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Umwelt

USA/Schwarzmeerregion: Ernteaussichten schmelzen in der Hitze

von , am
06.08.2012

Russlands Ernteprognose schmilzt auf das Niveau des Eigenbedarfs zusammen, in den USA gilt in über der Hälfte aller Counties der Notstand. Auch Südosteuropa leidet unter Wetterunbilden.

Luftaufnahmen des Dürregebietes in Colorado/USA. © Lance Cheung/USDgov/flickr.com
Die Dürrekatastrophen in den USA sowie in der Schwarzmeerregion spitzen sich zu und mit ihnen die Nervosität an den agrarischen Rohstoffmärkten. Wie die jüngste Karte mit den von Dürre betroffenen Regionen in den Vereinigten Staaten des US-Landwirtschaftsministeriums USDA vom 1. August zeigt, musste in mehr als der Hälfte aller Counties (Verwaltungsbezirke) der Notstand ausgerufen werden.
 
Betroffen ist vor allem der Corn Belt des Mittelwestens, wo sich die Mais- und auch Sojakulturen konzentrieren.
Schwarzmeerregion: Unterschiedliche Regierungsaussagen irritieren Märkte
 
Auch die Kornkammer am Schwarzen Meer mit den Exportriesen Russland, Ukraine und Kasachstan leidet schwer unter Hitze und Dürre. Russlands Ernteprognose schmilzt auf jene Auslöseschwelle nahe des Eigenbedarfs von 72 Millionen Tonnen hin zusammen, die im August 2010 über Nacht zur Verhängung eines Exportstopps und einer Preisexplosion auf den Weltmärkten geführt hatte. Zudem lösen widersprüchliche Regierungsaussagen zu Erntemengen und Exportpotenzial Russlands Beunruhigung aus.
 
USA stützen dürregeplagte Landwirte
 
US-Landwirtschaftsminister Tom Vilsack gab Ende Juli bekannt, dass wegen des mit der Dürre einhergehenden Futtermangels Rancher 1,5 Millionen Hektar in Agrarumweltprogrammen ausgewiesener Öko-Flächen zur Grünfuttergewinnung oder als Weidegründe nutzen dürfen.
Weiters erwirkte das USDA bei den landwirtschaftlichen Einkommensversicherern, dass den Farmern ausstehende Prämienzahlungen gestundet werden. Zudem haben Farmer in den Notstandsgebieten Anspruch auf zinsverbilligte Kredite.

Russland: Widersprüchliche Regierungsaussagen beunruhigen Märkte

© Maren Beßler/pixelio.de

Über die Exportfähigkeit Russlands kursieren Gerüchte. Genährt werden sie von widersprüchlichen Aussagen Moskauer Regierungsvertreter.


Die Verwirrung kam zustande, nachdem die offizielle Ernteprognose des russischen Landwirtschaftsministeriums bis Anfang dieser Woche auf 80 bis 85 Millionen Tonnen Getreide gelautet hatte, dann Ministerpräsident Dmitrij Medwedew am Dienstag in Wolgograd eine neue offizielle Prognose um fünf Millionen Tonnen niedriger zwischen 75 und 80 Millionen Tonnen verkündet hat und dann der stellvertretende Landwirtschaftsminister Alexander Chernogorov am Donnerstag in Novosibirsk meinte, 80 Millionen Tonnen seien zu optimistisch, es werde wohl auf 70 bis 75 Millionen Tonnen zugehen. Damit sanken die russischen Ernteschätzungen binnen einer Woche um zehn Millionen Tonnen.
 
Mit 70 Millionen Tonnen (Mio. t) könnte Russland knapp den offiziell mit 72 Mio. t bezifferten Eigenbedarf decken. Dennoch bekräftigte ebenfalls am Donnerstag Medwedews stellvertretender Ministerpräsident Arkady Dvorkovich die Zahlen seines Chefs und das nunmehr von zuletzt 16 Mio. t auf zehn bis zwölf Millionen Tonnen reduzierte Exportpotenzial. Auf Aussagen zu möglichen Exporteinschränkungen oder gar ein Dementi ließ er sich aber nicht mehr ein.
 
Agritel-Analyst: Die spielen Katz und Maus
 
Reuters zitiert den französischen Agritel-Analysten Pierre-Antoine Allard, der sagt: "Die spielen etwas Katz und Maus mit dem Markt. Wir schätzen diese offiziellen Zahlen nicht als sehr glaubwürdig ein." Obwohl sich in Russland wegen des jüngsten WTO-Beitritts, der den Handlungsspielraum Moskaus für Markteingriffe drastisch einschränkt, seit 2010 viel geändert hat, traut man den Beteuerungen am Markt nicht. Das stete Zurückrudern der Regierungsvertreter nähre, so ein von Reuters befragter europäischer Getreidehändler, den Verdacht, "alles ist möglich und sicher ist aber nur, ihre Besorgnis gilt, den eigenen Binnenmarkt zu schützen". Und weiter: "Sie sind gewohnt, zu tun, was immer ihnen passt."
 
Russische Regierung: regional beschränkte Getreideintervention möglich
 
Weiters soll es in Russland heuer zwar wiederum keine flächendeckenden Interventionskäufe von Getreide geben, allerdings sei das Landwirtschaftsministerium in bestimmten Regionen zu Markteingriffen bereit, erklärte Ressortchef Nikolai Fjodorow am vergangenen Freitag. Zuvor wurden Fjodorow und der für die Agrarwirtschaft zuständige Vizepremier Dvorkovich von Ministerpräsident Medwedew mit der Abschätzung der Notwendigkeit von Interventionen am Markt beauftragt, aber auch mit der Erarbeitung entsprechender Hilfsmaßnahmen für die Landwirtschaftsbetriebe, die in dieser Saison von Trockenheit und extrem hohen Temperaturen betroffen sind.

