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Betriebsführung

Handel als globales Bindeglied sehen

von , am
21.01.2014

Gunststandorte tragen eine ethische Verantwortung zur Nutzung der eigenen Potentiale. Das war eine Kernaussage der DLG-Wintertagung vorige Woche in München. Weitere Topthemen finden Sie hier.

Die DLG diskutierte in München über nachhaltige Strategien für eine globale Ernährungssicherheit. Der Agrarhandel hat auch eine wichtige entwicklungspolitische Funktion. © DLG
Ein Plädoyer für den internationalen Agrarhandel hat der DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer abgelegt. Der Welthandel auch mit Agrargütern als Ausdruck der Globalisierung sei nicht die Ursache von Hunger und mangelnder Verteilungsgerechtigkeit, sondern ein Teil der Lösung. Für die Landwirtschaft würden sich mit den Weltagrarmärkten große Chancen aber auch eine Verantwortung ergeben, weil es um Lebensmittel gehe. Gunststandorte wie Europa trügen dabei die ethische Verantwortung, die eigenen Potenziale gezielt zu nutzen.

Als drittgrößter Agrarexporteur und zweitgrößter Agrarimporteur sei Deutschland ein Beispiel für die intensive Nutzung arbeitsteiliger Prozesse. Das ist für Bartmer kein Selbstzweck, "denn hiervon profitieren die Konsumenten, denen durch Handel ein an Vielfalt und Preiswürdigkeit historisch einmaliges Angebot zur Verfügung steht". Deutschland sei mit seiner hohen Kaufkraft ein wichtiges Ziel für Produzenten aus aller Welt, gerade auch für Länder, die wenig mehr als Agrarprodukte zum internationalen Warenaustausch beitragen könnten. Hier komme dem Agrarhandel durch den freien Zugang zu den Märkten eine wichtige entwicklungspolitische Funktion zu.

Aber auch die deutsche Landwirtschaft sei Nutznießer, denn mit verarbeiteten Spezialitäten "Made in Germany", mit leistungsfähigen (in alle Welt strebenden) Einzelhandelsstrukturen wandern der eine oder andere Sack Weizen oder Ölsaaten, so manches Rind, Schwein oder Geflügel aus deutschen Landen in alle Welt frisch auf den Tisch. "Dies ist eine erfolgreiche arbeitsteilige Agrar- und Ernährungswirtschaft, mit dem Handel als globalem Bindeglied."
Dies bedeutet Bartmer zu Folge, dass nicht jedes Land, nicht jede Region, alles selbst erzeugen muss. "Der Wunsch nach Autarkie ist heute vollkommen überholt." Daher hält er nichts von einer Sojaanbauförderung in der EU, um die Importe der Öl- und Eiweißpflanze zu reduzieren. Denn selbst wenn es gelänge, den Sojaanbau in der EU deutlich zu erhöhen, wäre das bei limitierter Ackerfläche nur möglich, wenn zugleich der Getreideanbau verringert würde.

Der Weltagrarhandel sei nicht die Ursache für Hunger und mangelnde globale Verteilungsgerechtigkeit, sondern Teil der Lösung dieser gravierenden Probleme. Investitionen in Wissen und Können, in Infrastruktur, in Rechtsstaatlichkeit und effiziente Administrationen sind nach Auffassung des DLG-Präsidenten so wichtig wie der freie Marktzugang, um komparative Kostenvorteile eines Standortes nutzen zu können. "Nur wer in der Lage ist, über reine Selbstversorgung hinaus zu produzieren, kann regionale Kaufkraft schaffen und somit am internationalen Warentausch teilnehmen. Die jüngsten Beschlüsse der WTO lassen da hoffen."

Prof. Joachim von Braun von der Universität Bonn unterstrich die große Bedeutung des Weltagrarhandels für die effiziente Verteilung knapper Nahrungsmittel und Agrarressourcen sowie für ausländische Direktinvestitionen. Das gelte für alle Erzeugnisse entlang der Wertschöpfungskette, denn die Landwirtschaft sei auf dem Weg, Teil einer umfassenden Bioökonomie zu werden.

Für von Braun bleiben Investitionen in Forschung und Entwicklung von Technologien die entscheidenden Faktoren für eine zukünftige Ernährungssicherung. Wichtig seien auch weitere Schritte in Richtung Freihandel, was nach seiner Ansicht einen hohen wirtschaftlichen Nutzen bringen würde. Umso mehr sei die Stagnation bei der Weiterentwicklung der Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) zu beklagen, ebenso die vielen bilateralen Handelsabkommen, die ärmere Länder oft außen vor ließen. Nach der WTO-Übereinkunft von Bali im Dezember 2013 sieht von Braun aber Chancen für mehr multilaterale Vereinbarungen. "Deutschland sollte sich für Reformen der WTO und für multilaterale Handelsabkommen stark machen", forderte der Wissenschaftler. Dies sei auch im Interesse der deutschen Akteure in Landwirtschaft und Agrarindustrie mit Potenzial in den Wertschöpfungsketten.

Nach Ansicht des  Generalsekretärs der Deutschen Welthungerhilfe, Dr. Wolfgang Jamann, nutzt die Öffnung der Märkte in den Entwicklungsländern derzeit vor allem den Exportinteressen der Industrienationen. Er forderte die Schaffung gerechter Handelsbedingungen im Rahmen internationaler Verhandlungen wie der WTO.

