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Ernährung und Gesundheit

Prolactal gesteht erstmals eigene Fehler ein

Externer Autor
am
01.03.2010

Wien - Der Hersteller des gesundheitsgefährdenden "Listeria-Käses" hat am gestrigen Sonntag bekannt gegeben, dass in die Käse-Produktionshalle eindringende Dungkäfer sowie der Wechsel von Schutzkulturen im Käse für das Desaster verantwortlich sein dürften.

Laut Aussendung des letzte Woche angeheuerten Krisen-PR-Fachmannes hätte der Käsehersteller Prolactal bei der seit Ende Januar andauernden Suche nach den möglichen Ursachen für die Listeriosen samt den bisher acht Toten nun zwei Eigenfehler ausgemacht:

Einerseits hat man die sogenannten Schutzkulturen - das sind gesetzlich erlaubte Konservierungsmittel - im November 2009 zweimal ausgetauscht. Der Tausch erfolgte gegen Kulturen, die keinen ausreichenden Schutz gegen Listerien geboten haben. Das interne Warn- und Kontrollsystem hätte darüber zwar informieren müssen, was aber nicht geschah, denn die Geschäftsführung hätte davon erst im heurigen Januar erfahren. Deshalb sei es nicht auszuschließen, dass Quargel ohne wirksame Listerienhemmer mit erhöhten Listerienwerten in den Lebensmittelhandel gelangen konnte.

Dungkäfer schleppen Listerien ein

Der zweite Fehler beruhe auf Dungkäfer, die durch ein Fenster eingedrungen waren und möglicherweise die Listerien in den Käse eingeschleppt hätten. Eben diese Dungkäfer wären bereits im Herbst 2009 in hauseigenen Insektenfallen gefunden worden, räumte die Firma nun ein.

Zweifel an den Schuldeingeständnissen

Als Konsequenz wurde die Produktionsstätte im Herbst zwar gereinigt und desinfiziert. Listerien seien danach nicht mehr nachweisbar gewesen, doch nach heutigem Stand müsse man davon ausgehen, dass sie noch da waren, heißt es in der Firmenverlautbarung. Doch an dieser Version meldete der steirische BZÖ-Politiker Gerald Grosz umgehend Zweifel an. Der Listerienbefall müsse seiner Meinung nach bereits früher erfolgt sein, da die ersten Erkrankten aus dem Sommer, beziehungsweise Frühherbst stammten. Die Geschäftsführung behauptet  bisher, dass man über den Zusammenhang des Listeria-behafteten Käses mit den Erkrankungs- und Todesfällen von Seiten der Gesundheitsbehörden bis Mitte Feber nicht informiert worden wäre.

In der Aussendung vom gestrigen Sonntag wurde hingegen das Gegenteil behauptet: Demnach wäre Prolactal am 19. Januar von der staatlichen AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH) vom möglichen Zusammenhang unterrichtet worden.

Käse-Qualitätsprobleme waren beim Handel bekannt

Der kontaminierte Sauermilchkäse stand im Lebensmittelhandel aber offenbar schon vor den finalen Erkenntnissen der Gesundheitsbehörden (15. bis 22. Januar 2010) auf der Abschussliste. Nach Informationen der Österreich-Ausgabe des "dlz agrarmagazins" nahm etwa der Discounter "Penny" in Österreich den Quargel, den man unter der Eigenmarke "Milchkanne-Quargel" angeboten hatte, für immer aus den Regalen. Laut REWE International AG-Sprecherin Corinna Tinkler "wurde der Milchkanne Quargel von Prolactal, der bei Penny in Österreich geführt wurde, bereits vorbeugend Anfang Jänner permanent ausgelistet, da die Qualitätsstandards für die Eigenmarke von Seiten des Produzenten nicht wie vereinbart, kontinuierlich eingehalten werden konnten." Welche Qualitätsmängel der Käse hatte, wurde allerdings nicht bekannt gegeben.

Käse stand schon im Herbst als möglicher Auslöser fest

Derweil ermitteln Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei wegen des Verdachts auf körperliche Gemeingefährdung mit - teilweise - tödlichem Ausgang. Dabei steht speziell der Umgang des Käseproduzenten mit der Hygiene, den internen Qualitätskontrollen sowie deren Dokumentation im Fokus der Untersuchungen.

In seiner heutigen Ausgabe berichtet das Nachrichtenmagazin "profil", dass das Gesundheitsministerium (BMG) bereits Ende November nicht nur Kenntnis vom Ausbruch der tödlichen bakteriellen Krankheit hatte, sondern auch die Infektionsquelle schon praktisch lokalisiert worden war. Die AGES habe Patientenisolate mit 600 Lebensmittelisolaten verglichen und dabei drei verdächtige Lebensmittelproben isoliert. Darunter habe sich auch der Quargel befunden. Die erste amtliche Probenziehung in der verdächtigten Firma erfolgte allerdings erst am 13. Januar 2010. Am 22. Januar sendet die AGES dann die Warnung an alle Länder der EU, in der auf den verseuchten Quargel hingewiesen wird. Am 23. Januar reagiert der Discounter "Lidl", lässt den Hartberger Käse aus den deutschen Regalen entfernen und gibt eine öffentliche Warnung ab. Im Tagebuch des BMG steht: "Rücknahme vom Markt, Information der Öffentlichkeit durch Herstellerbetrieb."

Gesundheitsminister Stöger weiter unter Druck

Erst drei Wochen später, am 15. Februar, will das offizielle Gesundheitsministerium laut dem "profil"-Bericht von der ganzen Sache erfahren haben. Am 16. Februar sagte Minister Stöger (SPÖ) vor dem Ministerrat, sobald er selbst informiert worden sei, habe er auch die Öffentlichkeit informiert. Welche Maßnahmen er konkret gesetzt habe, konnte er allerdings nicht sagen. Das BZÖ wird laut "profil" dieser Tage neben der bereits angekündigten Ministeranklage gegen Stöger beim Verfassungsgerichtshof auch eine Strafanzeige wegen Beihilfe zur Körperverletzung mit tödlichem Ausgang, Amtsmissbrauch und anderen Tatbeständen bei der Staatsanwaltschaft einbringen. Die Strafanzeige richte sich auch gegen den zuständigen Bereichsleiter für Verbrauchergesundheit im BMG. (ots/dlz/sp/pd)

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