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Wirtschaft

Russland verteidigt Vernichtung westlicher Lebensmittel

dpa
am
10.08.2015

Hunderte Tonnen Essen verbrennen die russischen Behörden innerhalb weniger Stunden. Oppositionelle appellieren an die Vernunft, die Verschwendung zu unterbinden. Auch aus dem Westen kommt Kritik.

Der russische Verbraucherschutz hat die massenhaft Vernichtung von westlichen Lebensmitteln verteidigt. Die umstritten Maßnahme entspreche weltweiter Praxis, meinte die Behördenleiterin Anna Popowa in der Zeitung "Rossijskaja Gaseta" am Freitag. Russland hatte am Vortag begonnen, Hunderte Tonnen Lebensmittel zu verbrennen, die unter ein Embargo für Essen aus der EU und den USA fallen.
 
 
 
Tag 1: Mehr als 300 Tonnen Lebensmittel verbrannt
 
Am ersten Tag wurden nach Angaben der Agraraufsicht insgesamt mehr als 300 Tonnen Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse zerstört. Popowa verwies auf den Lebensmittelkodex der Welternährungsorganisation, wonach Nahrung beim Import in ein Land mit umfassenden Informationen ausgestattet sein muss. "Sanktionierte Produkte mit Dokumenten einzuführen, die ihre Qualität und Sicherheit bestätigen, ist unmöglich", sagte sie. Ohne Zertifikate und Papiere ins Land geschmuggeltes Essen werde vernichtet, denn es stelle eine Gesundheitsgefährdung dar, behauptete sie.

Verbotenes West-Essen an Kinder- und Altenheime

Davon sind viele Russen nicht überzeugt. Zwei Abgeordnete der oppositionellen Partei Jabloko im Stadtrat von St. Petersburg baten Kremlchef Wladimir Putin in einem Brief, den umstrittenen Erlass aufzuheben und das verbotene West-Essen an Kinder- und Altenheime zu geben. "Diese Produkte sind von höchster Qualität", schrieben die Politiker einer Mitteilung der liberalen Partei zufolge. Einer Petition von Bürgern mit ähnlichen Forderungen schlossen sich bis zum Freitagnachmittag mehr als 310.000 Menschen an. 
Scharfe Kritik kam auch aus Berlin. "Gute Lebensmittel verbrennt man nicht", sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Friedrich Ostendorff den "Lübecker Nachrichten. "Eine solche schwachsinnige Aktion auf Weisung des russischen Präsidenten kann ich nur auf das Schärfste zurückweisen."

Westliche Lebensmittel wurden umetikettiert

Ungeachtet des Importverbots sind nach Behördenangaben im vergangenen Jahr Hunderte Tonnen Essen aus dem Westen nach Russland geliefert und dann umetikettiert worden. Vor allem über Weißrussland und Kasachstan führen die Schmuggelrouten. Denn dank ihrer Mitgliedschaft in der von Russland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion sind dort die Grenzkontrollen gering.

Hunderttausende Russen protestieren gegen die Verschwendung

Russische Medien und Bürger sehen in der Verbrennung indes eine unfassbare Verschwendung von Essen. "Die Behörden wollen die Vernichtung von Lebensmitteln in einem Land begründen, das in seiner Geschichte viele Male Hunger gelitten hat und lange ein Nahrungsmitteldefizit hatte", kritisiert die Zeitung "Wedomosti". Hunderttausende Russen protestierten mit einer Petition im Internet gegen das Projekt. Sie verlangen, das Essen an Bedürftige wie Rentner, Invalide und Veteranen zu verteilen. Mehr als 20 Millionen Russen gelten Berichten zufolge als arm. Rund 280.000 Menschen unterstützen die Aktion. Allein am Donnerstag kamen innerhalb weniger Stunden rund 20.000 Unterschriften hinzu.

Kreml droht mit Sanktionen gegen weitere Länder

Mit seinem Embargo will Kreml-Chef Putin langfristig die heimischen Bauern stärken und dafür sorgen, dass mehr russische Produkte in den Supermärkten zu kaufen sind. Das Embargo ist Putins Antwort auf Strafmaßnahmen des Westens wegen der Ukraine-Krise. Inzwischen droht der Kreml, seine Sanktionen auch auf Montenegro, Albanien, Island, Norwegen und Liechtenstein auszuweiten, die sich kürzlich den Strafmaßnahmen der EU angeschlossen hatten. Aufsehen erregte in der Nacht zum Donnerstag ein Lastwagenfahrer an der weißrussischen Grenze. Als er erfuhr, dass seine Ladung mit 1,5 Tonnen Tomaten vernichtet werden soll, warf er kurzentschlossen den Motor an und machte sich über die Grenze nach Weißrussland davon.
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