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Zeitumstellung: Kein Ende in Sicht

Uhrensammlung
am Samstag, 27.03.2021 - 06:05 (3 Kommentare)

Anfang 2019 schien es, als gehöre die Zeitumstellung der Vergangenheit an. Aber dieses Wochenende drehen wir wieder am Rad ... pardon ... am Zeiger. Das Ende vom Umstellen der Uhren ist noch nicht absehbar. Woran das liegt? An Europa. Und Deutschland. Und Corona. Ein Kommentar.

Erinnern Sie sich noch, wie wir vor zwei Jahren die Zeitumstellung abgeschafft haben? Ganz schnell und unbürokratisch ging das.

Bei einer EU-weiten Umfrage im Vorjahr hatten sich 84 Prozent der Teilnehmer für eine Abschaffung des Wechsels von Normal- auf Sommerzeit und wieder zurück ausgesprochen. Und der scheidende EU-Kommissar Jean-Claude Juncker erklärte, man werde diesem Wunsch umgehend nachkommen. Schon im Herbst 2019 sollte kein Zeiger mehr verdreht werden – vorausgesetzt, die EU-Mitglieder würden sich auf eine Festschreibung auf Sommerzeit einigen.

All die Kosten für Uhrumstellungen, Fahrplanwechsel und so weiter blieben uns fortan erspart. So schnell hatte die EU noch nie auf eine neue Idee reagiert. Haaach, war das nicht wunderbar?

Es war einmal ... beinahe

Keine Angst, Sie leiden nicht unter Gedächtnislücken. Was damals zu schön klang, um wahr zu sein – eine schnelle und unkomplizierte Entscheidung der EU – war genau das: zu schön, um wahr zu sein. Gut zwei Jahre später ist alles beim Alten. An diesem Wochenende werden die Uhren umgestellt.

Was wurde also aus der Idee, den ungeliebten Zeitenwechsel abzuschaffen? Immerhin sprechen doch wirklich viele Argumente dafür. Die Umstellung von öffentlichen Uhren und Fahrplänen im Nah- und Fernverkehr kostet zweimal jährlich Millionen. Dazu kommt die gesundheitliche Belastung von Mensch und (Haus-)Tier. Denn vielen macht der Wechsel tatsächlich zu schaffen.

Zeitumstellung: Mini-Jetlag kann müde und krank machen

Eine Studie des schwedischen Karolinska Institutes aus dem Jahr 2008 verzeichnete in den ersten sieben Tagen nach dem Wechsel von Sommer- auf Winterzeit und umgekehrt einen Anstieg der Herzinfarkte um fünf Prozent. Ursache könnte der Stress sein, den die biologische Uhr verursacht.

Viele Menschen leiden unter einer Art Mini-Jetlag, der vor allem zu Schlafstörungen führt. Und die daraus resultierende Müdigkeit hat offenbar weitere Folgen. Verkehrsunfälle nehmen zu.

Eine ebenfalls aus dem Jahr 2008 stammende australische Studie verzeichnete einen signifikanten Anstieg der Selbstmordrate nach der Zeitumstellung im Herbst. Und was die eine Stunde Veränderung zweimal jährlich für Milchviehbetriebe bedeutet, weiß jeder Landwirt.

Kaum Energieeinsparung durch die Sommerzeit

Zu all dem kommt, dass der versprochene wirtschaftliche Effekt durch die Tageslichtverschiebung verschwindend gering ist. Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) kam 2016 in einer umfassenden Untersuchung für Deutschland auf lediglich 0,21 Prozent Energieeinsparung.

Keiner scheint also die Zeitumstellung zu lieben oder zu brauchen. Trotzdem drehen wir weiter am Zeiger. Und ein Ende ist noch nicht wirklich abzusehen. Woran liegt das?

Deutsche Mehrheit gegen die Zeitumstellung

Um es kurz zu machen: Das Ganze ist nicht so einfach wie es zunächst schien. Da wäre erstmal die Sache mit der Mehrheit. Zwar haben sich tatsächlich 84 Prozent aller EU-Umfrageteilnehmer für die Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Doch 3,1 Mio. der insgesamt 4,6 Mio. Abstimmenden kamen aus Deutschland. Das war mehr als ein Drittel.

