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Wirtschaft

Unruhen und Krisen: Wie wirken sie sich auf Getreidemärkte aus?

© Norbert Anspach/aboutpixel
Externer Autor ,
am
01.04.2011

Die Unruhen in Libyen und das Erdbeben in Japan gehen nicht spurlos an den weltweiten Getreidemärkten vorbei. Gab es solche Extremsituation schon immer oder nehmen sie zu? Wir fragen drei Landwirte.

Weizen legte gestern an der Matif 1,50 Euro zu. © Norbert Anspach/aboutpixel
Weltweite Nachfrage und Verbrauch, immer mehr Flächen zur Energieproduktion
 
Gerhard Rott, 38154 Königslutter-Scheppau Niedersachsen
 
"Die Globalisierung bringt es mit sich, dass wir häufiger Extreme haben werden. 2007 hatten wir eine schlechte Ernte. Die Wetterbedingungen brachten eine weltweite Trockenheit mit sich. Die Getreidepreise sind hochgeschnellt auf bis zu 250 Euro pro Tonne. Dies hat sich bis 2008 ausgewirkt. 2009 hatten wir dagegen eine gute Ernte. Die Preise pendelten sich bei 120 Euro pro Tonne ein. 2010 gab es eine extreme Trockenheit, die sich über Europa, die ganze Schwarzmeerregion einschließlich Russland erstreckte, während in Australien Überschwemmungen waren. So gab es ab Sommer 2010 wieder steigende Preise. Diese Schwankungen werden wir weiter haben. Die Produkte werden über große Distanzen gehandelt. Hinzu kommt, dass immer mehr Verbraucher mit höherem Lebensstandard wie in China oder Russland dazukommen, unsere Produkte werden also vermehrt nachgefragt. Damit wird auch mehr Fleisch gegessen, das zur Erzeugung wiederum mehr Getreide braucht. Um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, braucht es drei Kilogramm Getreide. Das Getreide kann aber nur einmal verbraucht werden. In Brasilien, den USA und in Europa werden inzwischen große Teile der Fläche zur Energieproduktion mit Zuckerrohr, Mais und Getreide verwendet, die dann der Nahrungsmittelproduktion ebenfalls nicht mehr zur Verfügung steht."mehr ...

Auswirkungen im freien Markt heftiger

Henning Buhr, Wardböhmen, 29303 Bergen Niedersachsen
 
"Ich denke, solche Katastrophen hat es schon immer gegeben. Aber wir haben ja die Intervention gehabt und so haben sich diese Extremsituationen für uns Landwirte nicht so deutlich ausgewirkt. Mein Vater wusste damals schon vor der Ernte, welchen Preis er für das Getreide bekommt. Heute ist dieser Außenschutz weg und wir sind sozusagen Spielball der Märkte. Dies ist gewollt und normal aber die Schwankungen sind größer, als das wohl von Politik und Wirtschaft erwartet wurde. Beispielsweise haben die Hedgefonds mehr Einfluss, als wir uns das gedacht haben." mehr ...

Häufigkeiten von Extremsituationen nehmen zu

Stefan Wohlfrom, 86756 Reimlingen Bayern
 
"Die Extremsituationen nehmen meiner Meinung nach immer mehr zu, vor allem die Abstände dieser Ereignisse. Klar hat man als Erzeuger ein ungutes Gefühl, weil man nie sagen kann, ob sich das auf einen selber auch auswirkt. Mit den Marktschwankungen muss man leben, sie sind nur nicht nachvollziehbar (aktuelles Beispiel Sommergerste und Weizen." mehr ...
 
 

Angelika Sontheimer
Freie Agrarjournalistin

 

 
 
 

Unruhen und Krisen: Wie wirken sie sich auf Getreidemärkte aus?

Gerhard Rott, 38154 Königslutter-Scheppau Niedersachsen

Nehmen die Extremsituationen auf den Märkten zu, fragen wir Gerhard Rott aus Niedersachsen.


"Mein Name ist Gerhard Rott, ich bin 52 Jahre und von der Ausbildung her Landwirtschaftsmeister. Ich bewirtschafte einen Marktfruchtbetrieb im Braunschweiger Land in der Gemarkung Königslutter am Rand des Elms mit Raps, Zuckerrüben, Weizen, Roggen und Gerste. Außerdem bin ich Gesellschafter eines Veredelungsbetriebs.

Weltweite Nachfrage und Verbrauch, immer mehr Flächen zur Energieproduktion

Die Globalisierung bringt es mit sich, dass wir häufiger Extreme haben werden. 2007 hatten wir eine schlechte Ernte. Die Wetterbedingungen brachten eine weltweite Trockenheit mit sich. Die Getreidepreise sind hochgeschnellt auf bis zu 250 Euro pro Tonne. Dies hat sich bis 2008 ausgewirkt. 2009 hatten wir dagegen eine gute Ernte. Die Preise pendelten sich bei 120 Euro pro Tonne ein. 2010 gab es eine extreme Trockenheit, die sich über Europa, die ganze Schwarzmeerregion einschließlich Russland erstreckte, während in Australien Überschwemmungen waren. So gab es ab Sommer 2010 wieder steigende Preise.
 
Diese Schwankungen werden wir weiter haben. Die Produkte werden über große Distanzen gehandelt. Hinzu kommt, dass immer mehr Verbraucher mit höherem Lebensstandard wie in China oder Russland dazukommen, unsere Produkte werden also vermehrt nachgefragt. Damit wird auch mehr Fleisch gegessen, das zur Erzeugung wiederum mehr Getreide braucht. Um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, braucht es drei Kilogramm Getreide. Das Getreide kann aber nur einmal verbraucht werden. In Brasilien, den USA und in Europa werden inzwischen große Teile der Fläche zur Energieproduktion mit Zuckerrohr, Mais und Getreide verwendet, die dann der Nahrungsmittelproduktion ebenfalls nicht mehr zur Verfügung steht.

