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Stallvideo

Schulze Föcking unter Beschuss: stern TV zeigt illegale Stallvideos

Christina Schulze Föcking vor einem Traktor
© Foto: privat
von , am
13.07.2017

Tierschützer sind in den Schweinestall der Familie Schulze Föcking eingedrungen. Die entstandenen Videos wurden gestern in der RTL-Sendung "stern TV" gezeigt.

In der RTL-Sendung stern TV wurde gestern ein Beitrag gezeigt, der die neue Landwirtschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, Christina Schulze Föcking (40, CDU), beschuldigt, dass in ihren Schweineställen ein unzulänglichen Tierschutz herrscht.

Basis für die Beschuldigungen sind Stallvideos, die Tierschützer zwischen März und Juni 2017 nach eigenen Aussagen im Schweinestall der Familie Schulze Föcking aufgenommen haben und anschliessend laut stern TV der Tiersrechtsorganisation "tierretter.de e.V." übergeben haben.

Zu sehen sind laut stern TV "verdreckte Ställe und zum Teil schwer verletzte Tiere mit angefressenen, entzündeten Schwänzen". Außerdem dokumentiere das Material, "dass in zwei Nächten das Wasser in den Nippeltränken abgestellt war", sagt Christian Adam von "tierretter.de e.V." in dem Beitrag.

stern TV-Beitrag über den Betrieb Schulze Föcking

Der Beitrag beginnt mit der Vorstellung Christina Schulze Föckings, ihrer Vereidigung als Ministerin sowie Einblicken in ihre Arbeit als Landwirtin.

Dann wird berichtet, dass sich Tierschützer zwei Schweineställe zwischen März und Juni 2017 mehrmals "angesehen haben". Auf den entstandenen Videos sind "verdreckte" Buchten zu sehen. Kranke Tiere wurden gesondert gehalten, wie im Video zu sehen ist. Hier entstanden Aufnahmen von Tieren mit abgebissenen Schwänzen, Entzündungen und Schwellungen.

Diese Aufnahmen werden von stern TV im Folgenden nicht dem zuständigen Amtsveterinär gezeigt, sondern Dr. Ophelia Nick, Tierärztin und Politikerin bei Bündnis 90/Die Grünen. Sie zeigt sich schockiert von den Zuständen.

Anschließend kommt Christian Adam von der Tierrechtsorganisation tierretter.de e.V. zu Wort. "Grundsätzlich sind die Stallungen so wie sie hier sind erstmal legal", erklärt Adam. Er kritisiert allerdings, dass sich "gerade hier zeigt, was für Bedeutungen die legalen Haltungsbedingungen für die Tiere haben".

Betrieb hat QS-Audits anstandslos bestanden

Der Beitrag beleuchtet im Folgenden die Stellungnahme von Frank Föcking, Christina Schulze Föckings Ehemann und Leiter der betroffenen Betriebe. Aus der mehrseitigen Stellungnahme zitiert stern TV unter anderem, dass die Betriebe beim letzten Audit für das QS-Siegel im April 2016 99,58 und 99,57 von 100 möglichen Punkten erreichten. Zwei Tage nach der Kontaktaufnahme von stern TV mit dem Betrieb wurde "im Sinne weiterer Transparenz" ein QS-Sonderaudit durchgeführt und ebenfalls anstandslos bestanden.

Die einzelnen Vorwürfe - Sauberkeit, Krankheiten, fehlendes Wasser, Ammoniak - werden anschliessend in einer Gegenüberstellung beleuchtet: Dr. Ophelia Nick bzw. die Tierschützer auf der einen Seite und die Stellungnahme des Betriebs auf der anderen Seite.

