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Kommentar

Schafhalter wegen Wolfsangriffen anonym angezeigt

Gerissenes Schaf
am
20.11.2018
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Bei der Staatsanwaltschaft Kiel wurde anonym Anzeige gegen Schäfer erstattet, deren Schafe vom Wolf gerissen wurden. Der Vorwurf: Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, weil die Zäune nicht absolut wolfssicher waren. Ein Kommentar von agrarheute-Redakteurin Sabine Leopold.

Es braucht nur wenig Einfühlungsvermögen, um sich vorstellen, wie das ist: fassungslos vor einer Koppel mit zerfetzten Tierkörpern zu stehen und die Trümmer seiner Lebensaufgabe zu betrachten.

Diese Erfahrung müssen immer mehr Schäfer hierzulande machen. Verursacher der blutigen Szenen sind Wölfe. Seit der Jahrtausendwende ist deren Anzahl in Deutschland auf über tausend Tiere gestiegen, und ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar, weil der Wolf unter strengstem Schutz steht.

Übergriffe hinterlassen dauerhafte Spuren

Ausbaden müssen die romantische Vorstellung von einer intakten Natur, in der Wolf und Lamm einträchtig nebeneinander leben, bislang fast ausschließlich die Weidetierhalter. In den meisten Fällen bekommen sie zwar eine finanzielle Entschädigung für ihre Verluste, aber das dauert nicht selten viele Monate und umfasst nur den Zeitwert der gerissenen Tiere.

Den verlorenen Zuchtfortschritt und die psychischen Spuren, die eine Wolfsattacke auf die eigene Herde hinterlässt, lindert kein Schadenersatz.

Anzeige wegen Tierquälerei – gegen die Schäfer

Umso fassungsloser macht es mich, dass bei der Staatsanwaltschaft Kiel anonym Anzeige wegen Tierquälerei erstattet wurde. Nicht etwa gegen die politischen Kräfte und Spendenorganisationsvertreter, die bislang ein wirksames Wolfsmanagement verhindern und so die rasante Ausbreitung und ein zunehmendes "auffälliges Verhalten" bei den Beutegreifern zulassen.

Nein, angezeigt wurden die Schäfer, die ihre Tiere angeblich bewusst fahrlässig oder gar absichtlich der Gefahr aussetzten, indem sie keine absolute Wolfssicherheit schaffen.

Strategie: die Opfer zu Tätern machen

Das Prinzip ist nicht neu: Seit Jahren schon zeigt Peta Deutschland Nutztierhalter an, die Tiere durch Stallbrände verloren haben. Der Landwirt habe im Vorfeld nicht genug für den Brandschutz getan, heißt es dann pauschal. Selbst bei eindeutigen Fällen von Brandstiftung scheut der Verein nicht vor Anzeigen zurück.

Und auch bei den Wolfsrissen haben NGO-Vertreter längst die eigentlich Schuldigen ausgemacht. Der Vorsitzende des Naturschutzbundes (NABU) Schleswig-Holstein, Hermann Schultz, lässt auf lifepr.de wissen: "Bei fast allen Wolfsübergriffen auf Schafherden waren die Zäune unzureichend […] Man gewinnt den Eindruck, dass einzelne Schäfer ihre Tiere opfern, um das Bild des 'bösen Wolfes' in der öffentlichen Meinung bewusst zu manifestieren."

Weihnachtsspendengeschäft ruft

Wer in Kiel Anzeige erstattet hat, ist unbekannt. Das Ziel dürfte jedoch dasselbe sein wie bei Petas Stallbrandaktionen: Tierhalter massiv zu diskreditieren und sie – angesichts von ohnehin psychisch belastenden Notsituationen – mürbe zu machen. Kann es einen gemeineren Vorwurf geben als den, dass man seine Tiere aus wirtschaftlichem oder politischem Kalkül elend verbrennen oder vom Wolf reißen lässt?

Außerdem schadet es so kurz vorm Weihnachtsgeschäft natürlich auch nicht, dem Spendenvolk noch einmal gründlich ins Gedächtnis zu rufen, auf wessen Konten noch Platz ist für eine Unterstützung der selbsternannten Nutztierretter.

Die böse Saat ist gelegt

Die Staatsanwaltschaft Kiel prüft den Vorgang, allerdings machte Oberstaatsanwalt Henning Hadeler gegenüber den Kieler Nachrichten klar, dass man angesichts einer anonymen Anzeige gegen Unbekannt (es wurde kein Schäfer namentlich genannt) sehr bedacht agieren werde: „Wir werden nicht – und dürfen das auch gar nicht – einen Rundumschlag gegen alle Schafhalter machen.“

Das dürfte auch dem Anzeigenden klar gewesen sein. Aber der giftige Stachel sitzt schon mal.

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