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Bekleidung

Von wegen Tradition: Wie Bauern ihre Tracht bekommen haben

Mann und Frau in Tracht laufen Hand in Hand
am Sonntag, 06.02.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Es gehört zu jedem Volksfest wie der Rausch und Sonnenschein: die Tracht. Doch Dirndl und Lederhosen sind alles andere als althergebrachte Bauernkleidung. Könige und Bürger haben sie sich einst ausgedacht: So zünftig muss man als Landwirt aussehen.

Wer auf dem Feld oder im Stall schaffen muss, hat immer schon einfache und dennoch anspruchsvolle Wünsche an seine Kleidung gehabt: Robust soll sie sein, bequem, leicht zu reinigen, nicht überteuert, im besten Fall gut gegen Regen und gegen Kälte. So ganz anders eben als das, was heute als Tracht zu sehen ist. Gerade der Mummenschanz, der weltweit als deutsche Traditionskleidung verhökert wird, ist eine neuere Erfindung. Und selbst was heute als authentische Tracht gilt, ist in der Regel nicht älter als 200 Jahre. Tracht ist eine Erfindung der Herrschenden, die das Bürgertum aufgegriffen hat und irgendwann bei den Bauern gelandet ist.

Teure Tierhaut für wenige

Kleidung hat immer schon eine politische Komponente gehabt und eine praktische. Kleidung muss den nackten Menschen schützen und im Alltag unterstützen. Wolle und Leinen waren Jahrhunderte die Materialien, die einen Großteil der Körperbedeckung ausgemacht haben. Klar, Leder kam auch zum Einsatz. Aber die Tierhaut war teuer und deswegen eher selten im bäuerlichen Kleiderschrank. Wer viel Geld hatte, versuchte das aber schon früher zu zeigen. Mit selteneren und damit teureren Stoffen wie Seide. Wer viel Geld hatte und vor allem Macht, gebot anderen Menschen, was sie gefälligst anzuziehen hatten und was nicht.

Es gab bestimmte Kleidung für Zünfte, für Stände, alle möglichen Arten von Uniformen. Aber der einfache Bauer hatte seine Arbeitskleidung und vielleicht noch was Besseres für die Kirche, die Hochzeit, das Begräbnis. Mode und Sperenzien haben ihn wahrscheinlich ebenso interessiert wie der Dreck unter seiner Fußsohle. Warum sollte er sich auch mit seiner Kleidung deutlich von der Nachbarregion abgrenzen? Was jenseits einer Tagesreise lag, war außerhalb des Alltags der meisten Menschen.

Französische Revolution und die Erfindung der Tracht

Doch dann kam die französische Revolution, die Armeen fegten durch Europa, zerstörten viel und schufen Neues. Zum Beispiel das Königreich Bayern, eine Belohnung für die treuen Verbündeten vom Alpenrand. Laptop und Lederhose waren zu dem Zeitpunkt quasi unbekannt. Aber schon damals entwickelte der ortsansässige Monarch eine Idee, seinem Kleinstaat eine Identität zu verpassen. Die Gelegenheit war günstig: Der König Ludwig I. feierte nämlich Hochzeit. Anlässlich dieses schönen Ereignisses veranstaltete er eine Party mit Pferderennen auf der heute nach der Braut benannten Theresienwiese. In Erinnerung an die Feier trifft sich heute noch Partyvolk auf dem Oktoberfest.

Jedenfalls ließ er Kinder aus verschiedenen Regionen des neuen Königreiches herbeischaffen und sie in unterschiedliche Kleidung stecken. Die sollte irgendwie traditionell und bodenständig wirken und die Menschen unter dem neuen Konstrukt Königreich Bayern zusammenschweißen. Und so schufen die königlichen Schneider etwas Schickes für die Buben und etwas für die Madeln. Ein bisschen bunt, ein bisschen vergleichbar, nett anzusehen - die Trachten waren in der Welt.

Tracht wurde unter Königen Kult

Zünftig, national, einfach. Damit schmückten sich fortan die Könige und die Speichellecker an ihren Höfen. Lederhosen wurden en vogue. Der bayerische König ward immer öfter in ihnen zu sehen, der Kaiser Österreichs genauso.

Mit der Zeit kam es in Mode, dass Städter zur Sommerfrische aufs Land fuhren. Als Zeichen ihrer Verbundenheit mit der hart arbeitenden Landbevölkerung verkleideten sie sich als Bauersfrau und Bauer. Oder zumindest so, wie sie dachten, dass sich Bauersfrau und Bauer bestimmt kleiden würden. Die Tracht erlebte einen regelrechten Boom. Ein Nebeneffekt war, dass mittlerweile auch Bauern anfingen das Zeug zu tragen.

Der Führer war ein Trachten-Fan

Dass die Nazis Fans der Tracht waren, ist nicht verwunderlich. So wie sie auch andere Traditionen oder vermeintliche Traditionen pervertiert haben, erging es auch der traditionellen Kleidung, die ja eigentlich gar nicht traditionell war: „Arisch“ sollte sie sein. Juden war es denn auch verboten, Tracht zu tragen, obwohl Hitler seine Lederbuxen selbst bei einem jüdischen Schneider machen ließ. Besonders hochwertige Trachten lieferten zum Beispiel die Brüder Moritz und Julius Wallach aus München. Aber sie waren Juden und ihr Betrieb wurde „arisiert“, vom Staat geklaut.

Die Nazis sahen das Thema Tracht als so wichtig an, es gab sogar eine „Mittelstelle der deutschen Tracht“. Unter Federführung von Gertrud Pesendorfer, der Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit, entstand der Prototyp des modernen Dirndls: Arme frei, Blick tief ins Dekolleté. Ziel war es, der weiblichen Tracht mehr Sexappeal zu verleihen.

Neuer Schwung für alte Tracht

Nach dem Ende des Tausendjährigen Reiches und einer kurzen Phase der Stagnation erfuhr die Tracht einen erneuten Aufschwung, als Kino und schließlich das Fernsehen mit alpenländischen Seichtsinn geflutet wurden. Zusammen mit den Bildern besoffener Horden auf der Wiesn festigte sich das Bild, dass alle Deutschen in Bauern-Outfits herumlaufen, jodeln und Sauerkraut aus Liter-Krügen naschen.

Übrigens hat auch ein anderer weltbekannter Kleidungsstil seine Wurzeln im 19. Jahrhundert. Der Kilt und die charakteristischen Karo-Muster wurden zu einer ähnlichen Zeit zum Zeichen einer schottischen Identität wie in Bayern. Heute ist der Schottenrock - ob mit oder ohne Schlüpfer - untrennbar mit Highlands und Whisky verbunden.

Aber letztendlich, auch wenn Tracht eben wenig mit Tradition zu tun hat – schick kann sie schon sein. Die irgendwie bodenständig angehauchte Palette an Dirndl, Hosen, Jankern und Hemden ist unübersehbar: Sie reicht von der Folklore der Trachtenvereine über sündhaft teure Designerware bis hin zum Supermarkt-Produkt. Und wenn man sich in seinen Kleidern wohlfühlt, dann ist das gut genug. Der eine eben in Tracht, der andere in Jogginghosen.

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