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Nahrung oder Naturschutz - Umkämpfte Felder und Wiesen

Diskussionsrunde beim Corteva Media Club
am Dienstag, 26.11.2019 - 13:42 (Jetzt kommentieren)

Was hat künftig Vorrang auf unseren Äckern und Weiden: Nahrungsmittelerzeugung oder Naturschutz? Dazu diskutierten Experten aus Landwirtschaft, Naturschutz, Industrie und Politik in Berlin.

Das Thema der Podiumsdiskussion war provokant gewählt: "Umkämpfte Felder und Wiesen: Die Natur schützen oder Lebensmittel produzieren". Und die Besetzung des Podiums ließ weit entfernte Standpunkte ahnen. Nicht zuletzt warf die bevorstehende landwirtschaftliche Großdemonstration in Berlin ihre Schatten voraus.

Unschwer zu raten also, dass beim Media Club von Corteva Agriscience am Montag in der Berliner Kalkscheune heiß diskutiert wurde.

Landwirt: Anstrengungen der Branche werden nicht wahrgenommen

Es ging vor allem um die Frage, wie die künftige Beihilfengestaltung aussehen soll. Die Forderung von Angelika Lischka, Referentin für EU-Agrarpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), war eindeutig: Prämien nur nur noch an Umweltmaßnahmen gebunden. Ziel dabei: Mindestens 10 Prozent der Fläche eines jeden Betriebes sollen dem Naturschutz vorbehalten bleiben. Das ginge natürlich nur gemeinsam mit den Landwirten.

Das, konterte Landwirt und Agrarblogger Bernhard Barkmann, sei aber nur mit einer wirklich gerechten Entlohnung von Natur- und Umweltschutzmaßnahmen möglich. Sonst läge die Last weiterhin nahezu allein auf den Schultern der Landwirte. Der immer weiter voranschreitende Flächenverlust durch den Industrie-, Wohnungs- und Infrastrukturbau werde den Bauern aufgedrückt.

Bereits jetzt seien immer mehr Betriebe zur Aufgabe gezwungen, weitere Einkommensverluste könnten die meisten nicht stemmen. "Das Agrarpaket hat das Fass bereits zum Überlaufen gebracht. Unsere Anstrengungen und Erfolge beim Umweltschutz werden nicht registriert, stattdessen sind wir zum Spielball der Politik geworden." Deswegen seien Tausende Landwirte mit ihren Traktoren auf dem Weg nach Berlin.

SPD-Agrarsprecher: freier Unternehmer oder Beihilfenempfänger?

Rainer Spiering, agrarpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sah das anders: Das Fass habe die Entwicklung der Landwirtschaft zum Überlaufen gebracht. Zu lange hätten zu wenige entschieden, wie es mit der Landwirtschaft in Deutschland weitergehen solle. Ihm sei beispielsweise deutlich in Erinnerung, wie eng die Verbindung zwischen dem ehemaligen Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (ebenfalls SPD-Politiker wie Spiering) und einem Landesbauernpräsidenten gewesen sei.

Eine nachhaltige Landwirtschaft brauche Innovationen, vor allem dafür müssten die EU-Fördermittel genutzt werden. "Wenn Sie heute Landwirt sind, müssen Sie sich mal entscheiden: Wollen Sie ein freier, selbstständiger Unternehmer sein oder weiter Fördermittel kassieren?"

Außerdem stünde die Branche viel weniger schlecht da als sie nach außen vermittle. Betriebliche Insolvenzen seien - verglichen mit anderen Berufsgruppen - unterdurchschlittlich häufig. Und durch die enorm gestiegenen Flächenpreise hätten sich die rein bilanziellen Werte der Betriebe in den vergangenen zehn Jahren in vielen Fällen nahezu verdoppelt. Auf die Frage, wie das beim Mangel an Betriebskapital, der vielen Landwirten zu schaffen macht, helfen könne, blieb Spiering eine Antwort weitgehend schuldig. Er habe das nicht wertend gemeint.

Corteva-Forschungsleiter: Neue Methoden nach Wirkung beurteilen

Dr. Andreas Huber von Corteva Agriscience beschwor ein neues Verhältnis zu wissenschaftlichen und technischen Methoden in Deutschland, wenn die Landwirtschaft künftig wirklich stärker von Innovationen profitieren solle. Die Bewertung von Mitteln und Verfahren anhand ihres Herstellungsprozesses anstelle ihrer Wirkungen und Nebenwirkungen, sei hemmend für jeden Fortschritt.

"Heutzutage werden neue Technologien nur danach beurteilt, ob sie natürlich, synthetisch oder mit Hilfe von CRISPR/Cas entwickelt wurden sind. Am Ende kann man die Pflanze aber nicht mehr unterscheiden. Wir brauchen eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber diesen Technologien, denn sie würden dem globalen Ökosystem helfen, unsere Probleme zu lösen", sagte Huber.

Nabu-Agrarexpertin: Soziale Belange sind die Aufgabe anderer

Am Ende wurden noch einmal Zielkonflikte deutlich. Auf die agrarheute-Frage, inwieweit sich Forderungen nach einer massiven Umschichtung der Beihilfen in die zweite Säule denn mit einer (politisch angestrebten) Ausbremsung des Strukturwandels vereinen ließe, antwortete die EU-Agrarpolitik-Expertin Angelika Lischka vom Naturschutzbund, es sei nicht Aufgabe ihres Verbandes, "jeden kleinen Betrieb zu erhalten".

Wenn es tatsächlich großen Unternehmen leichter falle, auf generelle Flächenprämien zu verzichten und ungünstige Flächen aus der Bewirtschaftung zu nehmen, sei das im Sinne des Naturschutzes. Um soziale Fragen müssten sich andere Gremien kümmern.

 

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