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Betriebsführung

Biogas nicht alleine der Preistreiber

von , am
25.06.2014

Treibt Biogas die Pachtpreise hoch? In einigen Regionen Niedersachsens hat diese Frage viele Gemüter erhitzt. Neue betriebswirtschaftliche Studien aus Schleswig-Holstein bringen mehr Klarheit.

Auch wenn das neue EEG den Ausbau von Biogas drastisch bremsen wird, könnte sich das an den Pachtmärkten kaum bemerkbar machen, schätzen Experten. © Kahnt-Ralle
 
Der häufig von Landwirten geäußerter Vorwurf lautet, Biogas treibe die Preise am Pachtmarkt. Ist das wirklich so? Namhafte Wissenschaftler sind dieser Frage im Auftrag der von der Landwirtschaftlichen Rentenbank finanzierten Edmund-Rehwinkel-Stiftung nachgegangen. Die Ergebnisse wurden unlängst auf einer Tagung in Berlin vorgestellt.

Über 60 % Pachtanteil


Durch den Strukturwandel ist in den letzten Jahren der Pachtflächenanteil in der Landwirtschaft deutlich angestiegen. Im Durchschnitt haben die Betriebe einen Pachtanteil von 60 %, führte Dr. Michael Schmitz aus, Professor am Institut für Agrarpolitik und Marktforschung der Justus-Liebig-Universität Gießen: "Mit der Betriebsgröße steigt der Pachtanteil." Um die Produktionsgrundlage des landwirtschaftlichen Betriebes aufrecht zu erhalten, spielt der Pachtmarkt eine immer größere Rolle.

Die Konkurrenz um die Fläche spiegelt sich vor allem in den Gebieten mit intensiver Tierhaltung wider, wo Pachtpreisen von über 1 000 €/ha keine Seltenheit sind. Insgesamt ist der Preis für neu verpachtetes Ackerland von 2007 bis 2010 um 25 % gestiegen. Das stellt wachsende Betriebe vor Probleme. Vor allem werden Biogasanlagen als Hauptverursacher des Pachtpreisanstiegs gesehen. Neben Bayern gehört Niedersachsen mit einer installierten elektrischen Leistung von 1.480 MW zu den Bundesländern mit der absolut höchsten Leistung aus Biogasanlagen. Im Jahr 2013 wurden im Bundesgebiet auf einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von rund 2,4 Mio. ha nachwachsende Rohstoffe für die stoffliche oder energetische Verwertung angebaut. Davon waren etwa 829 000 ha Energiemais für die Biogasproduktion bestimmt, so dass rund ein Drittel der deutschen Maisanbaufläche für die Biogasproduktion genutzt wurde.

Dieser hohe Flächenanteil an NawaRos legte die Vermutung nahe, dass die Biogasproduktion die Nachfrage nach landwirtschaftlicher Nutzfläche erhöht hat und somit auch Auswirkungen auf den Pachtpreis zu erwarten waren. Neben der Biogaserzeugung beeinflussen allerdings zahlreiche weitere Faktoren den einzelbetrieblichen Pachtpreis, fand Schmitz heraus.

Das zeigte sich durch einen Blick auf Landkreisebene. Bezogen auf die landwirtschaftlich genutzte Fläche finden sich vor allem in viehdichten sowie ertragsschwachen Regionen, in denen die Wettbewerbsfähigkeit der Biogasproduktion im Vergleich zu den bestehenden Produktionsverfahren des Ackerbaus hoch ist, Landkreise mit einer hohen installierten elektrischen  Leistung. Das trifft vor allem auf den Norden von Niedersachsen zu.

Die Betrachtung auf Landkreisebene, bei der im Rahmen der Landwirtschaftszählung die Pachtpreise für Acker- und Grünland abgefragt wurden, ergab mit den niedersächsischen Landkreisen Cloppenburg und Vechta zwei klassische Veredelungsgebiete als Regionen mit den höchsten Pachtpreisen. Die ersten Zahlen zur Agrarstrukturerhebung 2013 ergeben, dass die durchschnittlichen Pachtpreise in Niedersachsen im Vergleich zu 2010 um mehr als 40 % angestiegen sind. Dieser Pachtpreisanstieg hat laut Schmitz deutliche Wettbewerbsnachteile auf internationaler Ebene zur Folge. Die Betriebe mit Tierhaltung könnten Wachstumsschritte nicht oder zu spät nutzen.

