Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Notlage

Pachtkündigung nach 35 Jahren: Bäuerin kämpft um ihren Hof

CERES-Biolandwirt_Frey_JAWORR_TJR_2728
am Mittwoch, 16.02.2022 - 05:00 (4 Kommentare)

Anja Frey und ihr Mann Pius bewirtschaften seit über 30 Jahren den Völkleswaldhof in Baden-Württemberg nach Demeter-Richtlinien. Ende des Jahres müssen sie ihren Betrieb und damit ihr Zuhause verlassen - der Hof gehört einer Hamburger Stiftung und der Pachtvertrag wurde nicht verlängert. Eine Online-Petition aus der Region macht der Familie Mut. Weiterkämpfen oder weiterziehen? Das ist die Frage, die Anja Frey sich täglich stellt. Wir haben sie gefragt, wie sie das schafft und wie sie weitermachen will.

Bio-Landwirtin Anja Frey war Finalistin beim CeresAward. Sie hat beim Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau einen Preis gewonnen. Sie ist einer der wenigen Vorzugsmilch-Erzeuger in ganz Deutschland. Sie hat mit dem Bruderkalb-Programm eine wegweisende Vermarktungsinitiative in ihrer Region gegründet. Ihr Hof ist ein mehrfach ausgezeichneter Demeter-Vorzeigebetrieb. Und trotzdem sollen die Familie und ihre Milchkühe den Völkleswaldhof in Oberrot bis zum 1. November verlassen.

Familie sucht neue Betriebsstätte

CERES-Biolandwirt_Frey_JAWORR_DJI_0365

Pius und Anja Frey produzieren Vorzugsmilch im baden-württembergischen Oberrot in ihrer eigenen Molkerei, die restliche Milch geht an die Molkerei Schrozberg. Die Kälber ihrer Milchkühe dürfen länger bei ihren Müttern bleiben als anderswo, auch wenn dann nicht so viel Milch verkauft werden kann. Die Kühe dürfen ihre Hörner behalten.

Der Völkleswaldhof ist ein Vorzeigebetrieb für eine Landwirtschaft, wie viele Verbraucher sie sich wünschen. Deutschlandweit wurde der Hof zuletzt durch die SWR-Fernsehserie „Lecker aufs Land“ bekannt. Und nicht zuletzt ist er seit Jahrzehnten das Zuhause der Familie und Lebensmittelpunkt für viele weit über die Familie hinaus.

Aber der Betrieb ist nur gepachtet. und der Pachtvertrag läuft zum 1. November 2022 aus. Ein Besitzerwechsel - der Hof wurde 2019 von der privaten Besitzerin an die Stiftung „Aktion Kulturland“ gestiftet - änderte nichts daran: Nach jetzigem Stand müssen die Freys am 31. Oktober vom Hof.

Pachtvertrag gekündigt

Frau Frey, haben Sie sich gegen die Kündigung des Pachtvertrags gewehrt?

Ja, natürlich, Wir haben auf Existenzsicherung geklagt, aber das Gericht hat zumindest rein rechtlich die Kündigung bestätigt. Denn der gesetzliche Schutz läuft in der Landwirtschaft nach 18 Jahren aus. Es ist also absolut rechtmäßig, dass wir auch nach so langer Pachtzeit ausziehen müssen. Emotional aber ist das schwer zu fassen, wie es zu so einer Entscheidung kommt. Wir bewirtschaften den Hof schon so lange.

Und es geht mir nicht nur um unsere Familie: Wir haben Verantwortung übernommen für unsere Tiere und für das Land, für diese 80 ha. Wir haben den Hof und die Flächen bewirtschaftet und versucht, es für die nächsten Generationen zu pflegen und nachhaltig weiterzuentwickeln. Das wollen wir nicht einfach aufgeben aus Gründen, die wir nicht kennen.

Sie wissen also nicht, warum die Kündigung weiter besteht?

