949 geschaffene staatliche Interventionsprogramm (DPPSP) als auch das Programm zum Einkommensausgleich (MILC) ablösen.
 
Anlass für die Diskussion über eine Einkommensstützung in Abhängigkeit von einer Mindestmarge ist, dass die Milcherzeuger in den USA 2009 zwar hohe Erlöse erzielten; diese wurden aber von deutlich gestiegenen Kosten aufgefressen.

2009 darf sich nicht wiederholen

Der Abgeordnete Peterson warnte, ohne Anpassung des veralteten Sicherheitsnetzes würde eine Wiederholung der Krise von 2009 die Hälfte der US-amerikanischen Milchfarmen die Existenz kosten. Darum müsse jetzt gehandelt werden. Der Vorschlag schaffe ein starkes Sicherheitsnetz. Zugleich entlaste es den Steuerzahler. Das habe eine Prüfung des Vorschlags durch die Haushaltsbehörde des Kongresses bestätigt.

Anhänger auch in Europa

Auch in Europa hat die Einkommensstützung in Abhängigkeit von der Erzeugermarge ihre Anhänger: EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos warb unter den europäischen Landwirtschaftsministern bereits mehrfach dafür, Marktmaßnahmen von der Einhaltung von Mindestspannen abhängig zu machen, beispielsweise am Rindfleischmarkt. Zwar erzielen Jungbullen und Altkühe in diesem Sommer Rekordpreise. Hohe Futterkosten belasten die Einkommen der Rindermäster aber beträchtlich.
 
Nicht zuletzt das Bundeslandwirtschaftsministerium will von einer Politik der garantierten Gewinnspanne bisher jedoch nichts wissen. Auch in den USA stößt die Denkschule der gesicherten Marge auf Kritik. Der Dachverband der Milchindustrie (IDFA) lehnt das jetzt im Agrarausschuss diskutierte Konzept rundweg ab. Ein schon jetzt überregulierter Markt solle zusätzlichem staatlichen Einfluss ausgesetzt werden, kritisierte IDFA-Präsidentin Connie Tipton. Die Mengensteuerung begrenze die Milcherzeugung und belaste die Farmer mit Abgaben, wenn die Preise niedrig seien. Außerdem werde die Wettbewerbsfähigkeit der US-amerikanischen Molkereien auf dem Weltmarkt gefährdet, weil die Preise im Inland künstlich vom internationalen Markt abgehoben würden.
 
Auch der nationale Bauernverband (NFU) wies den Vorschlag zurück. NFU-Präsident Roger Johnson fürchtet, Großbetriebe würden von dem neuen Stützungsmodell am stärksten profitieren zulasten kleinerer Familienbetriebe. Stattdessen forderte der Verband eine Quotierung der Milchproduktion und eine erstattungsfähige Abgabe, die ständig von allen Milchanlieferungen einbehalten werde.    

Norbert Lehmann, Redaktion agrarmanager
Norbert Lehmann, Redaktion agrarmanager
 
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