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Landwirtschaft und Gesellschaft

Selbstmorde bei Landwirten: Das sind die Ursachen

Landwirt von hinten
am
28.05.2019
(3 Kommentare)

Überarbeitung, gesellschaftlicher Druck und wirtschaftliche Not. Das sind die Gründe wegen denen sich Landwirte auch in Deutschland das Leben nehmen. In unserer Kommentarfunktion können Sie mitdiskutieren.

Nach dem Bericht über Selbstmorde von Landwirten in Frankreich und der Schweiz hat die agrarheute-Redaktion zahlreiche Anrufe, E-Mails und Hinweise zur Situation in Deutschland erhalten. Dafür möchten wir unseren Lesern danken.

Außerdem wollen wir versuchen – soweit dies möglich ist - eine kurze Einschätzung zur Situation in Deutschland zu geben und dabei versuchen einen kleinen Teil der Leserkommentare zu berücksichtigen.

Erst Burnout – dann Suizid?

Selbstmorde bei Landwirten haben offenbar zwei zentrale Ursachen: (1) Die oftmals extrem angespannte wirtschaftliche Situation vieler Betriebe aufgrund schlechter Preise und hoher Schuldenlast - bei gleichzeitig permanenter Überarbeitung der Inhaber.

Und (2) die geringe und sich weiter verschlechternde gesellschaftliche Anerkennung für die Arbeit der Landwirte – bis hin zum Mobbing von Bauernkindern in der Schule. In Deutschland kommt diese erschreckende Entwicklung unter anderem in der Statistik der landwirtschaftlichen Sozialversicherung (SVLFG) zum Ausdruck.

Danach scheidet jeder fünfte Landwirt auf Grund schwerwiegender psychischer Erkrankungen aus dem Berufsleben aus. Der Dauerstress auf vielen Betrieben ist zudem häufig der Einstieg in eine Burnout-Dynamik. Die letzte Stufe dieser Spirale kann dann auch ein Selbstmord sein - wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt.

Landwirte sind eine Hochrisikogruppe

Landwirt von hinten

„Lange Zeit kannte man das Burnout vor allem aus den sozialen Berufen“, sagt der Chefarzt der psychosomatischen Abteilung der Kreisklinik im bayerischen Ebersberg, Claus Krüger. Zunehmend seien nun auch Landwirte betroffen. In der Regel führten verschiedene Faktoren zum Burnout, erläutert der Mediziner gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“.

Der wirtschaftliche Druck wird für viele Landwirte immer größer. Die Gestaltungsspielräume für die eigene Arbeit sind jedoch gering. Und die meisten Landwirte haben einen inneren Antreiber, der sie gefährdet: ihre hohe Arbeitsmoral. Die meisten kennen nichts anderes als zu funktionieren, zu arbeiten und auf die Psyche wenig Rücksicht zu nehmen, sagt Krüger.

Landwirte sind eine Hochrisikogruppe, erklärt der Mediziner. Er kennt viele Landwirte, die noch arbeiten, obwohl sie körperlich krank sind, der Hof sich so nicht mehr trägt und die Familie leidet. "Das Problem bei vielen Betroffenen sei, dass sie sich nichts anmerken ließen, bis es zu spät sei".

Akku ist irgendwann leer

Genaue Zahlen zu Selbstmorden von Landwirten in Deutschland gibt es nicht. Die „Deutsche Depressionshilfe“ gibt an, dass hierzulande jährlich ingesamt etwa 10.000 Menschen durch Suizid sterben. Das sind gut 27 Selbstmorde pro Tag und weitaus mehr Menschen, als etwa im Verkehr  mit ca. 3.500, durch Drogen mit ca. 1.200 und durch AIDS mit etwa 400 zu Tode kommen. Dabei ist die Zahl der Suizidversuche sogar 15 bis 20-mal so hoch wie die Zahl der Selbsttötungen.

