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Kommentar

Zorn über ein umstrittenes Kinderbuch

Lesende Kinder
am Donnerstag, 21.11.2019 - 05:00 (2 Kommentare)

Der Klett Kinderbuchverlag hat ein umstrittenes Kinderbuch zum Thema Essen und Nutztierhaltung herausgebracht. Die Wut vieler Landwirte ist groß. In den sozialen Medien brodelt es. Wie geht man mit solchen verzerrten Darstellungen am besten um? Ein Kommentar.

Ein Kinderbuch erregt aktuell die Gemüter in den sozialen Medien. Der Klett Kinderbuchverlag Leipzig hat unter dem Titel "Alles lecker!" ein Buch über Essen, seine Herkunft, seine Zubereitung und seine Wirkung verlegt. Das geschah schon vor einigen Jahren und bislang ist das Büchlein nicht weiter aufgefallen. Dass darin berichtet wird, wie schlecht konventionelle Tierhalter ihr Vieh behandeln und dass Biobauern viel mehr Rücksicht auf die Tiere nehmen, blieb unter dem Radar ... bis eine Landwirtin auf der Suche nach Lesestoff für ihren Sohn darüber stolperte und ihre Verärgerung auf Facebook kundtat.

Verlag klagt über Wutreaktionen

Der Kinderbuchverlag beschwerte sich kurz darauf bitter über den Shitstorm. Man habe die Verlegerin telefonisch beschimpft und bedroht. Die Facebookseite und der Anrufbeantworter quöllen über von wütenden Landwirtekommentaren, heißt es. Und auf Amazon ist die Kommentarfunktion für das Buch mittlerweile gesperrt: zu viele Negativkommentare von Nichtkäufern.

Die Klage des Verlags über die schlechte Kritik rief ihrerseits einen Sturm der Unterstützung und Begeisterung aus nichtlandwirtschaftlichen Kreisen hervor. Endlich habe jemand den Mut, die Missstände anzusprechen. Gerade Kindern müsse man zeigen, was für ein Verbrechen die Massentierhaltung sei. Die Diskussionen sind komplett aus dem Ruder gelaufen.

Autorin mit "Mission"

Dabei möchte ich eins klarstellen: Das Buch ist meines Erachtens tatsächlich eine kindgerechte Aufarbeitung zum Thema Essen. Nur bei der Nutztierhaltung hatte die Autorin offenbar eine Mission – und wenig Ahnung. Schlachtkälber würden aus Kostengründen zu Hauf von Dänemark nach Deutschland und Italien gekarrt. Nur in der Bioerzeugung hätten die Tiere gesundes Futter, Licht und Luft. Die „Massentierhaltung“ – also offenbar alles außer bio – verfüttere „Wachstumsmittel“ und verweigere den Tieren Tageslicht.

Diese Behauptungen ließen sich einfach widerlegen – wenn denn jemand zuhören würde. Unter den Fans des Büchleins scheint es kaum Interesse an einer Diskussion zu geben. Der Klett-Verlag dagegen erklärte, die Buchinhalte in der nächsten Ausgabe eventuell überarbeiten zu wollen. Es lohnt sich also, dranzubleiben.

Keine Gräben schaufeln

Bedenklich fände ich allerdings, wenn die beschriebene telefonische Bedrohung der Verlegerin den Tatsachen entspräche. Solche Übergriffe bewirken bestenfalls, dass Schützengräben tiefergelegt werden, wo Friedensgespräche dringend notwendig wären.

Lutz Staacke, der Social Media-Chef des dlv Deutscher Landwirtschaftsverlag kommentiert die Facebook-Diskussion: „Auch wenn die Kritik berechtigt ist, sollten Landwirte hier sachlich diskutieren. Dass das nicht immer einfach ist, ist klar. Doch der Klett-Verlag hat so die Chance, sich als Opfer zu inszenieren.“

Auf Korrekturen drängen

Generell stellt sich die Frage, wie man mit solchen Aufregern richtig umgeht. Dass Landwirte gesellschaftliche Ausgrenzung nicht mehr schweigend hinnehmen, zeigen grüne Kreuze auf Wiesen und Feldern und Traktorkolonnen in deutschen Großstädten. Trotzdem ist jeder Schritt, ins Gespräch zu kommen, mühsam. Vor allem in den Sozialen Medien, wo sich jeder hinter seiner Tastatur verstecken kann, fällt gemäßigter Austausch schwer. Und nicht nur Landwirte reagieren natürlich besonders empfindlich, wenn es um ihre Kinder geht.

Dennoch: Die heiße Diskussion hat dem Klett Kinderbuchverlag vor allem Zustimmung aus der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung und einen Ansturm auf sein Buch beschert. Und letzteres kann keinesfalls im Sinne der diskreditierten Landwirte sein. Stattdessen wäre es wichtig, auf sachliche Korrekturen zu drängen. Und zumindest ansatzweise hat der Leipziger Verlag ja die Bereitschaft dazu erkennen lassen.

Nachtrag: Ursprünglich war in diesem Beitrag vom Ernst Klett Verlag die Rede. Tatsächlich wurde das Buch "Alles lecker!" aber vom Klett Kinderbuchverlag herausgebracht. Die beiden Verlage haben wirtschaftlich nichts miteinander zu tun. Wir bitten, den Irrtum zu entschuldigen.

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