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Waldbau

Die Suche nach dem Wald der Zukunft: Steppe oder Olivenhain?

Glaskugel des Waldbaus
am Montag, 27.09.2021 - 12:46 (Jetzt kommentieren)

Wald gehört zu Deutschland. Doch die Klimakrise setzt ihm zu. Und damit auch allen Bürgern. Was für Optionen haben Waldbesitzer?

Für Förster und Waldbesitzer ist es eine Tragödie: Die Klimakrise macht dem Wald zu schaffen. Laut einer neuen Auswertung von Satellitendaten hat Deutschland seit 2018 rund 50.000 Hektar Laub- und 200.000 Hektar Nadelwald verloren. Doch das sind noch nicht alle schlechten Nachrichten, denn zusätzlich haben viele Bestände Schäden durch Dürre, Käfer und Sturm davongetragen.

Jeder, egal ob er zwei oder 2.000 Hektar Wald sein Eigen nennt, steht vor der Frage, wie sein Wald der Zukunft aussehen könnte. Die Antwort ist nicht einfach und hat etwas von einem Glücksspiel. Denn auf welche Baumart und welche Bewirtschaftung ich setze, bestimmt das Waldbild und meinen wirtschaftlichen Erfolg. Und das auf Jahrzehnte. Wessen Großvater vor 50 Jahren im Flachland auf Fichten gesetzt hat, steht jetzt vor dem Totalausfall.

In Bayerns Wald droht der Verlust der PNV

Im Grunde ist es eine Tragödie mit Ansage. Seit Jahrzehnten warnen Klimaforscher und Ökologen, dass die Wälder in Stand gesetzt werden müssten, um mit steigenden Temperaturen fertig zu werden. Denn im Schlepp des Klimawandels kommt einiges auf sie zu. Die Forstverwaltungen gehen von zwei bis vier Grad höheren Temperaturen aus. Übers Ganze gesehen, verschiebt sich damit die potentielle natürliche Vegetation (PNV). Die Wälder des Großvaters sind somit dem Untergang geweiht, sie fallen aus dem Lebensraum, der nicht mehr für sie passt. In Bayern sind beispielsweise bleibt die PNV nur in Hochlagen erhalten.

Manche Regionen trifft es dabei heftiger als andere. Im Südwesten könnte die Zahl der Tage ohne Regen auf 60 ansteigen. Zudem nimmt die Zahl der Tage mit mehr als 30 Grad zu. Für den Wasserhaushalt der Wälder und der Bäume ist das – vorsichtig formuliert – eine große Herausforderung. „Was wir die letzten Jahre erlebt haben, scheint nur ein Vorgeschmack auf das zu sein, was auf uns noch zukommt“, sagt Allan Buras, Landschaftökologe von der TU München.

Neuer Waldmonitor zeigt Veränderungen schneller

Gerade weil sich die Situation so schnell verschlechtert, müssen auch die Mechanismen zur Beobachtung schneller werden. „Die mit dem Klimawandel verbundenen Prozesse verändern den Wald so schnell, dass eine Stichprobe von rund 10.000 Bäumen der jährlichen Waldzustandserhebung nicht ausreicht, um den Vitalitätszustand des Waldes flächendeckend zu beschreiben“, sagt Dr. Torsten Welle, Leiter Wissenschaft und Forschung der Naturwald Akademie in Lübeck.

Schneller geht es von oben. Und so hat die Naturwald Akademie gemeinsam mit der Firma Remote Sensing Solutions GmbH einen Waldmonitor im Internet veröffentlicht, der die Entwicklung der Wälder zeigt. Die frei verfügbaren Sentinel-2 Daten des Europäischen Copernicus-Satelliten Programms mit einer Auflösung von zehn mal zehn Metern zeichnen ein beunruhigendes Bild. Jeder kann selbst hereinzoomen, wie es um seinen Wald bestellt ist. Ihre Analyse hat die Verluste von 250.000 Hektar an den Tag gebracht.

Buche, Fichte und Kiefer kommen mit dem Klimawandel nicht zurecht

Dort, wo der Wald abgestorben ist, soll schnell neuer Wald her. Zum einen, um eine wirtschaftliche Perspektive für Waldbesitzer zu bieten. Zum anderen, um die ökologischen Folgen gering zu halten. Denn mit Verschwinden des Waldes, verschlechtert sich der Wasserhaushalt weiter, das regionale Klima verliert einen weiteren kühlenden Faktor und nicht zuletzt verschwindet ein wichtiger Baustein der Erholung. „Die entscheidende Frage ist“, so Allan Buras, „welches sind die Gewinner- und welches die Verliererbaumarten?“ Fakt ist, dass offenbar drei unserer vier Hauptbaumarten schlecht mit dem Klimamandel zurechtkommen werden, nämlich Buche, Fichte und Kiefer. Nur die Eiche ist im Spiel.

Drei Strategien stehen im Raum: Den Anteil reiner Nadelwälder reduzieren, auf heimische Mischwälder setzen oder den Wald für fremdländische Baumarten öffnen. Den ersten Weg geht man mitunter schon seit Jahrzehnten. Doch der Klimawandel ist schneller.

Natürliche Waldentwicklung zulassen

Der Gedanke hinter dem Joker mit heimischen Arten ist, dass Rotbuche oder Traubeneiche prinzipiell über die nötige Resilienz verfügen, um sich dem Klimawandel anzupassen. Man muss nur eine natürliche Sukzession und Waldentwicklung zulassen. Ein Prozess, der ebenfalls Geduld erfordert.

Schließlich könnten die Baumarten von Irgendwo kommen. Darunter sind Arten wie die Douglasie, die schon etabliert sind und eine größere Rolle spielen könnten. Oder Arten aus Süd- und Südosteuropa, die prinzipiell besser an Hitze und Trockenheit angepasst sind. Flaumeichen oder Zerreichen beispielsweise.

Keine Oliven aus dem Bayerischen Wald

In Zukunft könnte also im Alpenvorland ein Klima wie in der Provence herrschen. Wer aber von Olivenhainen und Orangen vom Wegesrand träumt … Die Verhältnisse lassen sich dann doch nicht eins zu eins übertragen. „Die Perspektiven stellen die Förster vor große Herausforderungen“, sagt Allan Buras. Da ist zum einen der strenge Frost, wie er auch dann immer mal wieder vorkommen wird. Zum anderen ist nicht klar, wie es denn in 50 Jahren, in 100 Jahren tatsächlich aussieht. Tut die Staatengemeinschaft etwas? Schafft sie doch noch das 1,5-Grad-Ziel? Im besten Fall – CO2-Neutralität bis Mitte des Jahrhunderts – schaffen es unsere Leitbaumarten wohl. Im schlimmsten Fall … Für Buras und andere Experten liegt die einzige Lösung in der Diversifizierung. Viele Baumarten im Bestand sichern den Enkeln einen Wald, der auch noch etwas abwirft.

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