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Gewässeruntersuchung

Gewässer in Niedersachsen: Auch Colistin-resistente Keime gefunden

See-Gewaesser-Teich
© Christian Mühlhausen, landpixel
Christa Diekmann-Lenartz, LAND & Forst ,
am
08.02.2018

Nach NDR-Recherchen gibt es auch Colistin-resistente Bakterien in Niedersachsens Gewässern. Das Antibiotikum ist ein Reservemedikament der Humanmedizin.

Bei den Wasseruntersuchungen in Niedersachsen wurden an fünf der zwölf Probeorte Bakterien mit Resistenz-Genen vom Typ „mcr-1“ nachgewiesen. Bei Keimen, die es in sich tragen, wirkt das wichtige Reservemedikament Colistin nicht mehr.

Dieses 60 Jahre alte Antibiotikum wird in der Tiermedizin noch in vergleichsweise größeren Mengen eingesetzt. Das hat folgenden Grund:

  • Bei Tieren wirkt das Mittel sehr gut gegen bakterielle Coli-Infektionen. Auch ist die Resistenzlage bisher laut europäischer Arzneimittelbehörde sehr niedrig.

In der Humanmedizin gab es folgende Entwicklung:

  • Das Medikament war lange Zeit ausgemustert, weil es für Menschen erhebliche toxische Nebenwirkungen hat, wie beispielsweise Nierenschäden.
  • Seit einigen Jahren gilt Colistin in der Humanmedizin nun jedoch als Notfallmedikament bei speziellen multiresistenten Keimen. Deshalb wurde der Wirkstoff zuerst 2016 von der Europäischen Arzneimittelagentur als „kritisch“ und 2017 von der WHO in die höchste Kategorie „Reserve“ eingestuft.

Auch in Tiermedizin Colistin-Verbrauch verringert

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Dr. Erwin Sieverding, Geflügelfachtierarzt aus Lohne, Landkreis Vechta. © Christa Diekmann-Lenartz

    Dies wird von den Tierärzten durch einen restriktiveren Einsatz von Colistin berücksichtigt:

    • Die Colistin-Verbrauchsmenge hat sich von 127 t im Jahr 2011 auf 69 t im Jahr 2016 verringert, was einer Reduzierung um 46 % entspricht.
    • Zum Einsatz kommt es im Geflügelbereich bei bestimmten Indikationen, wo quasi keine Alternativen verfügbar sind: Bei Legehennen treten haltungsbedingt insbesondere bei den Freilandhühnern häufiger Infektionen mit Eileiter-Bauchfell-Entzündungen auf. Colistin hat dagegen eine sehr gute Wirksamkeit und eine Wartezeit von null Tagen auf die gelegten Eier, sprich, die Eier dürfen weiter vermarktet werden.

    Dr. Erwin Sieverding, Geflügelfachtierarzt aus Lohne, Landkreis Vechta, kritisiert in diesem Zusammenhang, dass Freilandhennen bei jeder Witterung nach draußen gelassen werden müssen. Nasses, kaltes Wetter begünstige aber das Vorkommen der genannten Erkrankungen. „Es wäre im Sinne der Tiergesundheit und für den möglichst restriktiven Antibiotikaeinsatz wünschenswert, dass die Nutzung des Auslaufs witterungsabhängig geregelt werden kann,“ sagt er.    

    Weitere Infos zu den Untersuchungen an Niedersachsens Gewässern finden Sie hier:

    Hintergrund: "kritische Antibiotika" und "Reserveantibiotika"

      Die Humanmedizin hat vermehrt mit gegen Antibiotika resistenten Keimen zu tun. Infektionen mit diesen Keimen können nur schwer behandelt werden. Hierbei kommen beim Menschen die sogenannten „kritischen Antibiotika“ oder „Reserveantibiotika“ zum Einsatz. Hiergegen gibt bislang wenig Resistenzen. Damit sich dies nicht ändert, sollen sie sehr restriktiv eingesetzt werden.

      • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2017 erstmals namentlich die Wirkstoffe benannt, die sie in der Humanmedizin ausdrücklich als „Reserveantibiotika“ bezeichnet. Die Tiermedizin setzt davon nur zwei ein: Colistin und die Cephalosporine der 4. Generation.
      • Daneben gibt es eine zweite Klasse, die "kritischen Antibiotica" (Critically Important Antimicrobials for Human Medicine). Sie enthält „Wirkstoffe mit besonderer Bedeutung für die Therapie beim Menschen“. Deren Einsatz – und vor allem die Resistenzentwicklung – soll weltweit in der Human- und der Tiermedizin überwacht werden. Hierzu gehören die Fluorchinolone, die Cephanlosporine der 3. Generation sowie die Makrolide.

      Die Einsatzmengen dieser Klassen in der Tiermedizin sind gemessen an den Gesamtmengen relativ gering:

      • Fluorchinolone und Cephalosporine der 3./4. Generation zusammen hatten 2016 noch einen Anteil von 1,7 % an der Gesamtmenge der verbrauchten Antibiotika im Tierbereich: 12,7 von insgesamt 742 t.
      • Bei den Makroliden liegt die Menge 2016 bei 55 t.
      • Bei Colistin lag die Menge 2016 bei 69 t anstatt 127 t in 2011 (-45,5 %).

      Zu berücksichtigen ist: Diese Mengen umfassen die abgegebenen Mengen der Antibiotika für alle Tierarten – vom Hamster bis zur Milchkuh. Die gemeldeten Wirkstoffmengen lassen sich nicht einzelnen Tierarten zuordnen.

        In Human- und Tiermedizin Resistenzen minimieren

        In Deutschland gibt es seit einigen Jahren verschiedene Überwachungssysteme zum Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung (Erfassung Abgabemengen an Tierärzte, staatliches Monitoring, QS-Monitoring). Diese Daten belegen einen deutlichen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermedizin. Für die Humanmedizin gibt es keine vergleichbar genaue Datenerfassung.

        Jedoch wird für den Human- und den Tierbereich zusammen die Resistenzentwicklung gegenüber Antibiotika erfasst – im sogenannten GERMAP-Bericht. Der GERMAP-Bericht von 2015 kritisiert ausdrücklich, dass „in der Humanmedizin der Anteil der Antibiotika mit einem breiten Wirkungsspektrum am Gesamtverbrauch – mit den Cephalosporinen und Fluorchinolonen an der Spitze – nach wie vor sehr hoch ist.“ Diese Wirkstoffe übten „einen besonders hohen Druck zugunsten der Selektion multiresistenter Erreger aus“.

        Hieraus ergibt sich die Forderung, dass im Sinne des „One-Health“ Ansatzes sowohl der Human- als auch der Tierbereich auf ihren Feldern für eine Minimierung antimikrobieller Resistenzen sorgen sollten.

          Mit Material von „wir-sind-Tierärzte.de“
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