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Wolf und Weidetiere: Die Situation in Niedersachsen bleibt angespannt

Wolf und Schaf
am Mittwoch, 14.04.2021 - 16:00 (1 Kommentar)

In keinem Bundesland ist der Ton zwischen Wolfsbefürwortern und -gegnern so angespannt wie in Niedersachsen. Woran liegt das? Ein Kommentar.

Der Wolf hat in der öffentlichen Aufmerksamkeit inzwischen einen ziemlich festen Platz. Kein Wunder: Die Wolfsbestände nehmen zu und mit ihnen die Konfrontationen – vor allem mit Weidetieren, zunehmend aber auch mit Menschen, von denen sich viele längst nicht mehr so sicher sind, dass der Graupelz uns gar nicht nah genug kommen kann.

Diskutiert wird der Wolf also mittlerweile fast überall, doch nirgends ist der Ton zwischen Wolfsbefürwortern und Wolfsgegnern so angespannt wie in Niedersachen. Landwirte, Wolfsschützer, Biologen und Politiker liefern sich Wortgefechte auf allen verfügbaren Plattformen.

Letzter Auswuchs auf der Liste der medienwirksamen Sprüche: Der ehemalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Bündnis 90/Grüne) erklärte, der Wolf sei "ein Bauernopfer". Er meinte das wörtlich.

Wolfsabschüsse in "Wild-West-Manier"?

Meyer bezog seine Aussage auf den Abschuss zweier junger Wölfinnen. Er spricht von "Welpen" und nimmt dabei die Assoziation, man habe tapsige Babywölfe getötet, bewusst in Kauf. Die Jungtiere waren allerdings knapp ein Jahr alt und ausgewachsen. Sie wurden im Rahmen der Abschussgenehmigung für den Problemrüden "GW717m" fälschlicherweise geschossen. Dieser Irrtum ist tatsächlich unerfreulich – schon deshalb, weil der eigentliche Problemverursacher noch immer unterwegs ist.

Meyer holte allerdings zum großen Schlag aus. Die Jäger handelten nach Wild-West-Manier und seien ganz offenbar nicht in der Lage, die Tiere nach Alter und Geschlecht zu unterscheiden. Umweltminister Olaf Lies (SPD) müsse schleunigst reagieren, um den unbedingten Schutz des Wolfs zu gewährleisten.

NGOs prangern fehlende Transparenz an

Auch der niedersächsische Naturschutzbund (Nabu)-Chef Holger Buschmann spricht von "Wildem Westen", in dem man "nach Gutdünken" solange Wölfe abknalle, bis das richtige Tier dabei sei. Die Landesregierung müsse endlich gezwungen werden, ihre "geheimen Abschusslisten" vorzulegen.

Diese konspirativen Listen prangert auch die deutsche Abteilung des Worldwide Fund for Nature (WWF) an und titelt auf ihrer Website: "Niedersachsens geheime Wolfshatz". Die Umweltorganisation erwägt nach eigenen Aussagen eine Klage gegen das Land, um mehr Transparenz einzufordern.

Problemwolf mit Rudelunterstützung

Also alles nur Blutgier und Rachelust von Jägerschaft und Landwirten? Olaf Lies sieht das anders. Dass die Ausnahmegenehmigungen für Abschüsse von Problemwölfen nicht offengelegt werden, geschehe zum Schutz der jeweiligen Jäger, argumentiert der niedersächsische Umweltminister. Verständlich: Immerhin stehen Jäger schon im Fokus von Tierrechtlern, wenn sie Wildschweine schießen.

Und auch den Tod der beiden jungen Fähen ordnet Lies anders ein. Das sogenannte "Herzlaker Rudel" habe in den vergangenen Jahren rund 500 Schafe gerissen. Auch von hohen Schutzzäunen und Herdenschutzhunden hatten sich die Beutegreifer in mehreren Fällen nicht abhalten lassen. Zwar seien die Risse überwiegend einem männlichen Rudelmitglied zugeordnet worden, doch eine genaue Identifizierung sei im Gelände schwer möglich. Daher sei auch die Tötung anderer Rudelmitglieder im engen räumlichen und zeitlichen Zusammenhang zu den Rissen durch das Bundesnaturschutzgesetz gedeckt.

Jedes Jahr 60 Prozent mehr Wolfsrudel in Niedersachsen

Analysiert man die Lage in Niedersachsen mal genauer, ahnt man, wo das wirkliche Problem liegt. Im vergangenen Erfassungsjahr registrierte die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) allein für Niedersachsen 36 Wolfsterritorien mit 23 Rudeln und 13 Paaren.

Setzt man ein Rudel, das in der Regel aus einem adulten Elternpaar und den Nachkommen des vorletzten und des letzten Wurfs besteht, mit durchschnittlich sieben Tieren an, kommt man für das Jahr 2020 auf ungefähr 190 Wölfe verschiedenen Alters. Der Nabu geht sogar noch höher in seiner Schätzung und rechnet für ein Rudel acht bis zehn Tiere, wodurch sich rund 250 Wölfe ergäben.

