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Wirtschaft

Ukraine und Russland - Langfristiger Ölsaaten-Boom wahrscheinlich

Externer Autor
am
01.01.2010

Braunschweig - Für das Jahr 2010 ist in der Ukraine und Russland nicht mit grundlegenden Änderungen in Agrarproduktion sowie bei Exporten zu rechnen.

Dank der abgewerteten Griwna erwartet die Ukrainische Agrarvereinigung UCAB eine starke Wettbewerbsstellung für ukrainische Agrarexporte. Insgesamt wird vom UCAB geschätzt, dass der Agrarsektor in 2010 mit  zirka 5 bis 7 Prozent wachsen wird. Dies trotz eines sehr hohen inländischen Zinsniveaus von 25 Prozent. Auch ist es seit dem Beginn der internationalen Finanzkrise wesentlich schwieriger geworden, günstigere Kredite in Hartwährungen zu erhalten.

Hinzu kommt, dass aufgrund der angespannten Lage der öffentlichen Haushalte – das Etatdefizit soll sich Schätzungen zu Folge in 2010 auf zirka 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts belaufen – die staatliche Unterstützung des Agrarsektors zurückgefahren wird. Diese positive Gesamtentwicklung des Agrarsektors dürfte – besonders langfristig – mit einer Veränderung in den Anbaurelationen Hand in Hand gehen. Es ist damit zu rechnen, dass die Ölsaatenflächen erhöht werden, insbesondere die von Raps.

Für diese Prognose sind nach Meinung der Experten von agri benchmark (siehe Jahresrückblick - Teil 16: Osteuropäischer Ackerbau - der schlafende Riese?) folgende Tatsachen ausschlaggebend:

  1. Die Anbauflächen für Raps, Sonnenblumen und Sojabohnen wurden in den letzten Jahren sehr stark ausgeweitet. Insgesamt hat sich die bestellte Ackerfläche in der Ukraine seit 2000 auf einem Niveau von gut 26 Mio ha stabilisiert, wobei in 2008 als Reaktion auf die sehr hohen Agrarpreise ein Anstieg von gut einer Million Hektar (4 Prozent) stattfand. Wie aus Abbildung 1 (unten) ersichtlich, haben sich allerdings deutliche Verschiebungen bei den angebauten Kulturen ergeben: Während Weizen – abgesehen vom Boomjahr 2008 – auf 5 bis 6 Mio ha angebaut wurde, ist bei den Ölsaaten – insbesondere bei Raps und Sonnenblumen – ein sehr starker Anstieg zu verzeichnen gewesen.

    Der Sonnenblumenanbau wurde um zirka 50 Prozent ausgeweitet; bei Sojabohnen und Raps hat – ausgehend von einem sehr geringen Niveau in 2000 – eine Ausweitung um 700 Prozent bzw. 500 Prozent der Fläche stattgefunden. Die drei Ölsaaten haben 2008 folgende Flächenanteile eingenommen: Sonnenblume: 16 Prozent; Sojabohnen: 2 Prozent und Raps 5 Prozent. Das heißt, während bei Sonnenblumen schon ein vergleichsweise hoher Anteil erreicht ist, sind – zumindest aus Fruchtfolgegründen – bei Raps und Soja noch erhebliche Ausweitungspotenziale vorhanden.

  2. Eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so dynamische Entwicklung des Ölsaatenanbaus ist auch in der Russischen Föderation zu beobachten. Dort wurde der Rapsanbau zwischen 2000 und 2008 um gut 250 Prozent ausgedehnt, bei Sojabohnen beträgt der Anstieg gut 100 Prozent und bei Sonnenblumen knapp 40 Prozent.

  3. Hintergrund für diese Entwicklung ist, dass es bisher in der Ukraine und Russland sehr profitabel war Raps anzubauen. Berechnungen des internationalen Netzwerks agri benchmark, welches vom von Thünen Institut in Braunschweig koordiniert wird, zeigen dies. Aus Abbildung 2 (unten)ist ersichtlich, dass es auf den russischen und ukrainischen Betrieben in 2008 deutlich profitabler war, Raps anzubauen als Weizen: Während letzterer nur knapp die Vollkosten decken konnte bzw. sogar leichte Verluste einbrachte, wurden mit Raps Gewinne von 300 bzw. sogar über 500 Euro/ha realisiert. Und das bei Rapspreisen von um die 300 Euro/t und Weizenpreisen von um die 100 Euro.

  4. Jenseits dieser von aktuellen Preisen beeinflussten Entwicklung gibt es aber auch strategisch eine starke einzelbetriebliche Stellung von Raps – oder generell Ölsaaten – in Osteuropa. Hintergrund sind die gänzlich anderen Ertragsrelationen zwischen Weizen und Raps. Während in Westeuropa überwiegend Ertragsrelationen von 1:2,5 realisiert werden, ist diese Relation auf vielen gut geführten Betrieben in Russland und der Ukraine deutlich enger. Sie liegt hier eher in der Größenordnung von 1:1,5 bis 1:2 (vgl. Abbildung 3, unten). Das heißt, bei identischen Preisrelationen zwischen beiden Kulturen ist es für diese osteuropäischen Betriebe wirtschaftlich immer interessanter, den Rapsanbau auszudehnen bzw. überhaupt den Anbau fortzusetzen als in Westeuropa.

  5. Für eine Ausweitung des Rapsanbaus in der Ukraine und Russland sprechen darüber hinaus auch die aktuellen Preissignale: Während an der MATIF die Futures für Weizen mit Werten von 128 €/t für August 2010 unverändert niedrig notieren, ergeben sich für Raps Preiserwartungen ex Ernte 2010 von 288 €/t, das heißt ungefähr auf dem Niveau, welches den oben skizzierten betriebswirtschaftlichen Zahlen für 2008 zu Grund liegt. Die Preisrelation liegt damit bei 1:2,3, also erheblich über der typischen Ertragsrelation in Osteuropa und leicht unter der in Westeuropa vielfach anzutreffenden. Da davon auszugehen ist, dass die Preissignale der MATIF – wenn auch auf niedrigerem Niveau – auch in Osteuropa wirksam werden, ergeben sich deutliche wirtschaftliche Anreize dafür, den Rapsanbau in diesen Regionen weiter auszudehnen.

  6. Abschließend muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass der internationale Handel mit Ölsaaten generell wie auch beim Raps speziell in der Ukraine wie auch in Russland noch eine vergleichsweise geringe Rolle spielt. In 2009 wurden z.B. aus der Ukraine Ölsaaten und Pflanzenöle im Umfang von insgesamt nur zirka 1,5 Mio t exportiert. Zum Vergleich: Alleine in Deutschland wurden 2009 zirka 6,2 Mio t Raps geerntet. Folglich dürfte die zu erwartende Ausweitung der Rapsflächen den EU-Rapsmarkt bis auf weiteres eher marginal beeinflussen. Langfristig betrachtet ist die starke betriebswirtschaftliche Position von Raps in Osteuropa allerdings ein beachtenswertes Faktum.

{BILD:113947:jpg}Dr. Yelto Zimmer
Institut für Betriebswirtschaft (vTI)

Braunschweig









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