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Artenvielfalt

Artenvielfalt fördern: Betreiber von Biogasanlagen gesucht

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Friederike Husmann
am
18.04.2018

Wildtiere finden in Kulturlandschaften kaum Schutz, Bienen wenig Nahrung. Die Landesjägerschaft will das ändern - mit Unterstützung von Biogasanlagenbetreibern.

Als stellvertretender Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen begleitet Landwirt Josef Schröer aktiv das auf drei Jahre angelegte „Monitoring zur Nährstofffixierung durch mehrjährige Wildpflanzen“.

Auf sieben Hektar Fläche baut er mehrjährige Wildpflanzen an, die

  • einerseits ganzjährig Unterschlupf und Nahrung für Wildtiere, Vögel und Insekten bieten sollen und
  • andererseits „Futter“ für die nahegelegene Biogasanlage sind.

Projekt der Landesjägerschaft erweitert

Mit dem im April 2017 gestarteten, neuen Projekt setzt die Landesjägerschaft ihr vorheriges Projekt „Energie aus Wildpflanzen“ fort und erweitert es:

  • Auf Praxisflächen werden Erkenntnisse zum integrativen Gewässerschutz durch Wildpflanzenkulturen in Fruchtfolgen gesammelt.
  • Circa 25 Hektar Fläche werden an fünf Standorten in ganz Niedersachsen auf Nährstoffgehalte im Boden, Erntegut und Wurzelmasse untersucht.
  • Ziel ist die Fixierung von Stickstoff im Boden, denn mehrjährige Stauden binden die Nährstoffe.

Flächenvorbereitung und Aussaat

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Folgendes müssen die Landwirte beachten:

  • Entscheidend ist die Flächenvorbereitung vor der Aussaat, die auf nahezu allen Böden möglich ist: Ideal ist ein sauberer Stoppelacker, auf dem vorher Getreide oder Ganzpflanzensilage stand. So bleibt die Fläche unkrautfrei. Auf einem gepflügten Acker keimt das Saatgut nicht.
  • Die mehrjährige Biogas-Mischung BG 90 mit über 20 Wild- und Kulturpflanzen sowie Stauden wird im Sommer als Direktsaat angesät. Die Ansaatstärke liegt bei zehn Kilogramm pro Hektar.
  • Da viele Lichtkeimer enthalten sind, muss die Biogasmischung auf die Oberfläche gesät werden.
  • Eine gute Bestandsentwicklung wird durch das Walzen der Fläche nach der Saat erreicht.
  • Die Mischung, in der ab dem zweiten Standjahr ausdauernde Pflanzenarten, also Stauden wie Eibisch, Beifuß, Rainfarn und Flockenblume dominieren, beziehen die Landwirte von Saaten Zeller, Eichenbühl.

Wie die Wildpflanzenmischung zu düngen ist

  • Im ersten Standjahr ab September benötigt die Wildpflanzenmischung eine Nährstoffversorgung in Form von mineralischer oder organischer Düngung mit 50 Kilogramm Gesamt-Stickstoff pro Hektar.
  • Ab dem zweiten Jahr kann bei Vegetationsbeginn und zu Beginn des Längenwachstums gedüngt werden, insgesamt bis zu 150 Kilogramm pro Hektar.

Welche Erträge die Wildpflanzenmischung erbringt

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  • Die Investitions- und Pflegekosten sind vergleichsweise niedrig.
  • Die Methanerträge in der Biogasanlage sind nur um etwa ein Drittel niedriger.
  • Damit alle Pflanzenarten im Wildacker erhalten bleiben, wird einmal im Jahr gehäckselt. Außerhalb der Brut- und Setzzeit Ende Juli, Anfang August ist dafür der passende Zeitpunkt.
  • Der Ertrag ist von rund acht Tonnen organischer Trockenmasse im ersten Jahr auf über 14 Tonnen ab dem dritten Anbaujahr steigerungsfähig.
  • Nach circa fünf Jahren wird ein Fruchtfolgewechsel über Mais und Getreide empfohlen.

Substratabnahme organisieren

    „Bis auf die drei Wochen nach der Ernte haben wir ein Blühfenster von April bis November“, klärt Schröer auf. Seinen Berufskollegen rät er folgendes:

    • Landwirten, deren Flächen in unmittelbarer Nähe zu einer Biogasanlage liegen, solllten mit rund fünf Hektar beginnen. Die Flächengröße ist für den Maschineneinsatz bei der Ernte entscheidend.
    • Voraussetzung sollte auch eine Kooperation über die Abnahme des Substrats sein. Denn: Starke Schwankungen in der Biogasanlage sind unerwünscht. Wenn man dann schon anfängt zu ernten, soll es sich auch lohnen.

    Projekt der Landesjägerschaft begeistert Landwirte

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    Josef Schröer stellt das Projekt Landwirten, Jägern und Kommunen vor. Allein ist er damit nicht, denn auch Johann Högemann, Obmann für Naturschutz der Jägerschaft Lingen, bereist zu diesem Zweck ganz Niedersachsen und sucht Mitstreiter.

    Der pensionierte Pflanzenbauberater der Landwirtschaftskammer weiß: „Wir sind angewiesen auf Idealisten, die Freude an Natur und Umwelt haben und die Wildpflanzenmischung ausprobieren wollen.“

    Mehrere „Idealisten“ konnten er und Schröer bereits gewinnen. „Im vergangenen Jahr sind zu unseren fast 25 Hektar Fläche für das Projekt nochmal rund 30 Hektar dazugekommen, die von Landwirten in Eigenregie angebaut werden“, erzählt er begeistert. In Lingen werden es demnächst noch sechs Hektar mehr.

    Kampf um Fördergelder

      Nicht ohne Grund betreiben die meisten Landwirte, die bisher mitmachen, selbst eine Biogasanlage und sind Jäger. „Ich habe doch finanziell mehr davon, wenn ich Mais anbaue“, bekommt Johann Högemann bei seinen Informationsveranstaltungen oft zu hören.

      Aus diesem Grund kämpfen die Projektbeteiligten um Fördergelder. „Verglichen mit den Erträgen bei Mais, verzichten die Landwirte hier auf etwa 400 Euro“, beschreibt Högemann das Problem. Durch Zusatzzahlungen aus der zweiten Säule, als Agrarumweltmaßnahmen (AUM), könne es gelöst werden.

      Attraktiv werde die Wildpflanzenmischung auch, wenn Anlagenbetreiber damit ihrer Greening-Verpflichtung nachkommen könnten. Einen Versuch, um die Politik von ihren Vorschlägen zu Fördermaßnahmen zu bewegen, unternehmen sie noch in diesem Jahr.

      Kommunen, Kirchen und Politik mit ins Boot

      Die neue Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast haben sie bereits eingeladen. Högemann und Schröer möchten auch Kommunen und Kirchen in die Pflicht nehmen. „Die haben eine große gesellschaftliche Verantwortung, sind bislang aber leider sehr zurückhaltend“, bedauert Högemann.

      Weil Flächen mit mehrjährigen Wildpflanzen dazu beitragen können, die Nitratbelastung des Grundwassers zu reduzieren, müssten vor allem Wasserbeschaffungsverbände einbezogen werden.

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