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Kommentar

Wolfsbegegnung: Lärm hält Wölfe offenbar längst nicht mehr in Schach

Wolf auf einer Wiese
am Montag, 19.04.2021 - 13:25 (3 Kommentare)

Wieder macht ein Video von einer Wolfsbegegnung in den sozialen Medien die Runde. Und hinterlässt die bange Frage, wie man ein solches Tier im Ernstfall vertreiben kann. Das von Wolfsexperten empfohlene Krachmachen hilft jedenfalls offenbar nicht.

Aufnahmen von Wolfsbegegnungen waren bis vor ein paar Jahren noch eine echte Seltenheit. Und sie waren meist etwas für Freunde der avantgardistischen Filmkunst – im Dunkeln aufgenommen, unscharf und verwackelt und mit einem Hauptdarsteller in weiter Ferne.

Diese Zeiten sind offenbar vorbei. Mittlerweile vergehen kaum mal ein paar Tage ohne ein neues Wolfsvideo. Und die meisten Filme zeigen Tagaufnahmen von Wölfen in wenigen Metern Entfernung. Sie sind die logische Folge einer rasant wachsenden Wolfspopulation, die sich vor dem Menschen kaum noch fürchtet.

Ein Jungwolf ohne jede Scheu

Der jüngste Videobeweis dafür, dass viele Wölfe jede Scheu gegenüber dem Menschen abgelegt haben, stammt aus der Nähe von Wietzendorf in Niedersachsen. Eine Spaziergängerin läuft mit ihrem Hund an einem Feldrand entlang, als sich ein Wolf nähert. Da der Beutegreifer keine Anstalten macht, einfach seines Weges zu ziehen, beginnt die Frau zu schreien. Der Hund fällt kurze Zeit später mit lautem Gebell ein. Doch die Reaktion des Wolfes ist nicht etwa die Flucht. Im Gegenteil: Er nähert sich der Fußgängerin immer wieder bis auf wenige Meter, scheint von der lauten Geräuschkulisse eher angelockt als vertrieben zu werden.

Gut zweieinhalb Minuten geht das in dem Video so. Die Frau wird panisch und wagt offenbar nicht, dem Wolf den Rücken zuzudrehen. Am Ende dreht der zwar ab, doch es bleibt die bange Frage: Wie, bitteschön, soll man sich denn nun gegen einen Wolf wehren? War nicht "laut schreien" bislang die offizielle Empfehlung aus Expertenkreisen? Der Wolf im Video schien davon nichts zu wissen. 

Der will doch nur spielen!

Viele haben den Film im Internet gesehen und kommentiert. So mancher findet die mangelnde Scheu des Wolfs bedenklich. Aber inzwischen finden sich auch zahlreiche Meinungsäußerungen, die das Fehlverhalten der Frau zuschieben. Sie habe durch ihr hysterisches Geschrei den Jungwolf doch erst aufmerksam gemacht. Der habe daraufhin verspielt-neugierig die Lage gecheckt.

"Ein normales Verhalten für einen juvenilen Wolf ohne Erfahrung, welcher vor einem Rückzug die Situation prüft. Aufkommende Aggression können wir nicht erkennen, eher ein typisches neugieriges, unsicheres, gar verspieltes Verhalten", schreibt der Administrator der Facebook-Gruppe "Wolfspolitik im Fokus". Oder anders ausgedrückt: Der will doch nur spielen ...

Und auf dem "Wolfskanal" auf youtube erfährt man, das Tier habe nur beschwichtigt. Man möge bitte ein bisschen "locker bleiben". Ist der Wolf also in Wahrheit total friedlich?

Zumindest eins davon stimmt: Der Wolf im Video zeigt keine Aggression. Aber auch keinerlei Distanz. Was also passiert in einem solchen Falle, wenn der Hund sich losreißt? Oder wenn statt des Hundes ein lärmendes Kind hinter dem Wolf herläuft und ihn in die Enge treibt? Eine schreiende Mutter wäre ganz offensichtlich keine Hilfe.

Wolf geschützt, Mensch egal?

Doch genau das – laut schreien oder anderweitig Lärm schlagen – empfehlen Wolfsschützer, um die Beutegreifer in die Flucht zu schlagen. Der Naturschutzbund Nabu erklärt in seinem Informationsblatt "Wölfe in Deutschland", man solle man sich "groß aufrichten", wenn man sich in Gegenwart eines Wolfs unwohl fühle. Das setzt schon mal voraus, dass man kein kleiner Mensch ist. Ein Kind zum Beispiel. "Lautes, energisches Rufen oder Klatschen kann den Wolf vertreiben", heißt es beim Nabu weiter.

Viel mehr ist zum Vergrämen der Tiere übrigens auch gar nicht erlaubt. Denn Schutz bedeutet auch Schutz vor Angst und Stress. Beim Wolf. Wie es den Menschen in Wolfsgebieten dabei geht, interessiert den Artenschutz nicht.

Schreien gegen Wölfe? Wir brauchen neue Strategien!

Letztlich beweist das Video eindrucksvoll, wovor Wolfsskeptiker schon lange warnen: Eine fehlende Bejagung und Vergrämung hat dem Kulturfolger Wolf längst jede Angst vorm Menschen genommen.

Welches andere Wildtier hierzulande verhält sich denn sonst so unbekümmert? Nur eins, das keinen Feind mehr kennt. Und das gelernt hat, dass menschliche Nähe vor allem eines bedeutet: Futter, das in "wolfsicheren" Koppeln nicht weglaufen kann und im Laufe der Domestikation verlernt hat, sich wirksam zu verteidigen.

Angesichts eines derart leckeren Buffets kann man schon mal ignorieren, wenn der Koch rumschreit und auf die Töpfe haut. Vor allem, wenn man weiß, dass er keinesfalls mit der Kelle und schon gar nicht mit dem Hackebeil werfen wird. Dieses Wissen haben wir einem der intelligentesten und anpassungsfähigsten Wildtiere durch unsere unbedingten Schutzmaßnahmen beigebracht.

Es wird Zeit, umzudenken. Das sprichwörtliche laute Singen im Wald hilft nicht mehr. Dafür haben wir selbst gesorgt. 

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