Stellungnahme der Familie Schulze Föcking

Die schriftliche Stellungnahme des Betriebs, gezeichnet von Frank Föcking, liegt agrarheute vor. Darin wird vorsorglich darauf hingewiesen, dass die Familie "solche Recherchemethoden ausdrücklich missbilligt, die die Privatsphäre verletzen." Weiter heißt es: "Die Tatsache, dass sich offenkundig mehrfach Fremde Zugang zu Hofgebäuden verschafft haben, hat das Sicherheitsgefühl der Familie erschüttert."

Des weiteren wird in der Stellungnahme auf die einzelnen Vorwürfe reagiert.

Vorwurf 1: Mangelnde Hygiene im Schweinestall

stern TV zeigt Bilder von verunreinigten Buchten. Die Spalten seien zum Teil zugesetzt. Urin und Kot könne nicht mehr durchdringen. Dr. Nick bezeichnet den hygienischen Zustand der aufgenommenen Ställe als "erschreckend".

In der Stellungnahme des Betriebs heißt es: "Die bestandsbetreuende Tierärztin hat [...] erklärt, dass Verschmutzungen in den Ställen ganz überwiegend nicht bestünden. Mögliche Unterschiede sind zu erklären mit der unterschiedlichen Art von Spaltenböden, die in den einzelnen Stallungen im Einsatz sind. In den älteren Stallungen befinden sich Teilbereiche in den Böden, die nicht mit Spalten belegt sind, vor allem an den Rändern. Wenn die Tiere in diesen Bereichen abkoten, ist damit in der Regel verbunden, dass der Kot nicht richtig festgetreten wird bzw. auch keine Möglichkeit hat, durch die Spalten zu fallen und damit den Stall und die Tiere sauber zu halten. Der Grund ist wesentlich, dass aufgrund des guten Futters (hoher Rohfaseranteil) der Kot fest ist und schlecht durch die nur 17 mm breiten Spalten zu treten ist. In den neueren Ställen mit einem durchgehenden Spaltenboden ist dies in der Regel nicht zu beobachten. Welche Art von Spaltenböden für die Haltung von Schweinen besser ist, wird in der fachlichen Praxis rege diskutiert. Beide Arten von Böden haben ihre Vor- und Nachteile. Bei dem einen bleiben die Schweine und die Stallungen sauberer, bei dem anderen erhalten die Tiere mehr durchgehende Fläche zum Auftreten. Für die Gesundheit der Tiere ist die Art der Böden in der Regel unerheblich. Selbstverständlich werden auch hier alle gesetzlichen Anforderungen eingehalten."

Vorwurf 2: Kranke Tiere

stern TV zeigt Bilder von separiert gehaltenen Tieren. Angefressene und entzündete Schwänze, abgestorbenes Gewebe und Gelenkentzündungen wurden von den Stalleindringlingen dokumentiert. Dr. Nick erklärt beim Betrachten der Aufnahmen, welche Maßnahmen Veterinäre in solchen Fällen ergreifen sollten.

Frank Föcking geht in der Stellungnahme sehr ausführlich auf die Krankheitsverläufe im entsprechenden Zeitraum ein. Die bestandsbetreuende Tierärztin, Frau Dr. Claudia Wigger, habe Tiere behandelt, die Teil einer Lieferung von 480 Ferkeln am 22. März 2017 und weiteren 460 Ferkeln am 29. März 2017 gewesen seien. "Diese Tiere waren von Anfang an deutlich verhaltensauffälliger und hatten ein deutlich größeres Aggressionspotenzial als bei vorherigen Lieferungen." Im Juni seien mehrmals Bissspuren registriert und von der Tierärztin behandelt worden. "Alle Tiere wurden veterinärmedizinisch versorgt, Schwanznekrosen und Verletzungen mit Desinfektion örtlich behandelt und/oder intramuskulär ein Antibiotikum und Schmerzmittel verabreicht. In einem Fall riet die Tierärztin am 09.06. zu einer Nottötung falls binnen 24 Stunden keine Besserung des Zustands eintreten würde. Diese Nottötung erfolgte am 10.06. fachgerecht."

