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Interview

„Ich kann nicht mehr“ - Wenn die Bio-Milchviehhaltung zu teuer wird

Junglandwirtin Marie mit ihren Kühen
am Mittwoch, 16.03.2022 - 10:00 (3 Kommentare)

Junglandwirtin Marie Tigges muss sich schweren Herzens von ihren Milchkühen trennen. Die Milchproduktion ist auf ihrem Hof einfach nicht mehr rentabel. Leicht ist ihr diese Entscheidung allerdings nicht gefallen, wie sie uns im Interview verrät.

„Und plötzlich dreht sich alles schneller als geplant“, schreibt Marie Tigges auf ihrem Instagram-Profil marie.vom.tiggeshof. 2022 wird der letzte Sommer sein, in dem sie und ihre Familie Milchkühe halten. Es war zwar schon länger geplant, die Milchviehhaltung auslaufen zu lassen, doch das Aus kam jetzt doch schneller als gedacht. Die jüngsten Entwicklungen machen die Milchviehhaltung nicht mehr bezahlbar „Als Milchproduzent zahlt man drauf. 12 Cent pro Liter Milch im Biobereich“, schreibt die Junglandwirtin auf Instagram weiter. Wir wollten es genauer wissen und sprechen mit Marie im Interview über die Hintergründe ihrer Entscheidung, wie es ihr damit geht und was die Zukunft für den Tiggeshof bereithält.

Marie, warum habt ihr euch zu dem Schritt entschieden, die Milchviehhaltung aufzugeben?

Wir hatten schon länger im Hinterkopf, dass die Milchkühe irgendwann gehen müssen. Den Stall hat mein Papa 1996 fertig gebaut, den hätten wir grundsanieren müssen. Zudem passt die Milchviehhaltung nicht in das Konzept, das ich für den Hof für die nächsten Jahre im Kopf habe. Mein Verlobter kommt nicht aus der Landwirtschaft und wenn ich den Hof mittelfristig als Hofnachfolgerin alleine weiterführe, fehlt mir einfach die Zeit für die Milchviehhaltung.

Hinzu kommt die Entwicklung der Produktionskosten, richtig?

Ja genau. Aufgrund der Dürre der letzten Jahre mussten und müssen wir Futter zukaufen. Das ist bei Biofutter ohnehin schwer, zudem sind die Getreidepreise jetzt noch mal gestiegen. Auch die Gülleproblematik stellt uns immer wieder vor Herausforderungen und darüber hinaus sind die Dieselpreise explodiert. Gleichzeitig zu den gestiegenen Produktionskosten ist der Milchpreis im Biobereich nicht nachgezogen. Wir bekommen 48 Cent pro Liter, da kommt ein konventioneller Heumilch-Landwirt auch schon fast hin. Und jetzt geht es einfach nicht mehr.

Und wie geht es dir mit der Entscheidung, die Milchkühe gehen zu lassen?

Das ist ganz schwierig zu beantworten. Auf der einen Seite bin ich sehr, sehr traurig. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich beim Füttern keine Tränchen in den Augen habe und denke: „Boah, die sind bald alle nicht mehr da.“ Man kennt die Tiere ja schon sehr lange und arbeitet tagtäglich mit ihnen zusammen.

Andererseits freue ich mich auf die Freiheiten, wie zum Beispiel darauf, dass ich keine festen Melkzeiten mehr habe. Zudem habe ich keinen Druck mehr was das Gülleausbringen angeht und muss mir auch keine Gedanken mehr über Futterpreise machen. Darüber hinaus behalte ich meine Lieblingskühe als Mutterkühe. Das macht‘s ein ganzes Stück leichter.

Wie geht es mit dem Tiggeshof weiter?

Wir werden die Mast und unsere Direktvermarktung von Fleisch weiter ausbauen. Zudem möchte ich eine Solidarische Landwirtschaft (Solawi) aufbauen und unseren Hof so noch weiter öffnen. Darüber hinaus haben wir die weiteren Betriebszweige Bauernhofpädagogik, Bauernhofkindergarten und Legehennenhaltung bereits etabliert, da wir uns nicht mehr nur aufs Rindvieh verlassen möchten. Wir haben tatsächlich auch überlegt, die Milchviehhaltung nicht aufzugeben und die Milch über eine Hofkäserei selbst zu vermarkten. Doch die Steine, die einem da in den Weg gelegt werden, waren einfach zu groß. Dabei wäre es so wichtig, kleine Betriebe wie unseren zu unterstützen, um in gesunden Kreisläufen wirtschaften zu können.

Welche Steine waren das denn?

Wer seine Milch selbst verarbeiten will, muss zum einen enorm viele Vorschriften einhalten. Zum anderen kostet es sehr viel Geld, es gibt aber keine Fördermöglichkeiten. Stattdessen bekam ich an jeder Stelle, an der ich angefragt habe, um mich zu informieren, den Rat: „Mach‘s nicht, das ist viel zu kompliziert.“ Ich würde mir wirklich wünschen, dass man besser abgeholt wird und die kleinstrukturierte Landwirtschaft so besser erhalten bliebe.

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