Nein, leider nicht. Der Pachtvertrag wurde bei der letzten Verlängerung bis 2022 abgeschlossen und sollte dann auch anschließend weiter an uns verpachtet werden. Dann ging der Hof an die Stiftung Aktion Kulturland über, die den da bereits gekündigten Pachtvertrag übernahm. Wir dachten, das würde uns die Möglichkeit geben, den Vertrag neu zu verhandeln, aber das ist nicht passiert. Auch unsere Bewerbung wurde nicht berücksichtigt. Nun hoffen wir doch noch auf eine Einigung im letzten Moment. Parallel müssen wir aber natürlich nach einer Alternative suchen für unsere Tiere und uns.

Online-Petition von Unterstützern aus der Region

Wie ist die Reaktion aus Ihrer Umgebung? Wie die von Berufskollegen?

Ganz viel Zuspruch! Wir werden viel unterstützt und uns wird Mut gemacht, weiter für unseren Hof und unsere Ideale zu kämpfen. Auch wenn es in der Region schon lange ein Thema ist. Nun wurde hier in der Region von Kunden und Freunden eine Online-Petition gestartet, die sich dafür stark macht, dass wir auf dem Völkleswaldhof bleiben dürfen.

50 Milchkühe, Nachzucht, Maschinen, Milchverarbeitung – wie zieht man sowas um?

Das wird ein unfassbarer Aufwand. Es ist ja kein einfacher Wohnungsumzug – wir haben Maschinen, Tiere, Nachzucht, Futtermittel, Molkereiequipment, und auch die Lieferbeziehungen - an so einem Hof hängt so unfassbar viel dran. Ich bin momentan etwas ratlos, wie das geschehen soll. Wir suchen ja schon länger hier in der Region nach einer möglichen Hofstelle, so dass wir unsere gepachteten Flächen und unser aufgebautes Direktvermarktungskonzept behalten können. Aber notfalls müssen wir weiter wegziehen - oder sogar den Beruf Landwirt aufgeben.

Ich meine, wir reden hier gerade darüber, ob wir unsere Kühe noch besamen, weil das im Fall der Fälle bedeuten würde, dass wir sie nicht zum 31. Oktober alle schlachten können. Für mich als Landwirtin ist das wirklich schwer.

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Der Beruf des Landwirtes ist ja nicht nur irgendeine Berufswahl, sondern eine Lebenseinstellung, eine Berufung. Ich wünsche mir hier auf allen Ebenen Begegnungen auf Augenhöhe in einer Gesellschaft mit Dialog, Toleranz, Verständnis und Wertschätzung.

Und ich wünsche mir für die Zukunft eine umgehende Reform des Landpacht- und Grundstücksverkehrsgesetzes. Das Verfahren zur Anzeigepflicht für Landpachtverträge muss rechtssicher und transparent umgesetzt und bei Umgehung sanktioniert werden. Im Grundstücksverkehrsgesetz ist ein Drittschutzrecht aufzunehmen für unterlegene Kaufinteressenten, wie z.B. der bisherige Pächter, der die landwirtschaftliche Nutzung fortführen will. 

Diesem muss zukünftig der Rechtsweg gegen eine solche Entscheidung möglich sein. Pachtvergabe und Landverkauf müssen an Kriterien gebunden werden. Öffentliche Flächen sollten nach Gemeinwohlkriterien verpachtet werden. Die Pachtpreis- und Kaufpreiserhöhungsbremse sollte von bisher 50 auf 10 Prozent des Kaufpreises über ortsüblichen Preisen abgesenkt werden. Die weitere rasante Versiegelung von landwirtschaftlichen Nutzflächen ist zu stoppen, weil sie für die regionale Ernährung, Wertschöpfung, aus Klimaschutzgründen und als Lebensgrundlage wichtig ist. Ich finde es unbedingt erstrebenswert, wenn der Flächenverbrauch ist bis zum Jahr 2030 bundesweit auf unter 20 ha pro Tag absinkt.

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...