Und der Bestand steigt weiter. Für den Erfassungszeitraum 2020/2021 zählt das Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft inzwischen bereits 35 Rudel. Dieses massive Wachstum bestätigt auch das dem Landesumweltministerium unterstellte Wolfsbüro. In den vergangenen Jahren habe es in Niedersachsen einen jährlichen Zuwachs an Wolfsrudeln von durchschnittlich 60 Prozent gegeben, erklärte Wolfsbüro-Leiter Stefan Nilles kürzlich bei einer Podiumsdiskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung. Zum Vergleich: Deutschlandweit beträgt die Zuwachsrate gut 30 Prozent. Und auch das ist schon viel.

Niedersachsen mit gleicher Wolfsdichte wie Alaska

Mit seiner jetzigen Wolfspopulation von (niedrig geschätzt) 250 Tieren kann Niedersachsen auf eine stolze Bestandsdichte verweisen. Etwa 0,005 Wölfe kommen hier auf den Quadratkilometer. Das klingt nicht nach sehr viel, aber vergleicht man zum Beispiel mit Alaska – einer typischen Wolfsregion also – stellt man erstaunt fest, dass die Wolfsdichte dort allerhöchstens den gleichen Wert wie Niedersachsen aufweist – vorausgesetzt, man rechnet mit der geschätzten Obergrenze der dortigen Wolfspopulation von bis zu 10.000 Individuen.

Mit anderen Worten: Auf die Flächeneinheit bezogen gibt es in Niedersachsen schon heute mindestens genauso viele Wölfe wie in Alaska. Mit dem Unterschied, dass in Alaska auf einen Quadratkilometer 0,4 Einwohner kommen. In Niedersachsen sind es 168. Und statt ausgedehnter Tundrawälder kann Niedersachsen auf 19 Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern verweisen. In Alaska gibt es davon mit Anchorage genau eine.

Von der vom Aussterben bedrohten Tierart Wolf kann in unseren Breiten wohl längst keine Rede mehr sein. 

Immer mehr Wolfssichtungen in Städten und Dörfern

Dass diese Entwicklung zunehmend Probleme macht, zeigen nicht nur die steil ansteigenden Zahlen von getöteten oder aufgrund schwerster Verletzungen eingeschläferten Nutztiere (im Monitoringjahr 2019/2020 waren das in Niedersachsen über 1.000, im Jahr zuvor lag die Anzahl noch noch 420).

Gerade jetzt im Frühjahr, wenn sich die Jungwölfe des vorvorigen Jahres auf die Suche nach eigenen Territorien machen, kommen sie immer öfter auch in Kontakt mit dem Menschen. In den vergangenen Wochen gab es mindestens drei verbriefte Sichtungen von Wölfen in niedersächsischen Städten, am aufsehenerregendsten war eine Videoaufnahme eines Wolfs, der am helllichten Tag durch Lohne lief.

Gleichzeitig nehmen die Verkehrsunfälle mit Wölfen zu. Allein auf der A 7 rannten Ende März/Anfang April zwei Wölfe in Autos. Der Druck auf die Population hinterlässt Spuren. Und die fehlende Scheu der Wolfsgenerationen, für die der Mensch keinerlei Risiko mehr darstellt, tut ihr Übriges.

Bauern sind die Bauernopfer!

Bisher spüren die direkten Auswirkungen dieser Entwicklung überwiegend die Weidetierhalter, die im Wettrüsten gegen einen höchst anpassungsfähigen Beutegreifer und Kulturfolger nicht mehr nachkommen. Diese Bauern sind die eigentlichen Bauernopfer der Wolfspolitik.

Doch in einem hat Christian Meyer recht: Wenn nicht bald ein Umdenken einsetzt und die Bestände – auch durch gezielte Abschüsse, vor allem aber durch eine wirksame Vergrämung – besser in Schach gehalten werden, hat das auch immer mehr negative Konsequenzen für den Wolf selbst. Schon jetzt sinkt die Akzeptanz in ländlichen Regionen mit hoher Wolfsdichte deutlich. Und wenn die Wolfspopulation weiter so wächst wie bisher, werden auch die Begegnungen in Dörfern und Städten weiter zunehmen. Im kommenden Jahr suchen allein in Niedersachsen rund 75 junge Wölfe (die für 2019/2020 erfassten Welpen) einen Platz außerhalb des Territoriums ihrer Rudel.

Ein Blick auf die Karte genügt, um vorherzusagen, dass es für sie immer weniger Raum in unbesiedelten Gegenden gibt. Ob es wirklich wünschenswert sein kann, dass wir irgendwann – ähnlich wie beim Wildschwein – in den Ortsrandgebieten mit permanenter Wolfspräsenz rechnen müssen, steht zu bezweifeln.

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