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Ernährung und Gesundheit

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

Externer Autor
am
18.02.2010

Wien/Graz - Während Lidl seine deutschen Kunden erneut über die Gesundheitsgefahr der vom Unternehmen bereits am 23. Januar zurückgezogen Käsesorten warnt, kommt die österreichische Herstellerfirma weiter unter Druck.

Demnach hätte man bereits seit einem halben Jahr mit Listerien im Werk zu kämpfen. Seit Dienstag ermittelt zudem die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf "fahrlässige Tötung". Die Exklusivmeldung der Österreich-Ausgabe des "dlz agrarmagazin" auf agrarheute.com vom Montag sorgte für einen gewaltigen Medienrummel. Erst durch die Veröffentlichung der dlz-Rechercheergebnisse wurde der Zusammenhang zwischen dem Genuss des Sauermilchkäses der Herstellerfirma und aufgetretenen Erkrankungsfällen samt sechs Toten in der Öffentlichkeit bekannt.

Der kausale Zusammenhang ist für die österreichischen Gesundheitsbehörden erwiesen. Der in Neckarsulm beheimatete Lidl-Konzern setzte für seine deutschen Kunden erneut eine Warnmeldung ab. In Österreich waren die Bakterien-belasteten Käsesorten zwar in den meisten Lebensmittelläden gelistet, aber nicht bei Lidl-Österreich.

Prolactal: Herstellerfirma zeigt sich erschüttert

Die Herstellerfirma des Harzer Käses (auf österreichisch: Quargel) zeigt sich erschüttert vom "niederschmetternden Ereignis" und veröffentlichte eine erste schriftliche Stellungnahme. Man wolle alles tun, um das Vertrauen der Konsumenten in das Unternehmen wieder zu stärken. Die Käseproduktion wurde mittlerweile desinfiziert und begast, die Ursache für den Bakterienbefall sind laut Geschäftsführung noch nicht gefunden.

Insider: Berichte von monatelangen Hygieneproblemen

Bei der Austria Presse-Agentur (APA) meldete sich indes ein "Insider", der von schlampigem Umgang mit Hygiene im Betrieb wissen will. Seit Herbst vorigen Jahres kämpfe man demnach in der Produktion mit Listeria-Bakterien, ohne die Ursache gefunden zu haben. Die Belastungen seien sogar über den Grenzwert von 100 koloniebildenen Einheiten pro Gramm gelegen. Zudem hätten die Werksmitarbeiter den Quargel kosten und auf seine Genießbarkeit überprüfen müssen, was teils zu Erkrankungen geführt hätte. Vorwürfe, welche von der Pressesprecherin des Unternehmens umgehend zurückgewiesen wurden. Eingeräumt wurde laut der "Kleinen Zeitung" aber, dass der Käse teilweise mit Listeriengehalt ausgeliefert worden sei, der Grenzwert wäre aber eingehalten worden.

Verdacht auf fahrlässige Tötung: Staatsanwalt ermittelt

Wegen der bekannt gewordenen Todesfälle und den Vorwürfen betreffend angeblicher Hygieneprobleme ermittelt die Staatsanwaltschaft Graz seit Dienstag wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. Bei den polizeilichen Nachforschungen könnte neben den tatsächlichen Geschehnissen im Werk auch die Lebensmittelaufsicht des Landes Steiermark in den Fokus der Ermittlungen geraten. Zwar hat diese das Werk 2009 dreimal überprüft, ob diese Überprüfungen insgesamt gesehen aber zielgerichtet, effektiv und ausreichend waren, ist noch offen. Neben der Hygiene müsste auch die Auslobungspraxis der Waren genauer unter die Lupe genommen werden.

Verbrauchertäuschung in Österreich: Topfen aus Deutschland im Käse

Denn der Käsehersteller gab mittlerweile zu, dass die zurückgezogenen Käsesorten aus Topfen, den man aus Deutschland bezog, erzeugt wurden. Während der Quargel in Deutschland dann unter der Lidl-Marke "Reinhardshof" in die Regale kam, wurde er im österreichischen Lebensmittelhandel als "Hartberger" vermarktet. Teilweise soll auch die Österreich-Flagge auf den Produkten aufscheinen. Nach dem österreichischen "Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutz-Gesetz" (LMSVG) ist es verboten, Lebensmittel mit zur Irreführung des Konsumenten geeigneten Angaben in den Verkehr zu bringen. Bei fragwürdiger Auslobung oder auch nur Aufmachung, die geeignet wäre, den Konsumenten zu täuschen, müsste die Lebensmittelbehörde einschreiten.

Derweil fordert die "IG Fleisch"-Bauernvereinigung eine Abschaffung des Genusstauglichkeitskennzeichens, denn das "AT" in der Ellipse würde für viele Konsumenten ein durch- und durch österreichisches Produkt vermuten.

Österreich: Gesundheitsminister in der Kritik

Am Dienstag geriet der österreichische Gesundheitsminister stark in die Kritik einer parlamentarischen Oppositionspartei. Der Vorwurf: Keine rechtzeitige Warnung vor dem gefährlichem Käse. Tatsächlich hatte das Gesundheitsministerium (BMG) am 22. Januar nur die Warnmeldung an die EU abgesetzt, die Öffentlichkeit wurde via APA vom Käserückzug durch das Unternehmen selbst informiert. Nach der Gesetzeslage ist aber ausreichend.

AGES-Bereichsleiter: Ausbruchsquelle durch Kassenbons entdeckt

Kritisch hinterfragt wird teilweise auch der monatelange Prozess der Ursachenerforschung von den ersten Anzeichen für den Lebensmittel-bedingten Listeria-Ausbruch. Bereits im August warnte das Listeria-Referenzlabor AGES die Gesundheitsbehörden, dass es gehäufte Listeriosen mit einer gemeinsamen Quelle geben dürfte. Den peniblen Nachforschungen des AGES-Bereichsleiter Humanmedizin war es letztlich zu verdanken, dass diese Quelle tatsächlich gefunden werden konnte. Nach Gesprächen mit einzelnen Erkrankten langten am 22. Dezember 2009 die ersten Kassabons von deren Lebensmitteleinkäufen ein. Am 13. und 18. Januar wurden dann Proben in der Firma gezogen. Die Ergebnisse zeitigten teils Listeriabefall, teils Überschreitungen des Toleranzwertes. So kam es am 23. Januar zum Rückruf des Käses durch Lidl und den Hersteller.

Aufsichtsbehörde: Konnten nicht früher an die Öffentlichkeit gehen

Die steiermärkische Lebensmittelaufsicht wurde vom Gesundheitsministerium (BMG) beauftragt, weitere Erhebungen im Betrieb durchzuführen. Für den Leiter des Bereiches Verbraucherschutzes im BMG, Ulrich Herzog, ist daher klar, dass man als Aufsichtsbehörde bis dahin nicht an die Öffentlichkeit gehen konnte: "Vor was hätten wir vor dem 23. auch warnen sollen. Zuerst musste die Ursache für die Erkrankungen eindeutig identifiziert werden, was unserer AGES ja auch geglückt ist." Bei den bisherigen vier österreichischen Toten handelt es sich laut Herzog allesamt um Männer im fortgeschrittenen Alter, wobei bei drei bereits eine altersbedingte Grunderkrankung vorlag. Am Mittwoch wurden bereits zwei weitere Krankheitsfälle bekannt. Aufgrund der Inkubationszeit von bis zu 72 Tagen ist nicht auszuschließen, dass weitere Erkrankungen auftreten. (dlz/sp/pd)

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