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Pflanzenschutz

Pflanzenschutzmittel in der Luft: Der Elfmeterpunkt

Orangefarbener Traktor mit Pflanzenschutzspritze auf einem Feld
am Donnerstag, 08.10.2020 - 09:00 (Jetzt kommentieren)

Kürzlich wurde eine Studie veröffentlicht, nach der Pflanzenschutzmittel überall in der Luft nachweisbar und deshalb für Mensch und Umwelt bedrohlich seien. Fachleute haben mal nachgerechnet, ob das stimmen kann.

Am 29. September gaben das Umweltinstitut München und das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft in Berlin eine Pressekonferenz. Dort wurde eine von beiden Vereinen initiierte Studie vorgestellt, nach der überall in Deutschland Pflanzenschutzmittelrückstände in der Luft nachweisbar sind (agrarheute berichtete).

Die ebenfalls bei der Presseveranstaltung anwesende Bundesumweltministerin Svenja Schulze nannte die Untersuchungsergebnisse "besorgniserregend" und nahm den Auftritt zum Anlass, erneut ihren Einsatz für eine weitreichende Beschränkung von Pflanzenschutzmitteln zu bekräftigen. Zahlreiche große Medien berichteten.

Zahlen unter der Lupe

Bereits während der Pressekonferenz fiel die Zurückhaltung der Studienersteller bezüglich konkreter Zahlen auf. Stattdessen verwies Studienleiterin Dr. Maren Kruse-Plaß vom Institut TIEM auf kumulative Einzelwerte, die in monatelang aufgestellten Sammelfiltern gemessen wurden. Diese lagen ausnahmslos im Milliardstelgramm-Bereich.

Der Molekularbiologe und Wissenschaftspublizist Ludger Weß hat sich mit den veröffentlichten Zahlen auseinandergesetzt und nach praktischen Vergleichen gesucht. Auf Twitter schreibt er: 

"Ich hab nachgerechnet. Legt man den jeweils höchsten gefundenen Wert zugrunde, müsste ein erwachsener Mensch von 80 kg Gewicht pro Tag 440 m² 'verseuchter' Filtermatten, 12.500 'belastete' Passivsammelfilter oder 240 kg 'kontaminierte' Baumrinde essen, um bei Glyphosat den ADI-Wert zu erreichen, definiert als Menge eines Stoffes, die ein Mensch lebenslang täglich mit der Nahrung aufnehmen kann, ohne dass eine Gesundheitsschädigung zu erwarten ist."

Auch andere haben nachgerechnet

Balkendiagramm zum Vergleich von Glyphosat in einer maximalen Aufnahmemenge pro Tag und aufgefundenen Menge

Auch der Geschäftsführer von Bayer Crop Science Deutschland, Peter Müller, hat für einen offenen Brief an die Studienauftraggeber den Taschenrechner zur Hand genommen. Er schreibt an das Umweltinstitut München: 

"In Ihrem mehr als 130 Seiten starken Bericht ist jedoch von Mengen bzw. Konzentrationen kaum etwas zu finden. [...] Selbst auf mehrfache Nachfrage während Ihrer Pressekonferenz bekamen Journalisten keine konkrete Antwort. Ich habe mich gefragt: Warum nicht? [...] Ein Blick auf die spärlichen Mengenangaben in Ihrem Bericht liefert eine schnelle Erklärung: Ihre Proben sind von so verschwindend geringer Konzentration, dass Sie sich offenbar entschieden haben, das Thema besser überhaupt nicht anzusprechen. [...] Die Mengen, die ein erwachsener Mensch jeden Tag sein ganzes Leben lang ohne Gefahr für seine Gesundheit zu sich nehmen könnte, liegen um das 100-, 1.000- oder gar 10.000-fache über den Konzentrationen, die das von Ihnen beauftragte Unternehmen während der gesamten mehrmonatigen Sammeldauer gefunden hat." (siehe Grafik)

Die Gefährlichkeit eines Elfmeterpunktes

Fussballfeld mit Pfeil, der auf den Elfmeterpunkt zeigt

Angelehnt an die von Peter Müller genannten Werte hat die agrarheute-Redaktion ebenfalls nochmal gerechnet: Die maximal nachgewiesene Glyphosat-Menge betrug über 2,5 Monate (also grob 75 Tage) 0,0032 mg (übrigens ist dieser Wert ein deutlicher Ausreißer nach oben, betrachtet man die restlichen Ergebnisse). Am Tag sammelte der betreffende Filter also durchschnittlich 0,000043 mg. Das wiederum sind 0,0001 Prozent der täglich zulässigen Gesamtaufnahmemenge (40 mg/Tag) eines rund 80 kg schweren Menschen, unter der keinerlei Schadwirkung zu erwarten ist.

Und weil der Mensch so gerne in Fußballfeldern misst, begeben wir uns auch auf den grünen Rasen: Nehmen wir an, die Gesamtfläche eines Standardfußballfeldes (7.140 m²) wäre mit einem Lebensmittel bewachsen, das potenziell ab einer gewissen Aufnahmemenge für den Menschen schädlich sein kann (wie das jeder Stoff ab einer bestimmten Menge ist). Und nehmen wir weiter an, ein Mensch könnte an einem Tag die gesamte Fläche abgrasen und würde erst dann an die erlaubte Tagesdosis heranreichen, ab der das betreffende Lebensmittel nicht mehr als medizinisch unbedenklich gilt. Dann reden das Umweltinstitut München, das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und Umweltministerin Svenja Schulze von einer Gefährdung, obwohl unser Proband tatsächlich nur 0,00714 m² oder 71,4 cm² von der Kickerwiese futtert. Das ist ein kleines bisschen mehr als ein A4-Blatt oder ungefähr der Durchmesser eines der beiden Elfmeterpunkte.

Oder kurz: Die nachgewiesene Menge Glyphosat verhält sich zur medizinisch unbedenklichen Tageshöchstmenge wie der Elfmeterpunkt zum gesamten Spielfeld. Rote Karte für die Panikmacher.

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