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Interview

So wichtig sind Landwirte für die Freiwillige Feuerwehr

Mitglieder der Feuerwehr Altenstadt stehen nebeneinander.
am Donnerstag, 03.09.2020 - 05:00

Im Interview sprechen wir mit Benedikt Mattern von der staatlichen Feuerwehrschule Geretsried über die Rolle der Freiwilligen Feuerwehr für den ländlichen Raum.

Laut einer Umfrage von agri EXPERTS engagiert sich fast jeder Landwirt ehrenamtlich. 60 Prozent der Landwirte sind bei der Freiwilligen Feuerwehr (FFW) aktiv. Doch welche Rolle spielen Landwirte eigentlich für die FFW? Und wie wichtig ist sie für den ländlichen Raum? Das und mehr haben wir Benedikt Mattern gefragt, den Leiter des Fachbereichs Brandschutz der staatlichen Feuerwehrschule Geretsried.

Wer ist denn typsicherweise bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv?

Fast alle, und das ist das Wichtige daran. Davon lebt das ganze System, egal ob ehrenamtlich oder hauptamtlich. Eine Zugangsvoraussetzung für die Freiwillige Feuerwehr gibt es in dem Sinne nicht, aber eine gewisse technische Affinität hilft natürlich. So kommen die aktiven Mitglieder der FFW schon eher aus dem technischen Bereich. Man findet dort aber auch Studienabsolventen, Juristen oder BWLer. Und dieser bunte Mix macht dann letztendlich auch die Kompetenz der Feuerwehr aus.

Welche Kompetenzen bringen Landwirte in das Gefüge FFW mit?

Landwirte bringen neben ihrem handwerklichen Geschick und technischem Verständnis meist auch Erfahrung im Umgang mit Tieren mit. Und da mit Blick auf die Prioritäten die Tierrettung gleich nach der Menschenrettung kommt, ist das schon sehr hilfreich.

Welche Rolle spielt denn die Freiwillige Feuerwehr im ländlichen Raum?

Zum einen geht es natürlich um den Brandschutz und die Hilfeleistung bei anderen Unglücksfällen, was erstmal wenig mit Freiwilligkeit zu tun hat. In den Brandschutzgesetzen der einzelnen Bundesländer ist verankert, dass eine Gemeinde den Brandschutz als Pflichtaufgabe sicherstellen muss. Im ländlichen Raum tut sie dies im Regelfall, indem sie eine Freiwillige Feuerwehr unterhält.

Zum anderen spielt die FFW auch für das soziale Leben im ländlichen Raum eine wichtige Rolle. Die Mitglieder identifizieren sich mit der Gemeinschaft. Ich würde sogar sagen, je kleiner die Gemeinde, desto größer ist diese Bedeutung der FFW.

Ist dieser soziale Aspekt größer als in anderen Vereinen?

Ich würde sagen ja. Bei einem Einsatz geht man buchstäblich zusammen durchs Feuer. Das Vertrauensverhältnis und somit eben auch die Identifikation mit dieser Gemeinschaft ist dadurch oft intensiver als in anderen Vereinen.

Zudem ist es so, dass bei den Eingemeindungen vor allem in den 1970er Jahren die ursprünglichen Freiwilligen Feuerwehren in gewisser Weise weiterhin erhalten bleiben, zum Beispiel als Löschgruppen oder Löschzüge, wohingegen andere Vereine in solchen Fällen oft einfach zusammengelegt werden. Da gibt es dann nach der Eingemeindung keine drei Musikvereine mehr, sondern nur noch einen. In Bayern haben die FFWs sogar nach der Gemeindegebietsreform ihre Namen und Wappen behalten. Das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl zusätzlich. Die Feuerwehren sind das, was das Dorf noch ausmacht.

Wie wirkt sich denn eine gute Gemeinschaft der FFW auf das gesamte Dorfleben aus?

Neben der Sicherstellung des Brandschutzes und der Hilfeleistung bei anderen Unglücksfällen trägt die Freiwillige Feuerwehr nicht selten dazu bei, Traditionsveranstaltungen durchzuführen. Meist übernimmt sie die Verkehrsabsicherung, wenn zum Beispiel der Maibaum aufgestellt wird oder ein Festumzug stattfindet. Das gehört eigentlich nicht zu ihren vorrangigen Aufgaben. Ich würde sagen, vor allem im ländlichen Raum unterstützt die Freiwillige Feuerwehr auch dann, wenn sie es nicht müsste.

Welche Rolle spielen Landwirte beim Erhalt der Freiwilligen Feuerwehr im ländlichen Raum?

Landwirte im Haupterwerb sind ebenso wie örtliche Handwerker oder Unternehmer tagsüber da. Somit spielen sie eine wichtige Rolle für die Tagesalarmstärke. Wenn die Zahl derer, die im Ort arbeiten, immer weiter sinkt, dann dauert die Alarmierung tagsüber einfach länger.

Zudem spielen Landwirte meiner Meinung nach bezüglich des vorhin angesprochenen sozialen Aspekts eine wichtige Rolle. Sie sind per se sehr verwurzelt mit ihrem sozialen Umfeld, mit ihrer Gemeinde. Sie bewirtschaften oft Familienbetriebe, die bereits viele Generationen vor ihnen schon in diesem Ort bewirtschaftet haben. Ihre Identifikation mit dem Ort und mit der Gemeinschaft kann durchaus ansteckend sein.

Wie ist es denn um den Nachwuchs der FFW bestellt?

Meine Wahrnehmung ist, dass je stärker das Sozialgefüge ist, desto geringer ist das Problem mit dem Nachwuchs. Wenn sich ein Elternteil schon sehr stark mit der FFW identifiziert, färbt das oft auch auf die Kinder ab. Und wenn sich in einer Clique dann einer für die Feuerwehr interessiert, dann zieht das meist ein paar andere mit. Klar, im Laufe der Ausbildung springt dann auch wieder jemand ab, das ist ganz normal. Wie in anderen Vereinen eben auch.

Merken Sie Aspekte der Landflucht auch bei der Freiwilligen Feuerwehr im ländlichen Raum?

In den Städten ist der Arbeitsmarkt schlichtweg größer als draußen in den ländlicheren Regionen. Das hat natürlich auch einen Effekt auf die Feuerwehren. Da ist dann die Feuerwehrführung gefordert, mit diesen Problemen umzugehen und zum Beispiel die Zusammenarbeit mit anderen Wehren ein Stück weit zu forcieren.

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