Ukraine: Getreideexporte werden (vorerst) nicht beschränkt

© agrar-press

Unterschiedliche Aussagen zur voraussichtlichen Erntemenge hört man auch aus der Ukraine. Auch darüber, welchen Platz das Land als Gerstenexporteur einnimmt, gibt es Unstimmigkeiten.


Das ukrainische Landwirtschaftsministerium sehe im Moment keine Gründe für eine Beschränkung der Getreideexporte, sagte Ressortchef Nikolai Prisjashnjuk nach Berichten des ukrainisch-russischen Informationsdienst APK-Inform.
 
Prisjashnjuk wies dabei am Dienstag auf die unveränderte offizielle Ernteprognose 2012 hin, wonach mindestens 45 Mio. t (2011: 56,7 Mio. t) Getreide eingebracht werden sollten, aber auch auf gut elf Millionen Tonnen Anfangsbestände zu Beginn des Wirtschaftsjahres 2012/13. Daraus sollen 20 bis 21 Mio. t exportierbar sein.
Für Verwirrung aus der Ukraine sorgte dann am Donnerstag Premierminister Mykola Azarov, den Interfax mit der Aussage zitierte, der Ukraine stünden 2012/13 Getreideverluste von acht Millionen Tonnen ins Haus. Azazrov präzisierte dabei aber nicht die Ausgangsbasis dieser Prognose, die nicht mit den Zahlen des Agrarressorts übereinstimmt.
 
In einer wohl als Werbeaussage an potenzielle Investoren in den ukrainischen Agrarsektor gedachten Presseaussendung kündigte Azarov diese Woche noch vollmundig an, die Ukraine ziele darauf ab, ihre landwirtschaftliche Produktion zu verdoppeln. Es seit geplant, die Getreideproduktion auf 80 bis 100 Mio. t pro Jahr zu erhöhen, ein großer Teil der Realisierung sei jedoch von Investitionen abhängig.
 
China gewährt Ukraine Milliarden-Kredit
 
Bemerkenswerterweise habe die Volksrepublik China der Ukraine im Juli 2012 einen Kredit in Höhe von drei Milliarden US-Dollar (2,43 Milliarden Euro) für mehrere Projekte im landwirtschaftlichen Bereich zur Verfügung gestellt. Die Vereinbarungen umfassten den Einkauf von chinesischen Pflanzenschutzmitteln, Samen und Geräten durch die Ukraine, Bodenbewirtschaftung, den Bau einer Fabrik für die Verarbeitung von organischem Dünger und die Produktion von Pflanzenschutzmitteln sowie den Verkauf von Getreide an China. Der Kredit läuft 15 Jahre mit einem jährlichen Zinssatz von sechs Prozent.
 
Azarov: Ukraine Gerstenexporteur Nummer 1
 
Laut Azarov sei die Ukraine 2011 zu einem der drei weltweit erfolgreichsten Getreideexporteure aufgestiegen. Ein Jahr zuvor - 2010 - habe die Ukraine hinter den USA, der EU und Kanada noch den vierten Platz belegt. Die Ukraine sei momentan auf Platz 1 der weltweit größten Gerstenexporteure und der drittgrößte Maislieferant der Welt hinter den USA und Argentinien. Sie habe dabei Brasilien überholt.
 
Handelshaus Toepfer International: Ukraine Gerstenexporteur Nummer 3
 
Der jüngste Marktbericht des deutschen Handelshauses Toepfer International sieht aber die Ukraine nach den massiven Auswinterungsschäden und der heurigen Dürre im laufenden Wirtschaftsjahr im Gerstenexport gleichauf mit Russland bei einer Menge von jeweils zwei Millionen Tonnen wieder auf den 3. Platz zurückfallen (1. Platz Australien mit 4,1 Mio. t, 2. Platz EU mit 2,4 Mio. t). Dies zeigt wie stark die natürlichen Ertragsschwankungspotenziale in der Schwarzmeerregion aufgrund des extrem kontinentalen Klimas (strenge Winter, heiße und trockene Sommer) sind.
 
Zu Gast bei der Rapsernte in Brandenburg (27. Juli)
 

Südosteuropa: Wetterunbilden verringern Ernte

An der Matif verlor beim Weizen 3,75 Euro auf 187,50 Euro je Tonne. © hapo/landpixel

Hitze und Trockenheit treffen auch den Südosten Europas. Serbien fürchtet eine Halbierung der Erntemenge im Vergleich zu 2011, Rumänien leidet unter HItze und Trockenheit.


Österreichische Diplomaten berichten, in Rumänien werde heuer gemäß Mitteilung des Landwirtschaftsministeriums mit 4,7 Millionen Tonnen um etwa eine Million Tonnen weniger Weizen eingebracht als 2011. Grund dafür ist die extreme Hitze begleitet von einer langanhaltenden Trockenheit. Der durchschnittliche Hektarertrag liege heuer bei nur 2,6 Tonnen gegenüber fast 3,5 Tonnen im Vorjahr. Wegen Hitze und Trockenheit befürchtet man auch große Ernteverluste bei Mais und Sonnenblumen.
 
Mittlerweile soll auch die Donauschifffahrt durch Niederwasser behindert sein. Serbien äußerte schon vor einiger Zeit die Befürchtung, dass die Wetterunbilden die Ernte des Landes gegenüber 2011 halbieren würden. (pd/aiz)
Hofreport: Die Mähdrescher rollen auf dem Betrieb Zirngibl (31. Juli)
 

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