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+++ Stand 23.07.2021 +++ Kommentar

Wölfe in Tirol: DNA-Ergebnisse liegen vor

Gerissene Schafe auf Tiroler Alm
am Freitag, 23.07.2021 - 11:22 (2 Kommentare)

Seit Wochen häufen sich Meldungen zu Wolfsrissen in den Tiroler Alpen. Auf der Rotwandalm gab es Anfang Juli 30 tote Schafe. Jetzt zeigen die DNA-Ergebnisse: Es war tatsächlich ein Wolf aus dem norditalienischen Genpool.

Update vom 23. Juli 2021: Inzwischen liegen die DNA-Ergebnisse der Spuren von den Schafsrissen auf der Rotwandalm vor. Die Untersuchung bestätigt, dass der Rissverursacher ein Wolf war. Und wie zuvor schon bei Übergriffen auf der nahegelegenen Niederkaralm kam der Beutegreifer aus einer italienischen Population. In Südtirol waren 2019 (neueste verfügbare Zahlen) vier Wolfsrudel mit insgesamt rund 35 Tieren registriert, von denen drei Rudel Territorien im Grenzgebiet zu Österreich besetzt hatten.

In ganz Italien schätzte man 2019 die Wolfspopulation auf 1.100 bis 2.400 Tiere. Die ungenauen Zahlen rühren von einem unvollständigen Wolfsmonitoring her.

Tiroler Landtag reagiert auf die Wolfsangriffe

Update vom 16. Juli 2021: In der zweiten Juliwoche hat der Tiroler Landtag mehrheitlich einen Dringlichkeitsantrag zu einem veränderten Wolfsmanagement beschlossen. In der Änderung des Tiroler Alm- und Jagdgesetzes geht es vor allem um eine schnellere Entscheidung, ob ein Wolf ein Problemtier ist und was mit ihm geschehen soll. In Almweidegebieten, in denen kein Herdenschutz möglich ist, wird das in den meisten Fällen ein Abschuss des betreffenden Tiers sein. Damit soll das öffentliche Interesse am Schutz der Almwirtschaft unterstrichen werden.

Zusätzlich werden die Entschädigungsleistungen erweitert. Die betroffenen Tierhalter erhalten nicht nur einen finanziellen Ausgleich für tote Tiere. Auch die Bergung und Behandlung verletzter Rissopfer sowie Tiere, die nach einem Übergriff verschwunden bleiben, sollen künftig entschädigt werden.

"In Tirol geht es um die Zukunft der Almwirtschaft. Wir reizen auf Basis von Gutachten alle rechtlichen Spielräume aus und gehen einen neuen Weg im Wolfsmanagement. [...] Im Umgang mit Problemwölfen gibt es nun einen Maßnahmenplan, der bis hin zur Entnahme reicht. Damit bieten wir den betroffenen Bauern und Almen eine Perspektive", sagte der stellvertretende Tiroler Landeshauptmann Josef Geisler zur Entscheidung des Landtags.

Schafhalter treiben von den Almen ab

Jetzt geschieht also das, wovor in den Alpenregionen lange gewarnt wurde: Tiroler Schafhalter holen ihre Tiere lange vor Sommerende von den Almen. Denn inzwischen siedeln sich auch in Österreich immer mehr Wölfe an, vor denen die Weideviehhalter ihre Tiere nicht ausreichend schützen können.

Rund 30 tote Schafe in nur einer Nacht

Gerissene Schafe

Auf der Rotwandalm in den Kitzbüheler Alpen hatten ein oder mehrere Wölfe (die DNA-Ergebnisse stehen noch aus) in der Nacht zum 3. Juli 2021 rund 30 Schafe gerissen oder so schwer verletzt, dass die Tiere erlöst werden mussten. Weitere fünf werden bis heute vermisst (Stand: 8. Juli).

Den Schafhaltern blieb nichts anderes übrig, als die erst kurz zuvor aufgetriebenen Tiere unverzüglich wieder talwärts zu bringen. Denn wie soll man in einer unwegsamen Region wie der Rotwandalm Schafe vor dem Wolf schützen?