"Die Industrieländer müssen ihre Agrarexportsubventionen unabhängig von Verlauf und Ergebnis der WTO-Verhandlungen abbauen", so der Generalsekretär. Auch gelte es, die Importrestriktionen der EU und anderer Industrieländer für landwirtschaftliche Produkte aus Entwicklungsländern zu überprüfen und produktadäquat zu gestalten. So müssten beispielsweise marktverzerrende Agrarsubventionen in Schwellen- und Indu-strieländern weiter abgebaut werden.

Außerdem sollten Entwicklungsländer nationale und regionale Agrarstrategien entwickeln, die zur Ernährungssicherung, zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur regionalen sowie globalen Marktfähigkeit beitrügen. Ferner ist es für Jamann zwingend, dass die Politik in den Entwicklungsländern den ländlichen Raum fördert und den Handel und die Vermarktung erleichtert.

Prof. Martina Brockmeier von der Universität Hohenheim erläuterte die Auswirkungen eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA. Modellrechnungen zeigten, dass beide Seiten dadurch eine deutliche Steigerung ihres Bruttoinlandsprodukts erfahren könnten. Laut Brockmeier zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie, dass nicht-tarifäre Handelshemmnisse im Agrar- und Ernährungsbereich eine sehr viel größere Bedeutung haben als tarifäre.

Während die EU und die USA mit einem Transatlantischen Freihandelsabkommen eine deutliche Steigerung ihres Bruttoinlandsprodukts erfahren würden, deuteten sich diesbezüglich für Drittländer eher negative Entwicklungen an. Sektoral betrachtet ergäben sich im Agrar- und Ernährungsbereich sowohl für die EU als auch die USA sehr unterschiedliche Ergebnisse.
Keiner der beiden Partner eines Freihandelsabkommens könnte seine Exporte durchgängig steigern oder zeige sinkende Importe, so Brockmeier. Die Spillover-Effekte, die sich aus dem Abbau der nicht-tarifären Handelshemmnisse mit Drittländern ergäben, wirkten sich der Studie zufolge auf die eigene Wohlfahrt positiv und auf die Wohlfahrt des Handelspartners negativ aus.

Prof. Ingo Pies von der Universität Halle-Wittenberg machte deutlich, dass eine nachhaltige Strategie zur Herstellung globaler Ernährungssicherheit ganz konsequent auf eine Erhöhung des Angebots setzen müsse, vor allem auf eine Produktivitätssteigerung durch Wissensproduktion und Know-how-Transfer. Nach Einschätzung von Pies sind ausländische Direktinvestitionen ein wichtiger Kanal für einen erfolgreichen Know-how-Transfer von reichen zu armen Staaten. Insofern sei es nicht hilfreich, jegliche internationale Direktinvestition sofort als "Landgrabbing" zu diffamieren. Auch sei es nicht angebracht, Kleinbauern in Entwicklungsländern mittels Subventionen in einer dörflichen Subsistenzwirtschaft festhalten zu wollen.

"Hier droht die Gefahr, dass Armutsfallen aufrechterhalten werden, die ausgerechnet den Ärmsten schaden", gab Pies zu bedenken. Der Wissenschaftler hält außerdem die Kampagne gegen Agrarspekulationen für kontraproduktiv. Die seiner Ansicht nach verfehlte Kritik an Indexfonds verstelle den Blick auf die eigentlich hilfreichen Maßnahmen, die in der Öffentlichkeit leider nur wenig Aufmerksamkeit erführen. Dazu gehörten beispielsweise die Reform der Handelspolitik oder die Überprüfung beziehungsweise Suspendierung von EU-Flächenstilllegungsprogrammen.

Landwirt Philipp Schulze-Esking lenkte den Blick auf die hocheffiziente und arbeitsteilige Produktion in der Wertschöpfungskette Schwein in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden und Dänemark. Er hob hervor, dass sich in Deutschland, aber auch in den Niederlanden und in Dänemark, während der letzten Jahrzehnte eine wettbewerbsfähige, weil hocheffiziente und arbeitsteilige Produktion auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette Schwein herausgebildet habe. Die Effizienz und die Intensität der Produktion schlügen sich vornehmlich in niedrigen variablen Kosten nieder. So könnten die Nachteile der höheren Futterbeschaffungskosten gegenüber den Staaten in Nord- und Südamerika teilweise kompensiert werden.

"Wer seine inländischen Produzenten auf der einen Seite dem rauen Wind des offenen, globalen Marktes aussetzt, muss auf der anderen Seite auch aufpassen, dass er die Messlatte der heimischen Produktionsstandards nicht zu hoch hängt und die eigene Produktion erstickt", so der Appell des Schweineproduzenten an die politischen Entscheidungsträger. Wenn hingegen den Produktionsspezialisten in Nordwesteuropa die Möglichkeit gegeben werde, ihr Wissen und ihre Innovationskraft im Sinne einer arbeitsteiligen, effizienten und umweltschonenden Produktionskette Schwein einzusetzen, böten offene, internationale Märkte auch in Zukunft große Chancen, die Wertschöpfung hierzulande zu erhöhen.
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