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Kommentar

Nische mit Nebenwirkungen: Fleisch aus antibiotikafreier Aufzucht

Aufgeschnittene Salami
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Sabine Leopold, agrarheute
am
24.04.2018

Der Fleischverarbeiter Reinert bietet ab Juli Schinken und Salami aus antibiotikafreier Aufzucht. Für Schwein, Erzeuger und Verbraucher bringt das wenig, meint agrarheute-Redakteurin Sabine Leopold.

Sabine Leopold, agrarheute

Der Veggie-Hype sei vorüber, erklärte Fleischverarbeiter Hans-Ewald Reinert vor wenigen Wochen. Sein Unternehmen konzentriere sich auf echte Fleischprodukte von hoher Qualität.

Wer das für ein erfreuliches Statement hielt, staunte kurze Zeit später, wie Fleischverarbeiter Reinert die nächste Sau durchs Dorf trieb: Ab Juli liegen in Supermarkt-Regalen unter dem Markennamen „Herzenssache“ Wurstsorten aus antibiotikafreier Aufzucht – made by Reinert. Das Fleisch dafür kommt aus Dänemark.

Vorurteile werden weiter genährt

Nun ist Antibiotikareduzierung ansich ein wirklich wichtiges Vorhaben, an dem Tierhalter seit Jahren intensiv und mit Erfolg arbeiten, auch wenn noch manches zu tun bleibt.

Ein Siegel, das eine hundertprozentig antibiotikafreie Aufzucht garantiert, suggeriert dem Kunden jedoch fälschlicherweise, in konventionellen Fleischprodukten seien Antibiotika enthalten oder könnten es zumindest sein.

Zudem bestätigt die Verknüpfung der Begriffe "Antibiotika" und "Aufzucht" den Verbraucher weiter in der irrigen Annahme, das Medikament werde hierzulande üblicherweise als wohlfeiles Mastmittel eingesetzt. Das ist ein schwerer Schlag für die hiesigen Nutztierhalter

Nur ohne Behandlung ein Premium-Produkt

Aber selbst, wenn es gelingen sollte, dem Verbraucher den Unterschied zwischen „kein Antibiotikaeinsatz in der Aufzucht“ und „keine Antibiotika im Endprodukt“ zu vermitteln: Das hier gegebene scheinbare Qualitätsversprechen lässt alle Facetten außer Acht, über die die Agrarbranche seit geraumer Zeit aufzuklären versucht.

Nämlich dass die Garantie, ein fleischlieferndes Tier habe keinerlei Antibiose in seinem Leben erfahren, nur zwei Vorgehensweisen kennt: Entweder, das betreffende Rind, Schwein oder Huhn erhält bei schwerer Erkrankung oder Verletzung keine oder nur sehr begrenzte medikamentelle Hilfe. Oder jedes Tier, das ein Antibiotikum benötigt, fliegt unweigerlich aus der Premium-Produktion.

Dann allerdings muss der behandelte Teil der Herde von anderen Menschen gegessen werden. Schon damit müsste jedem klar sein, dass eine antibiotikafreie Tierproduktion bestenfalls ein kleine Nische sein kann.

Wem nützt garantierte Antibiotikafreiheit?

Wohin also führt dieses Programm, von dem man getrost erwarten darf, dass andere Fleischerzeuger sich mit eigenen Siegeln anschließen werden?

Gesündere Tiere? Eher nicht, die lassen sich durch ein ausgefeiltes Herdenmanagement einschließlich optimaler Fütterung und tiergerechter Haltung erreichen – egal, ob konventionell oder bio. Eine Antibiotika-Reduzierung ist eine der erfreulichen Folgen daraus. Doch auch diese Tiere brauchen, wenn nötig, eine adäquate Behandlung. Und keinen Landwirt, der zu lange damit zögert, weil jedes behandelte Tier einen erheblichen Wertverlust erleidet.

Und gesündere Menschen? Auch hier darf man zweifeln. Die Hauptlast antibiotikaresistenter Keime kommt nach wie vor aus dem Humanbereich, da dürfte der Verzehr „antibiotikafreier“ Wurst bestenfalls gut fürs Gemüt der Fitnessgesellschaft sein.

Das Risiko bleibt beim Bauern

Am Ende wird wohl auch das „Antibiotikafreie Aufzucht“-Siegel nicht viel mehr sein als zuvor die Veggie-Wurst oder das Prädikat „Ohne Gentechnik“: Ein gutes Mittel, zusätzliches Geld beim zunehmend verunsicherten Verbraucher locker zu machen.

Das ist für den Verarbeiter legitim. Ob davon aber am Ende auch nennenswerte Summen beim Produzenten ankommen werden, bleibt abzuwarten. Auf der Grünen Woche sprach Hans-Ewald Reinert von 20 Prozent höheren Erzeugerpreisen, zugleich aber auch davon, dass die neue Marke preislich an der Ladentheke unter dem Bio-Segment bleiben soll.

Anbetracht des Produktionsaufwandes für die antibiotikafrei aufgezogenen Tiere – das Reinert-Programm fordert unter anderem 30 Prozent mehr Platz und kleinere Herden – und des Risikos, bei einem einzigen Krankheitsausbruch auf diesen Zusatzkosten sitzen zu bleiben, könnte das verdammt knapp werden für die Bauern im „Herzenssache“-Programm.

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