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Betriebsführung

Wer, bitte, spekuliert denn hier?

von , am
04.07.2013

Wenn bei schwankenden Preisen erwartete Erlöse nicht realisiert werden, sieht es schlecht aus mit dem regulären Einkommen. Lesen Sie hier, wie Sie als Ferkelerzeuger per Kontrakt Risiken minimieren.

Georg Rensmann, Ferkelerzeuger aus Bawinkel, Johann Kalverkamp und Markus Witzken, VR Agrarberatung (v.l.). © Bergmann
Kein Landwirt weiß zum Zeitpunkt der Bestellung, welchen Erlös die Ernte einbringt, oder welchen Preis er für seine Ferkel erzielt, wenn er die Sauen belegt. Große Preissprünge innerhalb kurzer Zeit machen langfristige Planungen schwierig oder schmeißen sie sogar immer wieder über den Haufen. Etwas mehr Sicherheit wünschen sich viele.

Auch Georg Rensmann geht es so. Der Ferkelerzeuger aus Bawinkel hält 350 Sauen. "Aber", so sagt er, "wenn heute Sauen belegt werden, sind die Ferkel erst in einem halben Jahr verkaufsfertig. Welchen Preis erziele ich dann?" Er verkauft pro Jahr rund 9.500 Ferkel. Preisschwankungen von lediglich zwei Euro/Ferkel könnten sich somit auf 19.000 Euro summieren, die er mehr oder weniger im Jahresergebnis erzielt Dies ist das Risiko, das der Ferkelerzeuger minimieren möchte.
In diesem Zusammenhang wird immer wieder der Handel mit Future-Kontrakten an Warenterminmärkten als Preisabsicherung genannt. Aber Handeln an der Börse, für viele Landwirte klingt das sehr fremd. Rensmann wurde schon 2003 von seinem Berater der VR Agrarberatung in Lingen auf die Möglichkeit der Absicherung durch den Handel mit Futures aufmerksam gemacht.

Planung bedeutet, heute einen Vertrag über eine Ware zu schließen, die in x-Monaten geliefert wird. So klingt das nicht mehr so fremd. Wir kennen das als Vorkontrakte. Nicht viel anders verhält es sich mit Future-Kontrakten.

Absichern, aber wie?

Ein Future ist eine bindende Übereinkunft an der Warenterminbörse, eine genau definierte Ware zu einem bestimmten, in der Zukunft liegenden Zeitpunkt zu kaufen oder auch zu verkaufen. Futures sind nach Menge, Parität, Lieferzeitpunkt und Qualität genau definiert. Soweit die Theorie.

Ein (sehr stark) vereinfachtes Beispiel: Ein Landwirt hat im November seine Sauen belegt. Er ging davon aus, dass die Ferkel im Mai verkauft werden. Angesichts der starken Preissprünge in der Vergangenheit, wollte er einen Teil der Produktion absichern. Er beobachtet die Preisentwicklung an der Eurex in Frankfurt. Ende November notierte der Mai-Kontrakt für Ferkel 57 Euro/Tier. Das scheint ihm ein guter Preis zu sein. Er verkauft 1 Kontrakt, das entspricht 100 Ferkel à 25 kg.
Im Mai, als seine Ferkel verkaufsfertig sind, verkauft er diese zum Kassamarktpreis von 48,5 Euro/Tier (25 kg/100erGruppe) an seinen Händler. Gleichzeitig stellte er durch das entsprechende Gegengeschäft seinen Future-Kontrakt glatt, das heißt, seinen im November verkauften Kontrakt kauft er zurück.

Zwar erzielt er am Kassamarkt für seine Tiere fast 10 Euro/Tier weniger, als er im November erwartet hatte, aber diesen „Verlust“ kompensiert er mit dem Geschäft an der Börse. Dort kauft er seinen Kontrakt zurück und zahlt damit fast 10 Euro weniger als er im November bekommen hat. Im Schnitt hat er somit genau den Preis erhalten, mit dem er im November kalkuliert hatte.