Einfach Zäune bauen?

Berglandschaft

Gute Ratschläge zu diesem Thema gibt es allerdings genug. Sie kommen vor allem aus Gegenden ohne Wölfe und von Menschen ohne Weidetiere. Und sie klingen immer gleich: Gescheite Zäune müsse man halt bauen, heißt es unter jeder Facebook-Meldung zu Wolfsübergriffen. Aber dazu seien die Weidetierhalter zu faul.

Peter Aschaber, einer der von den Rotwandalm-Rissen betroffenen Tiroler Schafzüchter, reagiert darauf nur noch wütend. „Die waren alle noch nie in den Bergen“, sagt er gegenüber agrarheute. „Selbst wenn diese Zäune Wölfe abhalten könnten: Wie soll man denn auf der Alm richtig zäunen, da wo es fast überall felsig und steil ist?“

Zwischen Überweidung und Verbuschung

Wie praxisfern und weltfremd die Forderung nach wolfssicheren Zäunen in Alpenregionen ist, beweisen – unfreiwillig – Aufnahmen aus dem umstrittenen Hannes-Jaenicke-Film zum Thema Wolfsschutz.

Dort kommt als Fürsprecher für den Wolf der Tiroler Wanderschäfer Thomas Schranz zu Wort. Er plädiert für Zaunbau und erklärt, durch Stromführung wehrten diese Zäune Wölfe sicher ab. Als Beweis dient eine Luftaufnahme, die die Einfriedung zeigt: Ein eingezäuntes Stück Alm, da, wo es halbwegs gerade und felsfrei ist.

Die Fläche innerhalb des Zauns ist gut abgefressen, fast schon überweidet. Außerhalb jedoch, da wo Schafe und Ziegen sonst hinkraxeln und die Vegetation kurz halten, wuchert es ungehemmt. Und was ein Wolf von einem 90-cm-Zaun an einem Steilhang hält, dürfte dem Wanderschäfer die Zukunft zeigen. Von oben in das abgegrenzte Territorium hineinhüpfen könnte auch ein Dackel. Für den Ausgang sorgen dann die panischen Schafe selber.

Almbewirtschaftung braucht Weidetiere

Aber ohne Weidetiere hätten wir Natur pur, eine Alpenlandschaft wie sie immer war – wollen wir das nicht?

Nein, das wollen wir nicht und gerade bei Naturfreunden sollte das zum Basiswissen gehören. Unsere Kulturlandschaft und die auf ihr gedeihende Biodiversität brauchen Pflege, sonst verdrängen dominante Arten alles um sich herum. Die Landschaft verbuscht.

Und gerade auf schwierigem Grund wie Almwiesen geht diese Vegetationpflege nun mal nicht ohne "geländegängige" Weidetiere.

Herdenschutzhunde sind in Tourismusgebieten keine Lösung

Auch Herdenschutzhunde – die zweite gebetsmühlenartig vorgetragende Empfehlung in Internetforen und sozialen Medien – sind für touristisch genutzte Regionen keine Alternative.

Viehhalter in den Alpen haben schon genug Mühe, Wanderer aus ihren Mutterkuhherden herauszuhalten. Wie macht man diesen Tierfreunden klar, dass ein Schutzhund bei der Verteidigung seiner Herde keinen Unterschied zwischen einem Wolf und einem Familienhund – oder schlimmer: einem menschlichen Wandervogel – macht?

Wolf oder Artenvielfalt?

Wer also auch in zehn Jahren noch seinen umweltfreundlichen Urlaub beim Bergwandern in den Tiroler Alpen verbringen und sich an der Artenvielfalt der Almen erfreuen möchte, sollte den uneingeschränkten Schutzstatus für eine der sich am schnellsten vermehrenden Tierarten in unseren Breiten überdenken.

