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Wirtschaftskrise und Einkommen

USA: Selbstmordrate unter Farmern ist extrem hoch

USA Farm
am
16.04.2019
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Die Selbstmordrate unter US-Farmern ist wesentlich höher als in der amerikanischen Bevölkerung insgesamt.

Grund sind die massiven wirtschaftlichen Probleme durch die niedrigen Agrarpreise und die hohe Verschuldung vieler Betriebe. Seit 2013 ist das Nettoeinkommen der landwirtschaftlichen Betriebe in den USA um rund 50 Prozent zurückgegangen.

Eine Studie des US-Centers for Disease Control (CDC) geht davon aus, dass die Suizidrate unter Landwirten mindestens doppelt so hoch ist wie in der Gesamtbevölkerung. Da zudem viele Farmer versuchten, ihre Selbstmorde wie Unfälle aussehen zu lassen, ist die wirkliche Zahl nach Einschätzung von US-Agrarverbänden noch weitaus höher. Außerdem wurden in vielen großen Agrarstaaten - wie etwa in Iowa - bislang keine Daten zu Selbstmorden von Landwirten erhoben. 

Nach der schlimmen Farmkrise der 80er-Jahren hatten Farmer-Organisationen viele Notrufdienste eingerichtet, die den Landwirten neben konkreten Hilfsmaßnahmen auch psychische Unterstützung anbieten. Mit anderen Landwirten zu reden, ist "wie Noahs Arche", berichtet ein Farmer aus dem Mittleren Westen.

Agrarpreise fallen, Selbstmorde nehmen zu

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Farm Aid, eine Organisation, deren Aufgabe die Unterstützung von familiengeführten landwirtschaftlichen Betriebe in den USA ist, gibt an, dass die Zahl der Anrufe bei der Farmers Hotline im Jahr 2018 um 30 Prozent gestiegen ist. Das deuten die Verantwortlichen als ernstes Warnsignal.

Nach Einschätzung der Organisation haben zeitgleich die Selbstmorde unter Landwirten deutlich zugenommen, nachdem die Preise für viele Agrarprodukte gefallen sind und die Betriebe finanziell zu kämpfen haben.

Ähnlich wie in den achtziger Jahren haben viele Farmer in finanzieller Hinsicht mittlerweile massive Probleme, ihre Betriebe zu erhalten, die zum Teil schon über viele Generationen geführt werden.

Fast wie die Farmkrise in den 80er-Jahren

In den 1980er-Jahren mussten die US-Farmer die bisher schlimmste landwirtschaftliche Krise seit der Weltwirtschaftskrise überstehen. Die Marktpreise stürzten ab. Hohe Kredite wurden in Anspruch genommen. Die Zinssätze verdoppelten sich über Nacht. Viele Landwirte mussten ihre Betriebe liquidieren und ihr Land verlassen.

Die Selbstmordrate stieg rapide an. "Was wir in der Farmkrise der 80er-Jahre durchgemacht haben, war die Hölle", sagt Donn Teske, Landwirt und Präsident der Kansas Farmers Union. Im Frühjahr 1985 gingen die Farmer dann zu Tausenden nach Washington DC.

Sie marschierten mit hunderten schwarzen Kreuzen - jeweils mit dem Namen eines Zwangsenteigneten oder Selbstmordopfers - zum Gebäude des Landwirtschaftsministeriums und trieben die Kreuze dort in den Boden. "Es sah aus wie ein Friedhof", erinnern sich Teilnehmer der Aktion.

Schuldenlast ist oft sehr hoch

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US-Farmorganisationen stellen an diesem Punkt zwei Fragen: Was hat die Betriebe aktuell an diesen kritischen Punkt gebracht? Was können die Farmer tun, um die negative Entwicklung zu stoppen? Verantwortlich für den finanziellen Stress sind nach Einschätzung der Farmerverbände nämlich nicht nur die niedrigen Rohstoffpreise oder Wetterextreme.

Ein Teil der Probleme resultiert auch aus der Überschätzung der wirtschaftlichen Möglichkeiten der Betriebe. Die heutige Generation von US-Farmern zwischen 40 und 60 Jahren muss nach Meinung der Farmorganisationen oft auch noch die Erwartungen ihrer eigenen Familien erfüllen, die nicht mehr in der Landwirtschaft tätig sind.

Diese Familien wollen die Farmen oft erhalten, obwohl sie nicht mehr mitarbeiten und wenig Einblick in Probleme haben. Außerdem haben die jetzigen Farmer die Besitzanteile der übrigen Familienmitglieder häufig aufgekauft und den Betrieb dadurch mit hohen Schulden belastet, die nun nicht erwirtschaftet werden können und die Betriebe in den Ruin treiben.

Farmer: Reden ist wie Noahs Arche

In der Vergangenheit sind die Familien davon ausgegangen, dass die Farmer die Anteile der Nichtfarmer aus der Familie aufkaufen und dieses Verfahren wurde mit jeder Generation fortgesetzt. Die verbleibende Generation war dann die Generation, die auch die Schuld für einen möglichen Verlust der Farm trägt.

Verantwortlich für die angespannte wirtschaftliche Situation vieler Betriebe sind also nicht nur die schlechten Preise oder Wetterkatastrophen, sondern auch die hohen Schulden durch die Auszahlung der übrigen Familien-Mitglieder. Hier sehen die Farmorganisationen eine wesentliche Ursache für die Verschuldung und die sehr hohen Selbstmordraten auf den Familienbetrieben. Die in Not geratenen Farmer fühlen sich oft als Versager vor ihrer Familie, vor der Gemeinschaft und der gesamten Branche.

Nach der Landwirtschaftskrise in den 80er-Jahren hatten vor allem Farmorganisationen die Hilfsprojekte für Farmer in Not erheblich ausgebaut. Viele Landwirte wünschen sich vor allem Gespräche mit anderen Landwirten, die wissen, was sie gerade erleben und ihre Nöte verstehen. „Ich würde wirklich alles geben, um mit Leuten zu reden“, erzählte ein Farmers aus Kansas einer Lokalzeitung. „ Es ist wie Noahs Arche."

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