Aber auch der gegenteilige Verlauf  wäre denkbar gewesen: Im Mai hätte der Preis durch ein sehr knappes Angebot auch deutlich höher liegen können bei beispielsweise 67 Euro/Tier. Der Landwirt würde also beim Verkauf 10 Euro mehr erhalten, als er im November erwartet hat. Damit muss er aber den Verlust an der Börse ausgleichen, denn beim Glattstellen des Kontraktes am Terminmarkt zahlt er beim Rückkauf seines Kontraktes ebenfalls 67 Euro/kg. Unterm Strich erzielt er somit wieder den kalkulierten Preis von 57 Euro. Hier sieht Rensmann auch den entscheidenden Vorteil beim Kontrakte-Handel. Denn, so sagt er, mit diesem Preis kann ich im Vorfeld kalkulieren.

So einfach?

Soweit das sehr vereinfacht dargestellte Beispiel. In der Praxis sieht es schon etwas anders aus. Zum einen kann man nicht einfach mal bei der EUREX anrufen und einen Kontrakt kaufen oder verkaufen. Zunächst braucht man einen Broker, dann muss ein Börsenkonto eröffnet werden, denn Gewinne und auch Verluste an der Börse werden täglich verrechnet. Zudem müssen Sicherheiten hinterlegt werden, die Höhe ist je nach Kontrakt unterschiedlich, entspricht in etwa der Größenordnung von 10 % des Kontraktwertes. Diese muss bar oder als Bürgschaft hinterlegt werden. Es gibt eine Reihe erfahrener Broker, die auch Schulungen zu diesem Thema anbieten (z.B. VR AgrarBeratung Lingen, Hansa-Terminhandel, Kaack-Terminhandel).

Sein "Börsenkonto" muss man immer im Auge behalten, denn es gibt auch noch die sogenannte Nachschusspflicht. Nicht nur Gewinne, auch Verluste werden täglich verrechnet. Sollte der Ferkelpreis aus unvorhergesehenen Gründen zum Beispiel im Februar auf 70 Euro ansteigen, würde das Börsenkonto ins Minus rutschen. Wenn der Landwirt jetzt den Kontrakt zurückkaufen würde, läge der Rückkaufspreis über dem Verkaufspreis. Das sollte der Landwirt natürlich nicht machen, denn das "Gegengeschäft", seine Ferkel, sind ja noch nicht soweit und dann wäre die Absicherung weg.

Risiken minimieren

Da das Börsenkonto aber nie im Minus sein darf, müsste der Landwirt sofort den Betrag ausgleichen, das heißt, er muss jederzeit hierfür über liquide Mittel verfügen. Hier muss auch die Hausbank dann mitspielen. Bei dem vorangegangenen Beispiel mit lediglich einem Kontrakt à 100 Tiere ist das noch eine überschaubare Summe, bei mehreren gehandelten Kontrakten kommen da aber schnell ein paar tausend Euro zusammen. Ein weiterer Punkt ist die sogenannte Basis. Der Kassamarktpreis und der Börsenpreis laufen während der Absicherungsphase meist mehr oder weniger in die gleiche Richtung, sind aber selten ganz genau identisch, im Gegensatz zum Beispiel. Der Abstand wird als Basis bezeichnet und variiert manchmal stark, abhängig unter anderem von regionalen Vermarktungs-, Lieferbedingungen, Transportkosten und auch dem Gewicht.

Der Ferkelkontrakt bezieht sich immer auf ein Ferkel mit einem Gewicht von 25 kg, verkauft werden Ferkel aber in der Regel mit einem höheren Gewicht und der Zuschlag pro kg ist unterschiedlich. Auch Zuschläge für Gruppengröße, Impfzuschläge beeinflussen die Basis. Die Basis zu kennen ist wichtig, um den richtigen Preis für eine Absicherung zu finden. Zu welchem Preis abgesichert werden sollte, ist für jeden Betrieb individuell zu ermitteln.

Eigene Daten kennen

Berücksichtigt werden muss das innerbetriebliche Preisrisiko. Wo liegt der Grenzpreis, wann wird Eigenkapital angegriffen, wann sind Kapitalkosten, Gebühren und Marge enthalten, welcher Gewinn ist mindestens zu erzielen? Um erfolgreich an der Börse absichern zu können, muss man seine betriebliche Kalkulation genau kennen. "Entscheidend ist die Absicherung", sagt Rensmann, "die kräftigen Preisschwankungen etwas einzugrenzen, darum geht’s mir beim Handel an der Börse".
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