Weiterhin erklärt Föcking: "Der mitunter schwere Krankheitsverlauf bringt es mit sich, dass Handteller-große Wunden während einer einzigen Nacht entstehen konnten. Alle Schwanznekrosen wurden kontinuierlich gereinigt und desinfiziert. Bei sorgfältiger Pflege können Sie laut Tierärztin abheilen. Sofern keine Besserung eingetreten ist, wurden die Tiere allerdings anhand des Leitbildes der Tierärztin getötet. In dem Krankheitszeitraum wurden daher 14 Tiere notgetötet, um ihnen im Sinne des Tierschutzes Leid zu ersparen."

Föcking versucht zudem, die Ursachen der Verhaltensauffälligkeit zu ergründen: "Nach eingehender Ursachenforschung, etwa bezüglich Fütterung und Lüftung, bleibt aktuell als einzig denkbare Abweichung, ein Wechsel bei den Zuchtebern im Sauenbetrieb, von dem die Ferkel stammen. Diese neue Genetik war nicht auf Wunsch des Sauenhalters oder Mästers eingesetzt worden, sondern resultierte aus der Situation, dass auf der Besamungsstation nicht genügend Sperma der bisher ausgewählten Zuchteber zur Verfügung stand. Eventuell ist diese außergewöhnliche Situation auf diese Veränderung zurück zu führen."

Vorwurf 3: Fehlender Zugang zu frischem Wasser

stern TV berichtet, dass die Tierschützer in zwei Nächten dokumentiert hätten, dass die Nippeltränken abgestellt waren. Der vorgeschriebene ständige Zugang zu frischem Wasser sei damit nicht gewährleistet. Das vorgefundene mit Wasser angereicherte Futter reiche nicht aus.

In der Stellungsnahme des Betriebs dazu heißt es: "Dass Nippeltränken in den Stallungen nachts abgestellt worden sein sollen, ist aus Sicht des Betriebes und der landwirtschaftlichen Praxis nicht nachvollziehbar. Es wurde seitens des Betriebs nie beobachtet. Die Bestandstierärztin kontrolliert routinemäßig die Tränken bei den Stalldurchgängen (stichprobenartig) und hat bislang im Stall ebenso keine Auffälligkeiten diesbezüglich vorgefunden."

Vorwurf 4: Erhöhte Ammoniak-Konzentration

Im stern-TV-Beitrag ist zu sehen, wie in einem Schweinestall eine Ammoniakkonzentration von ca 40 ppm registriert werden. Erlaubt seien 20 ppm.

Föcking erklärt dazu: "Die Rechtslage sieht vor, dass der Wert von 20ppm dauerhaft nicht überschritten werden soll. Vereinzelte, kurzfristig erhöhte Werte können ungeachtet dessen durch die Wetterlage beeinflusst werden, vor allem nachts. Auch eine einmalig gemessene Überschreitung der Ammoniakkonzentrationen hat indes auf die Gesundheit der Tiere in der Regel keinen Einfluss. Die Wetteraufzeichnungen des Flughafens Münster/Osnabrück belegen, dass es am 14.06. und am 21.06. ungewöhnlich warm war. In Steinfurt lagen die Außentemperaturen bei 25 bis 30 Grad und somit waren die Ställe extrem aufgeheizt. Die Lüftungscomputer regeln durch ihre Nachtabsenkung nur langsam zurück, damit es nicht zu Atemwegserkrankungen durch Zugluft und hohe Temperaturdifferenzen kommt. Die Tierärztin hat nachdrücklich erklärt, da sie sehr häufig den Betrieb aufsuche, könne sie bestätigen, dass bei normaler Wetterlage die Luft sensorisch nicht zu beanstanden sei. Dies entspricht auch den Feststellungen des Betriebes."

Diese Erklärung entkräftigt stern TV: Die Messungen seien in der Nacht vom 06. auf den 07. März gemacht worden, als die Temperatur bei 4 bis 5 °C lag.

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