In mehreren Margen vermarkten

Meine persönliche Risikominimierung besteht darin, dass ich Raps und Getreide in mehreren Margen auf vier Mal vermarkte und nicht viel Vorkontrakte abschließe. 2010 hat es mich böse erwischt. Ich habe für 120 Euro pro Tonne Brotweizen abgeschlossen, in der Ernte 2010 wurde weniger geerntet und der Preis ist drastisch angestiegen. Mein Handeln war also im Rückblick falsch. Deshalb werde ich auch in Zukunft in mehreren Tranchen und maximal 20 Prozent im Vorkontrakt verkaufen, weil ich ja die Menge der zu erwartenden Ernte nicht weiß. Ich handele nicht an der Warenterminbörse, dies ist immer auch mit Gebühren und Kosten verbunden. Eine Direktvermarktung ist meiner Meinung nach nur mit Premium-Produkten sinnvoll, sonst sehe ich da wenig Chancen, ein ordentliches Einkommen zu erzielen. Wir Landwirte werden auch in Zukunft über unsere angestammten Handelspartner wie Kraftfutterwerke, Mühlen und über Händler in den Export vermarkten. Ganz schwache Partien können vielleicht auch über die Biogasanlage verwertet werden."

Unruhen und Krisen: Wie wirken sie sich auf Getreidemärkte aus?

Henning Buhr, Wardböhmen, 29303 Bergen Niedersachsen

Nehmen die Extremsituationen auf den Märkten zu, fragen wir Henning Buhr aus Niedersachsen.


"Ich heiße Henning Buhr, ich bin Landwirt mit angeschlossenem Lohnunternehmen mit Schwerpunkt Bestandespflege, Pflanzenschutz und Bestellung. Ich bewirtschafte im nordwestlichen Landkreis Celle zwischen 200 und 250 Hektar mit Saatgetreidevermehrung, Raps und Zuckerrüben.

Auswirkungen im freien Markt heftiger

Ich denke, solche Katastrophen hat es schon immer gegeben. Aber wir haben ja die Intervention gehabt und so haben sich diese Extremsituationen für uns Landwirte nicht so deutlich ausgewirkt. Mein Vater wusste damals schon vor der Ernte, welchen Preis er für das Getreide bekommt. Heute ist dieser Außenschutz weg und wir sind sozusagen Spielball der Märkte. Dies ist gewollt und normal aber die Schwankungen sind größer, als das wohl von Politik und Wirtschaft erwartet wurde. Beispielsweise haben die Hedgefonds mehr Einfluss, als wir uns das gedacht haben.

Vermarktung bündeln

Ich persönlich vermarkte nicht groß auf dem freien Markt. Beim Saatgetreide ist es ja ein Vertragsanbau, bei dem ein über die Börse gemittelter Preis bis November erfasst und ausbezahlt wird. Den Raps verkaufe ich allerdings frei. Ich denke, man muss das Ganze splitten, also die voraussichtliche Ernte immer wieder ein Stück weit verkaufen. Damit nimmt man zwar nicht die größten Hochs mit aber eben auch nicht die Talsohle. 80 Hektar Raps sind eine Menge, bei der es auch für die aufnehmende Hand interessanter wird. Was kann der Landwirt tun, um die Preise mitzugestalten? Beim Einkauf ist es sicherlich einfacher, zu bündeln und als mächtiger Partner dem Handel gegenüberzutreten. So mache ich es beispielsweise beim Dünger. Beim Verkauf könnten auch überregionale Partnerschaften geschlossen werden."

Unruhen und Krisen: Wie wirken sie sich auf Getreidemärkte aus?


Nehmen die Extremsituationen auf den Märkten zu, fragen wir Stefan Wohlfrom aus Bayern.


"Unser Betrieb liegt im Donau-Ries in einem Ackerbaugebiet mit vielen Biogasanlagen und immer weniger werdenden Tierhaltern. Meine Eltern bewirtschaften einen Milchviehbetrieb mit 100 Fleckvieh-Kühen, Ackerbau, Photovoltaik auf Dachanlagen und Wald. Ich bin im Moment im 3. Lehrjahr der landwirtschaftlichen Ausbildung und habe bereits eine abgeschlossene Lehre als Landmaschinenmechaniker.

Häufigkeiten von Extremsituationen nehmen zu

Die Extremsituationen nehmen meiner Meinung nach immer mehr zu, vor allem die Abstände dieser Ereignisse. Klar hat man als Erzeuger ein ungutes Gefühl, weil man nie sagen kann, ob sich das auf einen selber auch auswirkt. Mit den Marktschwankungen muss man leben, sie sind nur nicht nachvollziehbar (aktuelles Beispiel Sommergerste und Weizen).

Sich informieren und engagieren

Wir bauen unsere Wintergerste komplett für den Eigenbedarf an, den Weizen vermarkten wir teilweise mit Kontrakt an den regionalen Handel. Um am Markt besser zu bestehen, haben die Landwirte meiner Meinung nach nur die Möglichkeit, sich in der Politik und im Handel zu engagieren, den Markt aufmerksam zu beobachten und Waren zu erzeugen, die qualitativ hochwertig sind."
 
Stefan Wohlfrom
86756 Reimlingen Bayern 

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