Login

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Kommentar

Tierrechtler surfen auf Corona-Panikwelle

Menschen mit Atemschutzmasken in chinesischem Supermarkt
am Freitag, 28.02.2020 - 05:00 (1 Kommentar)

Das Coronavirus breitet sich aus. Inzwischen hat es auch Deutschland erreicht. Das schürt Ängste. Und so mancher versucht, von dieser Angst zu profitieren. Ein Kommentar.

Nun hat das Coronavirus also auch Deutschland erreicht. Aus der diffusen Sorge der Menschen werden immer konkretere Ängste. Dabei ist die Infektion bislang wirklich nicht die Bedrohung, zu der kommerzielle und soziale Medien sie zum Teil machen.

Zwar ist das Ansteckungsrisiko vergleichsweise hoch, doch bislang liegt die Rate der Todesfälle deutlich unter der von "normalen" Virusgrippen. Nur ein Beispiel: Allein durch die Grippewelle 2017/18 starben in Deutschland über 25.000 Menschen. Die Todesfälle in China liegen bislang bei etwa einem Zehntel davon – bei einer 17-fachen Einwohnerzahl.

Laut aktuellen Wissenstand erkranken überhaupt nur etwa 14 Prozent aller Infizierten. Von diesen Patienten wiederum starben in China etwa 2 Prozent.

Spielfeld für Betrüger

Trotzdem ist jeder Fall eine persönliche Tragödie, die ich nicht herunterspielen möchte. Noch ist unklar, wie sich die Seuche weiterentwickelt. Und wie das bei Viren so ist: Sie sind anpassungsfähig und verändern sich nicht selten im Verlaufe einer Infektionswelle dramatisch. Sorge und Vorsicht sind also durchaus begründet – zumal die Epidemie nicht nur gesundheitliche Folgen hat.

Doch wie bei jeder potenziellen Bedrohung gibt es auch hier wieder geschäftige Schlitzohren, die Profit aus den Ängsten der Bevölkerung zu schlagen versuchen. Mehrere Ärzte und Heilpraktiker hierzulande verkaufen homöopatische Mischungen als "Grippeschutzimpfungen". Und die Heilerin Yamasha Claudia Gruß verbreitet Zahlencodes, die die Krankheit vertreiben sollen. Einfach 537354 überall hinpinseln, wo viele Menschen sind ... schon ist die Infektionsgefahr gebannt.

Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Nicht nur falsch, sondern geradezu kriminell

Andere verbreiten genüsslich Fake News, sei es, um Angst und Schrecken zu verbreiten, oder um sich selbst Vorteile zu verschaffen. Schon seit Beginn der Epidemie kursieren beispielsweise Gerüchte, das Virus sei von US-Behörden oder der Bill-Gates-Stiftung entwickelt und patentiert worden und werde nun auf seine Wirkungsweise getestet.

Nicht weniger boshaft sind die Behauptungen, die Tierrechtler seit einigen Tagen verbreiten. Peta und das Deutsche Tierschutzbüro haben Pressemitteilungen veröffentlicht, nach denen man sich am besten gegen Corona schütze, wenn man tierische Produkte meide wie die sprichwörtliche Pest.

„Verdreckte Ställe, in denen Tiere dicht zusammengepfercht ausharren müssen, Schlachthäuser und Fleischmärkte sind für Menschen auf der ganzen Welt eine gesundheitliche Bedrohung“, erklärte Harald Ullmann, zweiter Vorsitzender von Peta Deutschland. Und Jan Peifer vom Deutschen Tierschutzbüro setzt noch einen drauf: "Wer hundertprozentig sichergehen will, dass er/sie sich nicht mit dem Virus ansteckt, sollte am besten kein Fleisch oder andere tierische Produkte kaufen und essen.”

Das ist nicht nur falsch, ich halte es für geradezu kriminell. Peifers Behauptung verspricht eine Sicherheit, die ebenso trügerisch ist wie die Zahlenspielerei von Heilerin Yamasha. Nur merkt man ihr das nicht schon auf den ersten Blick an.

Kein Hinweis auf tierische Herkunft

Bislang ist die Herkunft des Virus ungeklärt. Es gab Hinweise auf einen Wochenmarkt im chinesischen Wuhan, die sich aber bisher noch nicht bestätigen ließen. Die Chinesen sind dran, erwarten aber so schnell noch keine Ergebnisse. Viren sind schwer greifbar.

Völlig aus der Luft gegriffen ist jedoch, dass sich das Virus über tierische Produkte verbreitet. Der vor zwei Wochen lancierten Nachricht, in China hätten sich Menschen über eine Fledermaussuppe infiziert, widersprach Bernd Salzberger, Präsident der Gesellschaft für Infektiologie, mit klaren Worten. In gekochter Nahrung sei das Virus keinesfalls überlebensfähig. Mehr noch: Es gebe bisher keine Hinweise, dass der Erreger überhaupt über Lebensmittel – rohe wie gekochte – übertragen werde.

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weisen die Nahrungsmitteltheorie von sich. Beide Institutionen halten es für unwahrscheinlich, dass das Virus auf Oberflächen von Gebrauchsgegenständen oder Ernährungserzeugnissen den weiten Weg aus China nach Europa reise. Bislang sei kein Fall bekannt, bei dem sich eine Person über kontaminierte Essen oder trockene Oberflächen infiziert habe.

Eine Verbreitung per Schmierinfektion innerhalb kurzer Wege und Zeiträume sei dagegen möglich. Deshalb sind Verpackungen, Einkaufswagen oder Türgriffe in Supermärkten tatsächlich mögliche Ansteckungsquellen, wenn ein Infizierter sie kurz vorher berührt hat. Mit tierischen oder pflanzlichen Lebensmitteln hat das aber rein gar nichts zu tun.

Hände waschen und nicht alles glauben

Als bester Schutz vor einer Corona-Ansteckung gilt laut Seuchenexperten noch immer das altbewährte regelmäßige Händewaschen. Wer sich in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Bahnhöfen, in Läden und überall sonst, wo sich viele Menschen treffen, bewegt hat, sollte unmittelbar danach zu Wasser, Seife und Handtuch greifen. Spezielle Desinfektionsmittel sind nicht nötig, wer sich damit wohler fühlt, sollte aber ruhig dazu greifen. Einen Atemschutz empfehlen Fachleute bisher bestenfalls Personen mit einer angegriffenen Gesundheit, die sich in großen Menschenansammlungen bewegen müssen.

Was aber auf keinen Fall hilft, sind Panikmache und falsche Sicherheitsversprechen. Davon profitieren nur windige Gestalten wie Heilerinnen und Veganismuskrieger.

Mit Material von Ärzteblatt, Deutsches Tierschutzbüro, RKI
Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe Oktober 2020
agrarheute digital iphone agrarheute digital macbook
cover_agrarheute_magazin.jpg

Kommentar

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...