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Kommentar

Wölfin Gloria: Dutzende Schafsrisse sind "nicht verhaltensauffällig"?

Wolf mit Schafskadaver
am Freitag, 07.05.2021 - 14:05 (10 Kommentare)

Das Düsseldorfer Verwaltungsgericht hat den Abschuss der Wölfin GW954f untersagt. Obwohl das Tier nachweislich routiniert Schafe reißt, sei es nicht verhaltensauffällig. Deutlicher konnte die Klatsche gegen alle Weidetierhalter nicht ausfallen. Ein Kommentar.

Es ist wie ein Schlag ins Gesicht der Weidetierhaltung: Die Wölfin mit der Nummer GW954f, der Wolfsschützer medienwirksam den Namen „Gloria“ verpasst haben, darf nicht getötet werden. Das urteilte am 6. Mai 2021 das Düsseldorfer Verwaltungsgericht.

Der Richterspruch beantwortete die Klage eines Hünxer Schäfers, der bereits Dutzende Schafe an die betreffende Wölfin verloren hatte und einen Abschuss fordert.

Umweltbehörden sind begeistert

Während der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) mit Bestürzung und Unverständnis reagiert, freut sich das Umweltministerium Nordrhein-Westfalen in Person von Ministerin Ursula Heinen-Esser (CDU): „Wir begrüßen, dass das Gericht die Entscheidung der Naturschutzbehörde des Kreises Wesel und die zu Grunde liegenden fachlichen Erkenntnisse und Einschätzungen des LANUV bestätigt hat.“

Jetzt müssten allerdings weitere Schritte folgen, um Wolf und Weidetierhaltung nebeneinander existieren zu lassen: „Dort, wo die Zäunung bisher nicht ausgereicht hat, um die Herden zu schützen, sind weitere Alternativen wie der Einsatz von Nachtpferchen und Herdenschutzhunden zu prüfen", kommentiert Heinen-Esser.

Wer Dutzende Schafe reißt, ist noch lange nicht verhaltensauffällig

Die Schlussfolgerung aus diesen Aussagen ist einfach: Obwohl die Wölfin GW954f nachweislich für zahlreiche Nutztierrisse verantwortlich ist und in mindestens vier Fälle sogenannte „wolfssichere Zäune“ überwunden hat, steht ihr Schutz für das Umweltministerium weit über dem Schutz der Weidetiere und ihrer Halter.

Übergriffe auf Haus- und Nutztiere, so das Umweltministerium und das ihm unterstellte Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV), seien im Wesentlichen auf unzureichenden Herdenschutz zurückzuführen gewesen. Eine Verhaltensauffälligkeit habe das Gericht zu Recht nicht erkennen können.

Aha. Nur um das für kommende Prozesse schon mal abzufragen: Was wäre denn dann bitte verhaltensauffällig? Wenn die Wölfin zur Weide Teller, Besteck und ein Lätzchen mitbringt?

Eklatante Missachtung des Wertes der Weidetierhaltung

Eindeutiger als in diesem Urteil und den zugehörigen Kommentaren aus dem Heinen-Esserschen Umfeld kann die Missachtung der Weidetierhaltung im Land und die Kurzsichtigkeit einer für Umweltbelange zuständigen Behörde nicht ausfallen. Denn mit anderen Worten heißt das: Selbst ein Wolf, der sich darauf spezialisiert hat, seinen Tisch mit Schafen und Ziegen zu decken, ist für das nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerium völlig normal.

Das lässt tief blicken, wenn es ums künftige Zusammenleben zwischen Wolf und Mensch geht. Gegen den absoluten Schutz einer Beutegreiferart, die sich wie keine andere hierzulande vermehrt und ausbreitet und längst Besatzdichten wie in menschenleeren Tundraregionen entwickelt hat, darf offenbar kein Gegenargument gelten.

Eine Wölfin ist ein edles Naturgeschöpf und ein zerrissenes Schaf eben nur ein Schaf.

Artenvielfalt? Geschenkt!

Und auch das zeigen die Kommentare der kompromisslosen Wolfsschützer: Schuld am Dilemma zwischen Weidetier und Wolf ist stets der Landwirt, der seine Herden – aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit, wie immer wieder behauptet wird – nicht richtig schützt. Dass die von den Umweltbehörden und Wolfsschutzverbänden empfohlenen Schutzvorrichtungen immer öfter nicht ausreichen, wird ignoriert. Und Nachtpferche und Herdenschutzhunde sind nicht überall einsetzbar. Aber selbst wenn: Wieviel will unsere Gesellschaft noch zahlen für das exponentielle Populationswachstums einer Wildtierart, die längst den Status des Bedrohtseins hinter sich gelassen hat?

Stattdessen opfern wir einen der wichtigsten Zweige der Landwirtschaft: die Weidetierhaltung, die mehr als jede andere Bewirtschaftungsform zum Erhalt der Artenvielfalt beiträgt und die durch nichts adäquat zu ersetzen ist. Aber damit haben die nordrhein-wetfälischen Umweltbehörden offenbar kein Problem.

Vielleicht sollten Schäfer anfangen, ihren Schafen heldenhafte Namen zu geben. Sowas „Freia“ oder „Jeanne d’Arc“. Oder einfach „Gloria“. Beim Wolf funktioniert das prima.

 

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