Sieht man mal von Frankreich (knapp 400.000 Stimmen), Österreich (knapp 260.000 Stimmen) und Polen (rund 130.000 Stimmen) ab, haben aus allen anderen EU-Staaten jeweils nur deutlich unter 100.000 Menschen teilgenommen. Und während hierzulande etwa 3,8 Prozent, in Österreich knapp 3 Prozent und in Luxemburg immerhin noch 1,8 Prozent der Bürger ihre Stimme abgaben, lag die Beteiligung an der Umfrage überall sonst unter einem Prozent, in vielen Ländern sogar unter einem Promille.

Ist das Problem überwertet?

Mit anderen Worten: Der dringende Wille zur Abschaffung der Zeitumstellung ist möglicherweise weit weniger ausgeprägt als angenommen. Zumal die Griechen, die Zyprioten und die Malteser nur jeweils etwa zur Hälfte kontra Sommer- und Winterzeit stimmten.

So richtig gegen das Zeitumstellungskonzept sind EU-weit wohl vor allem die Deutschen. Und ein gewisser Hang zur Problematisierung ist für uns – sagen wir – nicht ganz untypisch.

Jetzt sind die EU-Staaten am Zug

Trotzdem: Die Mehrheit der Europäer würde, fragte man sie direkt, wahrscheinlich auf den „Zeitenwechsel“ verzichten. Und entsprechend hat das Europaparlament auch gestimmt: 410 Abgeordnete votierten im März 2019 für die Abschaffung ab diesem Jahr, 192 dagegen, 51 enthielten sich der Stimme.

Doch jetzt müssen sich die einzelnen Staaten auf eine gemeinsame Linie einigen. Wer die EU kennt, ahnt, wie es dabei im Gebälk knirscht.

Vielleicht wäre alles einfacher gewesen, wenn man nicht auch noch zur Diskussion gestellt hätte, ob die jeweiligen Staaten gern zu ihrer alten „Normalzeit“ zurück oder bei der Sommerzeit bleiben möchten. Hier wird’s nämlich knifflig.

Dauerhaft Sommer- oder Winterzeit?

Die Deutschen sind sich ziemlich einig: Wir wollen Sommerzeit. Abends länger Tageslicht ist für die meisten dabei das Hauptargument. Auch die Franzosen und die Österreicher haben sich in landeseigenen Umfragen so entschieden.

Doch es gibt auch gegenteilige Meinungen bei unseren EU-Nachbarn. Vor allem die Südländer Griechenland, Zypern und Italien sind skeptisch. Länger hell als bei uns ist es dort ohnehin.

Und auch Schlafforscher warnen: Fehlt im Winter morgens die eine Stunde Tageslicht, agiert der Mensch außerhalb seiner Arbeitszeit fast nur noch unter Kunstlicht. Das kann gesundheitliche Folgen haben.

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln

Es droht also ein Flickenteppich, dank dem man vielleicht künftig bei der Überschreitung jeder innereuropäischen Grenze die Uhr mal vor und mal zurückstellen müsste. Das macht Fahrplangestaltungen und internationale Handelsbeziehungen auch nicht gerade einfacher.

Mehrere EU-Staaten – darunter nicht ganz überraschend Deutschland – fordern vor einer endgültigen Entscheidung eine gründliche Folgenabschätzung seitens der EU.

Der Antrag schlummert noch irgendwo in den Schubladen der Entscheidungsträger. Und angesichts der Corona-Pandemie ist das auch irgendwie verständlich – wir haben im Moment wirklich drängendere Probleme.

Zeitumstellung: noch kein Ende absehbar

Gewöhnen wir uns also an den Gedanken, dass die Zeitumstellung am Sonntagmorgen nicht unsere letzte sein wird. Und nur zur Sicherheit: Im Frühjahr stellen die Biergartenbetreiber die Stühle vors Haus. Also zumindest, wenn nicht gerade Lockdown herrscht. Die Uhr wird also um eine Stunde vor gestellt. Im Herbst wandern die Sitzgelegenheiten zurück und die Uhr folgt diesem Trend.

Ist wohl noch zu früh, diese Eselsbrücke zu den Akten zu legen …

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