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Interview

Ukraine-Krieg: „Wir könnten auf eine Dünger-Krise zusteuern.“

Junglandwirtin Marie Hoffmann vor einem Düngerstreuer
am Mittwoch, 02.03.2022 - 14:46 (4 Kommentare)

Agrarstudentin Marie Hoffmann durfte an der Sondersitzung des Bundestags anlässlich des Ukraine-Kriegs teilnehmen. Dort wurde ihr erst wirklich bewusst, welche Folgen der Krieg für unsere heimische Landwirtschaft hat - und wohin das führen könnte. Ihre Befürchtungen teilt sie mit uns im Interview.

Marie, wie kam es dazu, dass du bei der Sondersitzung des Bundestags anlässlich des Ukraine-Kriegs dabei warst?

Im Rahmen eines Stipendiums mache ich zurzeit ein Praktikum beim FDP-Abgeordneten Gero Hocker. So durfte ich letzten Sonntag eben auch bei der Sondersitzung in Berlin dabei sein und saß sogar auf der Ehrentribüne hinter Joachim Gauck und dem ukrainischen Botschafter. Als die beiden sich dann direkt vor meinen Augen in die Arme gefallen sind, war das wahnsinnig überwältigend.

Was nimmst du aus der Sondersitzung mit?

Alles in allem wurde mir während der Sitzung erst bewusst, was der Krieg in der Ukraine für uns als Europäer, für unsere Ernährungssicherheit und somit auch für die heimische Landwirtschaft bedeutet.

Welche Folgen befürchtest du denn für die heimische Landwirtschaft?

Zunächst dachte man, dass wir vor Knappheiten bezüglich Getreide und Ölsaaten stehen. Diese Sorge hat sich zum Glück nicht bewahrheitet, wir importieren ja kaum Getreide aus Russland. Was sich in dem Zusammenhang aber schon zeigt, ist, dass die Preise für unser eigenes Getreide in die Höhe schnellen. Das ist schön für die Ackerbauern doch ein enormer Schlag für die Tierhalter, die Futter zukaufen müssen.

Was ebenfalls problematisch werden könnte, ist die Versorgung mit Mineraldünger. Kali und Phosphor werden schließlich in Russland abgebaut.

Wie ist es deiner Meinung nach um unsere Ernährungssicherheit bestellt?

Wir haben einen sehr hohen Selbstversorgungsgrad. Doch wir müssen unsere Pflanzen auch weiterhin optimal versorgen und Wirtschaftsdünger im Sinne der Kreislaufwirtschaft transportwürdig machen. Zum Beispiel, indem wir den Dünger pelletieren und ihn so in Regionen bringen können, in denen es weniger Tierhaltung gibt. Zudem muss sich politisch einiges ändern, damit wir die Ernährungssicherheit nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa sicherstellen können.

Was muss sich denn politisch ändern?

Zum Beispiel müssen wir versiegelte Flächen, Brachen, usw. wieder für den Ackerbau remobilisieren, damit wir hochwertige Lebensmittel in ausreichender Menge erzeugen können.

Es gibt ja Stimmen, die nach der Abschaffung der Düngeverordnung rufen. Wie stehst du dazu?

Mehr düngen müssen wir nicht, sondern unseren Dünger besser auf die Flächen verteilen - und das weiterhin mit guter, fachlicher Praxis und möglichst effektiv. Wir müssen dafür sorgen, dass die Nährstoffe auch bei der Pflanze ankommen und nicht in tiefere Bodenschichten absinken oder über gasförmige Emissionen verloren gehen.

Was macht dir als Landwirtin persönlich am meisten Angst?

Mir macht es sehr viel Angst, dass es wieder die Tierhalter trifft. Wenn aufgrund der hohen Getreidepreise noch mehr Tierhalter zum Aufgeben gezwungen werden, verlieren wir organischen Dünger. Dann könnte ein Nährstoffdefizit entstehen und wir werden auf Dünger aus dem Ausland angewiesen sein.

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