Biogas kontra Veredlung

Im Rahmen einer Befragung unter Landwirten zeigte Prof. Ludwig Theuvsen von der Universität Göttingen bereits 2010, dass die Pachtpreisänderungen in Niedersachsen im Zeitraum von 2004 bis 2009 unterschiedlich bewertet wurden. Vor allem in Regionen mit hoher Viehdichte wurden die Biogasanlagen als Hauptgrund für den Pachtpreisanstieg angeführt. Außerdem gaben Betriebe mit einer Biogasanlage an, eine höhere Zahlungsbereitschaft zu besitzen und höhere Ackerpachtpreise zu zahlen.

In den vorliegenden wissenschaftlichen Arbeiten konnte noch kein signifikanter Einfluss der Biogasproduktion auf die Entwicklung der landwirtschaftlichen Pachtpreise ermittelt werden. Das liegt daran, das Biogas als relativ junger und zumindest zeitweise dynamisch wachsender Sektor in den zu Forschungszwecken vorliegenden, relativ alten Datensätzen noch nicht richtig abgebildet wird.

Der neue methodische Ansatz von Schmitz berücksichtigt nicht die gesamte Anlagenleistung im Landkreis, sondern nur die in einem Umkreis von 25 km installierte elektrische Leistung. Davon verspricht sich der Wissenschaftler eine deutlich realitätsnähere Abbildung der Auswirkungen der Biogasproduktion auf die Pachtpreise als die bislang verwendete Variable auf Kreisebene. Wenn nur diejenigen Biogasanlagen berücksichtigt werden, die in einem für den jeweiligen Betrieb sinnvollen Aktionsradius liegen, ergibt sich Schmitz zufolge ein "hoch signifikanter, preissteigernder Einfluss der Biogasproduktion auf die Pachtpreise". Eine Steigerung der installierten Leistung im Umkreis von 25 km um 1 kWel /ha führt dabei zu einem Pachtpreisanstieg von etwa 141,73 €/ha.

Landwirte befragt

Auch Dr. Uwe Latacz-Lohmann, Professor am Institut für Agrarökonomie der Christian-Albrechts- Universität zu Kiel, befasste sich in seiner Analyse mit der Rolle von Biogas als möglichem Preistreiber am Pachtmarkt. Neben den Daten der Agrarstrukturerhebung nutzte er ebenfalls Daten zur regionalen Biogasdichte, die vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt wurden. Zudem befragten der Wissenschaftler und sein Team landwirtschaftliche Betriebsleiter und Experten aus Verbänden.

Die Analyse weist auf Landkreisebene einen preissteigernden Effekt der Biogasdichte auf Bestandspachten in den niedersächsischen Hochburgen der Biogasproduktion von 78 €/ha/kW installierte Leistung aus. Latacz-Lohmann zufolge entspricht die pachtpreissteigernde Wirkung einer kWel /ha der Größenordnung nach etwa der pachtpreissteigernden Wirkung von 1 GV/ha. Im Untersuchungsgebiet wurde eine mittlere Viehdichte von 0,26 GVE/ha ermittelt und ein marginaler Effekt auf die Pachtpreise von etwa 76 €/GVE/ha.

Nach Angaben des Wissenschaftlers wird der pachtpreissteigernde Effekt unterschätzt, wenn nur die Bestandspachten betrachtet werden. Aussagen der Betriebsleiter zu Neuverpachtungen siehe Kasten. Eine Kernaussage der Expertenbefragung ist, dass der Preisauftrieb infolge der Biogasförderung mit dem EEG 2012 zum Stillstand gekommen ist, der Markt jedoch sehr träge reagiere. Durch die Substratnachfrage bestehender Biogasanlagen blieben die Pachtpreise auf einem hohen Niveau. Einen Ausweg sehen manche Experten aus der Praxis in einer stärkeren Zusammenarbeit unter den Landwirten durch Anbau von Biogassubstrat durch Ackerbaubetriebe ohne eigene Biogasanlage.

Fazit


Die neuen Analysen zeigen, dass die Biogasproduktion die Märkte nicht stärker verzerrt als andere Politikinstrumente oder hohe Viehdichten.

Eine generelle "Verteufelung" von Biogas im Hinblick auf eine Verzerrung die Pachtmärkte scheint nicht angebracht zu sein.
Regionale Preisspitzen sollten nicht überbewertet werden.

Aber gerade die regionalen Spitzen sind es, die den Zündstoff für die Forderungen nach einer Umgestaltung des EEG lieferten.
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