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Kommentar

Verstörendes Zukunftsbild des Bundesumweltministeriums

Frauen in der Landwirtschaft
am Freitag, 26.06.2020 - 12:51 (2 Kommentare)

Das Bundesumweltministerium hat seine Zukunftsvisionen für das Jahr 2050 vorgestellt. "Wir schafft Zukunft" heißt das Projekt. Betrachtet man den Bereich Landwirtschaft genauer, meint man allerdings, das BMU habe sich mit dem Jahrhundert vertan. Ein Kommentar.

Zukunftsvisionen sind knifflig. Fast jeder wüsste gern die Lottozahlen vom nächsten Samstag, wie das Wetter im kommenden Frühjahr wird oder ob wir im Juni 2021 noch mit Masken einkaufen gehen. Kein Wunder also, dass die Voraussagebranche boomt – die seriöse Forschung ebenso wie die der Kartenleger und Glaskugelleser.

Ob man als Landwirt allerdings gut beraten ist, sich die Welt in 30 Jahren vom Bundesumweltministerium (BMU) vorhersagen zu lassen, wage ich zu bezweifeln.

Das Bundesumweltministerium träumt von 2050

Gerade eben hat das BMU sein neues Medienprojekt "Wir schafft Wunder" (ja, das heißt wirklich so) vorgestellt. In einer Podcast-Reihe diskutiert Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) mit Gesprächspartnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft über die zukünftige Lebensqualität in Stadt und Land, über zukunftsfeste Arbeitsplätze und nicht zuletzt über moderne Technologien und Infrastrukturen, heißt es auf der Internetseite des Ministeriums.

Begleitet wird die Podcast-Reihe von einer Broschüre, die auf der BMU-Seite zum Download angeboten wird. Ein Teil davon befasst sich mit der Zukunft der Landwirtschaft. Das Bild der Nahrungsgüterproduktion im Jahr 2050, das das Ministerium da malt, hat erwartungsgemäß mit modernen Technologien und wissenschaftlichem Fortschritt wenig zu tun.

Frauen an die Heugabel!

Frauenbild des BMU

Hier ein kleiner Auszug, wie sich das BMU unsere Landwirtschaft in 30 Jahren vorstellt: Das Ziel von 20 Prozent Ökolandbau ist "längst überschritten". Im Ackerbau geht "Anpassungsfähigkeit vor Ertrag", gewährleistet wird das durch alte Sorten, Mischkulturen und Fruchtfolgen. Die Tierbestände wurden soweit verringert, dass sich im Ökobereich die Düngung mit "lange gereiften, rein pflanzlichen Komposten" durchgesetzt hat. Und schwere Technik wird immer mehr durch kleine Maschinen ersetzt. 

Wer sich jetzt unter all dem wenig vorstellen kann, für den hat das BMU die Broschüre bebildert (siehe Foto). Ein Muskelmann bedient einen vorsintflutlichen Trecker ohne Kabine. Und sein Weibchen stapelt mit der Gabel beschwingt und barfuß im knöchellangen Kleid Heu auf eine Hocke.

Svenja Schulze, ist das Ihr Bild von Bauern und vor allem von Bäuerinnen der Zukunft? Ernsthaft?

Verstörende völkische Optik

Im Netz gab es haufenweise Häme zum besagten Bildchen. Vor allem, weil das Ministerium im Text der Broschüre auch von "digitalen Innovationen", "Daten-Clouds" und "hochauflösenden Satellitenbildern" schwafelt, dem Traktor aber nichts außer einem Lenkrad gönnt. So wenig kann man doch gar nicht von der Materie verstehen.

Die Illustration sorgte aber auch für unangenehme Fragen – wegen ihrer verstörenden Optik. So mancher fühlte sich an propagandistische Erntefilme aus der NS-Zeit oder die Bildsprache völkischer Bauernverbünde erinnert.

Besonders verärgert reagierten allerdings die Landwirtinnen. Ein derart klischeebehaftetes, rückwärtsgewandtes Rollenbild ist nicht einfach mit einem ahnungslosen Grafiker zu entschuldigen. Wer gibt im Hause Svenja Schulze eigentlich solche Materialien frei?

"Wir schafft Mangel"

So mancher Twitter-User war erleichtert, dass er in 30 Jahren nicht mehr arbeiten muss, sollten sich die BMU-Träume erfüllen. Denn immerhin schraubt das Umweltministerium – unterstützt von diversen NGOs und zahlreichen Medien – ziemlich zielstrebig an der Umsetzung.

Ich selber bin dann über 80 und hoffentlich auch längst in Rente. Sicher bin ich mir da aber nicht. Die Kosten einer solchen "Wir schafft Wunder"-Produktion und vor allem ihr Arbeitskräftebedarf könnte uns alle zurück auf die Felder treiben. Und ich dürfte als Frau wohl nicht mal altersgerecht Traktor fahren. Mein einziger Trost: Svenja Schulze käme auch nur als Heugabelschwingerin in Frage. Ohne Schuhe.

 

PS: Liebe Frau Schulze, so arbeiten Landwirtinnen heutzutage. Möchten Sie das ändern?

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