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Kommentar

UBA-Forderungen zum Individualverkehr gefährden den ländlichen Raum

verlassene Schulbushaltestelle
am Freitag, 06.12.2019 - 11:30 (1 Kommentar)

Das Umweltbundesamt fordert in einem Positionspapier teueren Sprit und die Streichung der Pendlerpauschale. Für den ländlichen Raum, wo es an Alternativen fehlt, wäre das fatal. Ein Kommentar.

Am Mittwoch wurden Forderungen aus einem Positionspapier des Umweltbundesamtes (UBA) bekannt, die für den hiesigen Individualverkehr erhebliche Einschnitte bedeuten würden.

Das Schriftstück, das bereits ein halbes Jahr alt ist, bislang aber nicht kommuniziert wurde, empfiehlt unter anderem eine Erhöhung der Kraftstoffbesteuerung um 70 Cent je Liter Diesel und 47 Cent je Liter Benzin sowie die ersatzlose Streichung der Pendlerpauschale.

Mit diesen Maßnahmen soll Deutschland seine Klimaziele bis 2030 erreichen. Bislang, so das UBA, habe kein Ansatz gut genug gegriffen. Deshalb sei rigoroser vorzugehen.

Nächster Bus: In sechs Stunden

Man will dem Autofahrer also ans Geld. Tanken soll weh tun. Das Auto soll unattraktiv gegenüber den öffentlichen Verkehrsalternativen werden. Und genau da liegt der Hund begraben.

Offenbar kann man sich als großstädtischer Behördenmitarbeiter nämlich nicht vorstellen, wie es ist, die nächste Bus- oder Bahnhaltestelle nicht in fußläufiger Entfernung zu haben. Oder mit Taktungen von sechs Stunden statt sechs Minuten klarkommen zu müssen. Für viele Landbewohner sieht so aber die Realität aus.

Keine Alternative zum "Familienkutschbetrieb"

Vor allem für viele Familien im ländlichen Raum wäre die Durchsetzung dieser Forderungen fatal.

Ich habe vor einigen Jahren bei einer Landwirtin in der Eifel den "Fahrplan" eines einzigen Tages studieren können. Eltern und Großeltern neben der Landwirtschaft im Ehrenamt tätig, drei Kinder auf drei verschiedenen Schulen in zwei verschiedenen Orten, eins zudem mit sportlichen und eins mit künstlerischen Ambitionen. Von Einkäufen und beruflichen Verpflichtungen einmal ganz abgesehen.

Rund hundert Kilometer kamen so für den "Familienkutschbetrieb" täglich zusammen. Und für nichts davon gab es öffentliche Verkehrsmittel als Ersatz – abgesehen vielleicht von einem Schulbus, der durch seine unflexiblen Fahrzeiten aber jegliche außerschulischen Aktivitäten der Kinder zunichte machte.

Selbstfahren ist kein Selbstzweck

Würden die Vorstellungen des UBA also Wirklichkeit, kostete das die betroffene Familie täglich irgendwas um die vier Euro zusätzlich – je nach Kraftstoffart und Verbrauch. Bei durchschnittlich 22 Schultagen sind das im Monat fast 90 Euro. Vorausgesetzt, man leistet sich nicht noch irgendwelche Wochenendaktivitäten wie Sportveranstaltungen der Kinder oder einen Einkaufsbummel in der nächsten Stadt.

Damit wir uns richtig verstehen: So manche Landwirtsfamilie würde sich die Selbstfahrerei nur zu gern schenken, weil sie neben Geld auch enorm viel Zeit kostet. Aber es müssen Alternativen her. Und zwar, bevor der Individualverkehr so eingeschränkt wird, dass die Last für Normalverdiener zur sozialen Härte wird.

Angebote statt Verbote!

Das Positionspapier des UBA mit dem Titel "Kein Grund zur Lücke" hat schon sechs Monate auf dem Buckel. Die Bundesregierung hat die Vorschläge bislang ignoriert. Im Gegenteil: Das Klimapaket sieht beispielsweise eine höhere Pendlerpauschale ab dem 21. Kilometer vor, um die durch den CO2-Handel zu erwartende Kraftstoffverteuerung von zunächst 3, später 10 Cent auszugleichen. Gleichzeitig soll die Mehrwehrtsteuer auf Bahntickets sinken.

Doch auch ein vergünstigter Nahverkehr würde das eigentliche Problem nicht lösen: Es fehlt an Streckenangeboten und einer alltagstauglichen Taktung. Und so lange da nichts passiert (oder im Gegenteil die Zustände immer prekärer werden), straft jeder Ansatz, den Individualverkehr teurer zu machen, vor allem diejenigen, die ihn nicht meiden können. Das nützt dann zwar dem Staatssäckel, aber nicht der Umwelt.

Mit Material von welt.de, UBA

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