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Wirtschaft

Versorgungslücke am Getreidemarkt

Norbert Lehmann, agrarmanager
am
18.10.2012

Bonn - Der europäische Getreidemarkt ist nur knapp versorgt. Der Agrarhandel warnt gar vor einem Engpass. Ein deutlicher Preisrückgang ist daher vorerst nicht zu erwarten.

Den Getreide- und Futtermühlen könnte im Frühjahr der Rohstoff ausgehen. Wie der Vorsitzende des Getreideausschusses im Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft (BVA), Konrad Weiterer, gestern vor Journalisten in Bonn erläuterte, haben die Landwirte einen sehr großen Teil der Weizenernte 2012 bereits verkauft.
 
 
 
 
 
 
In Norddeutschland sind es rund 70 Prozent (%) der Erzeugung. Unverkaufte Ware ist auf den Höfen nur begrenzt vorhanden. Die Mühlen haben ihren Bedarf meist aber nur bis Ende Dezember gedeckt. Zugleich läuft der EU-Getreideexport schneller als üblich. Und die schlechte Weizenernte in Großbritannien verursacht zusätzlichen Bedarf.
"Es könnte knapp werden bis zur nächsten Ernte", sagte Weiterer. Er geht davon aus, dass die Endbestände an Weizen in der EU von den bereits niedrigen 12,6 Millionen Tonnen (Mio. t) am 30. Juni 2012 erneut deutlich sinken bis unter 8 Mio. t zum Ende des laufenden Wirtschaftsjahres.

Preishoch wurde mitgenommen

Weiterer prognostizierte eine Seitwärtsbewegung der Getreidepreise auf dem gegenwärtig hohen Niveau. Die Schwelle von 300 Euro/t Weizen wird nach Einschätzung von BVA-Vizepräsident Dr. Horst Bremer aber nicht erreicht. Diese immer wieder verbreitete Zahl schade einer kontinuierlichen Marktbeschickung, beklagte Bremer. Laut Weiterer haben die Landwirte vom Preisanstieg in und nach der Ernte 2012 voll profitiert, weil sie nur in verhältnismäßig geringem Umfang Vorkontrakte zu niedrigeren Notierungen abgeschlossen hatten.

Hohe Kontraktbereitschaft

Norbert Lehmann, Redaktion agrarmanager
Aktuell ist die Situation eine andere: die Bereitschaft der Erzeuger ist groß, Teile der nächsten Ernte zu Erlösen von 200 bis 210 Euro/t Weizen zur Lieferung zwischen September und Dezember 2013 vorab zu vermarkten. Der Handel spricht von 20 % der erwarteten Weizen- und sogar 50 % der voraussichtlichen Rapsernte 2013, die bereits kontrahiert sind. In den östlichen Bundesländern liegen die Anteile noch höher. Weiterer riet den Erzeugern, nur so viel Ware vertraglich zu binden, wie sie auch sicher liefern können. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sollte höchstens die Hälfte der zu erwartenden Ernte verkauft werden.

Blick nach Südamerika

Die weitere Preisentwicklung an den Agrarmärkten wird nach Einschätzung des Agrarhandels stark von der bevorstehenden Sojaernte in Südamerika abhängen. Ein Signal zur Entlastung könnte auch von einem möglichen Beschluss der US-Regierung ausgehen, die Beimischungspflicht für Bioethanol teilweise auf das kommende Jahr zu verschieben. Außerdem macht sich der Abbau der Viehbestände in den USA bemerkbar. Andererseits ist das Exportpotenzial der Schwarzmeer-Staaten in dieser Saison begrenzt.

Rapsanbau ausgedehnt

Zur Ernte 2013 haben die deutschen Landwirte den Anbau von Winterweizen leicht ausgedehnt. Bei Winterraps beträgt das Plus sogar elf bis 15 %, während Wintergerste stagniert bis leicht zurückgeht. Die Nachfrage nach Z-Saatgut ist regional sehr verschieden. Sie schwankt zwischen deutlich höher als im Vorjahr bis spürbar geringer, vor allem im Norden.
 
Von den großen Auswinterungsschäden des vergangenen Winters ließen sich die Landwirte in der Sortenwahl kaum beeindrucken. Außer der Winterhärte zählen für die Erzeuger zahlreiche andere agronomische Merkmale. Die Verfügbarkeit des Z-Saatguts war nach Darstellung des Handels ausreichend.

Düngerkauf nicht aufschieben

Am Düngermarkt spürt der Handel nach wie vor nur eine zurückhaltende Nachfrage der Erzeuger. Bremer forderte die Landwirte auf, den Kauf nicht auf die lange Bank zu schieben. Stickstoffdünger werde bis zur Anwendung nicht billiger, sondern eher um bis zu fünf Prozent teurer.
 
Bezogen auf die Getreide- und Ölsaatenpreise sei Mineraldünger zurzeit sogar ausgesprochen preisgünstig. Daher gehe von der Marktlage ein eindeutiges Kaufsignal aus, so Bremer. Er empfahl, den Düngerbedarf entsprechend der Preisentwicklung in Teilmengen abzusichern. Im Wirtschaftsjahr 2011/12 sank der Absatz von Stickstoffdünger nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um sieben Prozent, von Phosphatdünger um 13 % und von Kalidünger um zehn Prozent.
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