Login
Kommentar

Eine satte Gesellschaft kann sich absurde Wünsche leisten

Voller Teller
Sabine Leopold
am
27.07.2017

Wir werden immer mehr auf unserem Planeten. Und alle wollen essen, heute und in Zukunft. Das Erstaunliche: Tatsächlich nimmt die Zahl der Hungernden trotz wachsender Weltbevölkerung seit einigen Jahrzehnten stetig ab. Zu verdanken ist das in erster Linie einer immer effektiveren und leistungsfähigeren Agrarproduktion.

Sabine Leopold, agrarheute

Das wäre ein Grund, die moderne Landwirtschaft zu feiern, möchte man meinen. Doch die Realität sieht — zumindest hierzulande — anders aus. Die deutsche Öffentlichkeit fürchtet tödliche Gefahren aus einer Nahrung, die so sicher ist wie nie zuvor. Sie fordert eine Landwirtschaft "ohne Chemie". Selbst Gene möchte so mancher nicht in seinem Essen haben. Eine satte Gesellschaft kann sich solche absurden Wünsche leisten. Wenn der hiesige Verbraucher das verlangt, können wir auf Dünger und Pflanzenschutz verzichten und weiter und weiter extensivieren. Denn was Europa nicht selber erzeugt, kaufen wir aus Drittländern zu. Inzwischen ist die EU weltweit der größte Importeur auf dem Nahrungsgütersektor.

Da klingt es wie Hohn, dass Globalisierungsgegner vor allem unsere Agrarexporte anprangern. Diese seien ein Hauptgrund für die Verelendung in der Dritten Welt, denn sie zerstörten den Markt für die Kleinerzeuger vor Ort. Was die Kritiker — bewusst oder unbewusst — übersehen: Die exportierten Lebensmittel decken in Afrika und Asien einen dringenden Bedarf. Denn dass dort die Versorgungslage trotz wachsender Bevölkerung immer besser wird, liegt leider in den seltensten Fällen an einer Steigerung der lokalen Agrarproduktion. In Entwicklungsländern ackern auch heute noch die meisten Bauern knapp jenseits der Subsistenzwirtschaft. Und das wird sich kaum ändern, solange eine gut gemeinte, aber schlecht gemachte Entwicklungshilfe aus den Industrienationen den Ländern der "Dritten Welt" ihre romantisierten Vorstellungen von naturnaher Lebensweise und traditioneller Landwirtschaft überstülpt, statt dort das zu fördern, was einst auch in Europa den Hunger besiegte: Arbeitsteilung, Konzentration, moderne Betriebsmittel und effektivere Methoden in der Agrarproduktion.

Die Kontroverse um die Landwirtschaft der Zukunft mag uns zum Halse heraushängen. Aber wir müssen sie weiter führen, sonst wird sie künftig mehr und mehr auf den Schultern der Ärmsten ausgetragen.

Hier Probeheft bestellen!

Auch interessant