Login
Dorf und Familie

Zwei deutsche Junglandwirte in der Ukraine

Rouven Zietz, joule
am
07.06.2012

Die deutsche Nationalmannschaft wird ihre Gruppenspiele in der Ukraine bestreiten. Zwei deutsche Junglandwirte, die seit Jahren in dem Land arbeiten, freuen sich auf die Partien.

Tim Nandelstädt und Torben Reelfs kommen aus Deutschland. Der eine aus Herten, der andere aus Norden in Ostfriesland. Seit fast vier Jahren bauen sie in der Ukraine Kartoffeln, Roggen, Weizen, Buchweizen und Soja an. Sie haben keine ukrainischen Vorfahren – zumindest wissen sie nichts davon. Sie sind auch keine millionenschweren Investoren, die in einem fremden Land auf lukrative Gewinnmargen hoffen. Die beiden Freunde und Geschäftspartner wollten einfach ihren Traum vom eigenen Hof realisieren. Deshalb sind sie vor drei Jahren in die Ukraine ausgewandert.
 
"Es gibt noch keine festen Strukturen hier. Das ist der Reiz an der Ukraine. Wir haben hier die Möglichkeit unsere Visionen zu realisieren. Zwar braucht man im Alltag eine dicke Haut, weil hier selten etwas nach Plan funktioniert, aber die Herausforderung haben wir angenommen", sagt Tim Nandelstädt. Sein Geschäftspartner sieht das ähnlich. "Mir war immer klar, falls ich in der praktischen Landwirtschaft arbeiten sollte, möchte ich meinen eigenen Hof haben. In Deutschland ist es unmöglich mit vergleichsweise wenig Kapital einen eigenen Betrieb aufzubauen. In der Ukraine haben wir diese Möglichkeit."

Biokartoffeln für die EU

Für über 100.000 Euro haben die Junglandwirte in Deutschland Maschinen und Geräte eingekauft. © Rouven Zietz
Von ihren Familien haben sie vor drei Jahren Geld geliehen, um die Investitionen zu stemmen. Für über 100.000 Euro haben sie in Deutschland Maschinen und Geräte eingekauft. Darunter ein Mähdrescher, drei Traktoren, einen Gabelstapler, Sämaschine, Grubber, Pflug und noch einiges mehr. In den nächsten Jahren wollen die beiden ihren Betrieb komplett auf Bio umstellen und die EU mit Bioprodukten versorgen. Über 300 von insgesamt 850 Hektar sind bereits umgestellt. Rund 40 Kilometer südlich der größten Stadt in der Westukraine, Lemberg (Leviv), liegen die Felder der beiden Junglandwirte. Zur EU-Grenze nach Polen sind es 70 Kilometer. Die große Straße am Dorfrand führt direkt dort hin. Fährt man in die entgegengesetzte Richtung, landet man im 500 Kilometer entfernten Kiew. "Strategisch liegen wir genau richtig."

Freude auf DFB-Elf

Die Ukraine wird in das weißrussische Regierungsprogramm der Kreditverbilligung aufgenommen. © Rouven Zietz
Die deutsche Nationalmannschaft bestreitet zwei ihrer Gruppenspiele in Lemberg, was quasi vor der Haustüre liegt. "Das erste Spiel gegen Portugal wollen wir uns im Stadion anschauen. Die Karten haben wir uns schon gekauft." Auf die Stimmung in der Ukraine während der Europameisterschaft, trotz der schwierigen politischen Lage, freuen sich die beiden schon. "Es ist schon unglaublich, dass dieses arme Land, das bereits unser Zuhause geworden ist, nun bald für wenige Wochen im Licht der Öffentlichkeit stehen wird. Wir hoffen, dass das Sportliche dann im Vordergrund steht."
 
Mehr über das Leben von Tim Nandelstädt und Torben Reelfs in der Ukraine erfahren Sie hier in der Audioslideshow sowie den nachfolgenden Lebensläufen:

Lebenslauf Torben Reelfs

Junglandwirt Torben Reelfs auf seinem Betrieb in der Ukraine. © Rouven Zietz


Schon mit sieben Jahren wusste Torben Reelfs, aus Norden in Ostfriesland, dass er Landwirt werden möchte. Mit 17 Jahren begann er auf dem elterlichen Bio-Hof seiner damaligen Freundin sich intensiv mit Ackerbau auseinanderzusetzen. Später studierte er in Berlin an der TU Landwirtschaft und Entwicklungshilfe. Für seine Masterarbeit wurde 2007 mit dem Humboldt-Preis für die beste Abschlussarbeit ausgezeichnet. 2008 erhielt er auf den DLG-Feldtagen den 2. Platz für seine "praxisnahe Abschlussarbeit". Erstmalig konnte der heute 32-Jährige an der Kartoffel eine Resistenz gegen das Insektizid Phyrethrum nachweisen. Wie sein bester Freund Tim Nandelstädt bereiste er während des Studiums viele Länder und studierte ein Jahr auf Kuba. Nach dem Studium arbeitete er unter anderem für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Kongo.

Lebenslauf Tim Nandelstädt

Tim Nandlstädt aus Herten lebt jetzt in der Ukraine. © Rouven Zietz


Der 33-Jährige ist in Herten, im Ruhrgebiet, aufgewachsen. Nach dem Abitur und Zivildienst studierte er Landschaftsplanung an der TU Berlin. Zwischendurch unternahm er längere Fahrradreisen durch Neuseeland, Südostasien und Südamerika. Seinen Master in Umweltwissenschaften schloss er 2008 an der Universität Wagenlingen in den Niederlanden ab. Gemeinsam mit Torben Reelfs gründete er noch im selben Jahr die Firma Hof-am-Deich, sammelte erste Erfahrungen in der Landwirtschaft und baute in Ostfriesland auf 20 Hektar Kartoffeln an. Seit Anfang 2009 ist der ehemalige Weltenbummler in der Ukraine und leitet dort wieder gemeinsam mit seinem Freund Torben Reelfs die Firma biorena.

Ukraine – zweitgrößtes Land Europas



Die Ukraine liegt in Osteuropa und grenzt im Westen an Polen, Slowakei und Ungarn. Im Norden an Weißrussland und im Osten an Russland. In der Ukraine leben 45 Millionen Menschen. Das Land ist nach Russland flächenmäßig das zweitgrößte Land Europas. Noch zu Ostblockzeiten wurde die Ukraine als die Kornkammer der Sowjetunion bezeichnet. Das Land ist bekannt wegen seinen fruchtbaren Schwarz- und Lößböden vor allem in der Zentral- und Ostukraine. In der Westukraine, wo auch die beiden Deutschen ihre Äcker bestellen, sind hauptsächlich sandige Lehmböden zu finden. Das Land verfügt über eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 35 Millionen Hektar. Im Vergleich zu Deutschland entspricht das der doppelten Fläche. In der Ukraine herrscht ein kontinentales Klima: Warme Sommer mit wenig Regen und kalte Winter prägen hier die Landwirtschaft.
Auch interessant