Und auch die Dunkelziffer dürfte aus den bekannten Gründen erheblich höher sein als aus den offiziellen Daten hervorgeht. Zwei von drei Suiziden werden zudem von Männern verübt. Insbesondere ältere Männer haben ein hohes Risiko. Das entspricht in der Tendenz auch den Erkenntnissen zu den Suiziden von Landwirten aus Frankreich und der Schweiz. In diesen beiden Ländern hat die Zahl der Selbstmorde unter Landwirten entgegen dem Trend in der übrigen Bevölkerung zugenommen. Für Deutschland dürfte das wohl ebenso gelten.

Eine Familienberaterin für Landwirte und deren Familien aus Norddeutschland, vergleicht die Situation vieler Landwirte mit einer Batterie: „Bleiben Erfolg und Anerkennung dauerhaft aus, ist der Akku irgendwann leer.“ Das Ergebnis ist dann ein Burnout oder Schlimmeres. „Der erste Schritt aus der Krise ist jedoch, darüber zu sprechen“, sagt die Beraterin.

Kein Platz für Schwäche?

Landwirt Probleme

Bundesweit geben jährlich etwa zwei Prozent der Landwirte ihren Betrieb auf. Wer in dem harten Wettbewerb überleben will, muss investieren, expandieren und sich überdurchschnittlich engagieren. Viele Landwirte würden dabei an ihre Grenzen gehen, sagt etwa Stefan Adelsberger, von der landwirtschaftlichen Sozialversicherung.

Die Situation sei komplex, erklärt Adelsberger. „Landwirte pflegen überproportional häufig Familienangehörige zu Hause, dazu kommen oft innerfamiliäre Konflikte über Generationen hinweg und Streit um die Betriebsübergabe.“ Wenn aber das Lebenswerk vor dem Aus steht, dazu noch finanziell der Schuh drückt und keine Zeit bleibt, um sich Hilfe zu holen, kann es brenzlig werden.

Diese Situation bestätigt eindrücklich ein anderes Gespräch, dass ein Landwirt vor einiger Zeit mit der Neuen Osnabrücker Zeitung führte. Dort heißt es: „Schwere Arbeit, große Maschinen und noch größere Geldbeträge, die bewegt werden. In der Landwirtschaft ist kein Platz für Schwäche.“ Die Lage sei deshalb für viele Landwirte schwierig, bestätigte auch die Sprecherin des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Kirsten Hess. Bei Gesprächen zwischen Verbandsvertretern und Landwirten nehme das Thema Burnout deshalb immer mehr Raum ein.

Netzwerke können helfen

Bereits vor drei Jahren haben in Schleswig-Holstein verschiedene Akteure ein Netzwerk gegründet, um die verschiedenen Hilfsangebote für psychisch belastete Landwirte besser zu verknüpfen und Erfahrungen auszutauschen. „Das Netzwerk funktioniert gut“, sagte Hans Friedrichsen, Landwirt im nordfriesischen Horstedt und Ansprechpartner für Betroffene beim Bauernverband, gegenüber dem norddeutschen Onlineportal SHZ.de.  

Wenn Landwirte oder deren Angehörige zu ihm kommen, dann hört er ihnen zu und vermittelt das passende Gesprächsangebot. Manche wenden sich mit ihren Problemen auch an den Vertrauensmann für Tierschutz, Edgar Schallenberger. Dieser hatte im August 2015 in einem Bericht festgestellt, dass  Missstände in der Tierhaltung häufig mit familiären Problemen oder wirtschaftlichem Druck verbunden seien.

Andere Landwirte nehmen lieber die sozio-ökonomische Beratung der Landwirtschaftskammern in Anspruch oder suchen einen Gesprächspartner in einer kirchlichen Hilfseinrichtung auf. „Das Wissen um das Netzwerk hilft“ sagte Vertrauensmann Friedrichsen dazu. Dennoch müsse zuächst einmal die Schwelle überwunden werden, sich Hilfe zu holen.

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