Von den idyllischen Selfie-Motiven mit Weidetieren ganz zu schweigen. Auf der Rotwandalm wird es in diesem Jahr wohl keine Schafe mehr geben, es sei denn, die österreichischen Behörden reagieren und erlauben schnelle und unkomplizierte Abschüsse der Wölfe, die sich in der Region auf Schafrisse spezialisiert haben – notfalls auch unter Inkaufnahme von Strafmaßnahmen der EU. Das jedenfalls ist die unmissverständliche Forderung der Züchter.

Die Bilder der Wolfsrisse sind schwer erträglich

Peter Aschaber mit Schafen

"So kann es doch nicht weitergehen", sagt Peter Aschaber. "Das Blutbad, das wir da vorgefunden haben, zerreißt einem das Herz. Der Angriff war wohl im Morgengrauen. Bis wir auf der Alm waren, lagen viele Tiere stundenlang unter unsagbaren Qualen noch lebend herum, bis sie ein Jäger endlich erlösen konnte." (Eine Auswahl der schwer zu ertragenden Bilder zeigt das Video unten, das Aschaber bei den Bergungsarbeiten gefilmt hat.)

Viele der insgesamt 20 Schafhalter aus Westendorf und Umgebung, die ihre Tiere auf der Rotwandalm hatten, züchten liebevoll seltene Rassen. Aschabers Schafe sind Walliser Schwarznasen, eine Rasse, die aufgrund ihres attraktiven Aussehens bei den Touristen in der Region besonders beliebt war. Aber als Wolfsfutter sind ihm seine Schafe zu schade.

Tiroler Bauern gehen auf die Straße

Der Riss auf der Rotwandalm war allerdings längst nicht der erste Fall. Wenige Wochen zuvor zum Beispiel hat es Schäfer auf der anderen Seite des Bergs erwischt. Insgesamt 200 Wolfsrisse wurden in dieser Saison österreichweit bereits erfasst. Deshalb machen die Tiroler Almviehhalter und auch zahlreiche Tourismusanbieter inzwischen mobil.

Am Samstag, noch bevor die Risse auf der Rotwandalm von zwei Wanderern entdeckt worden waren, demonstrierten in Innsbruck 3.000 Menschen für ein Wolfsmanagement, das diesen Namen verdient. Sie forderten einen Schutz der Kulturlandschaft durch Schutz der Weidewirtschaft vor dem Wolf.

Der Politiker Josef Hechenberger (Österreichische Volkspartei ÖVP) schrieb dazu auf Facebook: "Der geplante Dringlichkeitsantrag zum Umgang mit großen Beutegreifern muss so nachgebessert werden, dass Abschüsse endlich auch wirklich in der Praxis umsetzbar sind. [...] Der Wolf wird schon seit 2018 in Europa als nicht mehr gefährdet eingestuft, bedroht aber gleichzeitig den Lebensraum dutzender ebenso geschützter Tier- und Pflanzenarten."

Was, wenn sich die Wolfsbestände entwicklen wie in Deutschland?

Dabei beginnen die Probleme in unserem Nachbarland gerade erst, nach allem, was man aus hiesigen Erfahrungen sagen kann. Offiziell sind in Österreich im Jahr 2020 nur 40 Wölfe erfasst gewesen (Quelle: beutegreifer.at). Selbst mit einer hohen Dunkelziffer sind das bislang nicht viele. Aber in den kargen Alpenregionen sind Hausschafe nun einmal viel leichter zu erbeuten als Gämsen, Murmeltiere oder Steinböcke. 

Was also, wenn sich die österreichischen Wölfe ähnlich rasant ausbreiten wie die deutschen? Zumal auch ein Abwandern von hier nach Österreich mit zunehmendem Populationsdruck immer wahrscheinlicher wird, wir also vielleicht künftig unsere Wolfspolitik des unbegrenzten Wachstums quasi exportieren.

Peter Aschaber sagt, auf die dringlichen Notrufe der Tiroler Bauern bekomme man von Naturschützern und Politikern immer wieder die Antwort, in anderen Ländern gebe es doch auch keine Probleme: Italien, Frankreich, Schweden ... Deutschland. Deutschen Weideviehhaltern dürfte dieser Spruch schmerzhaft bekannt vorkommen.

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