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Betriebsführung

Intelligente Lösungen sind gefragt

von , am
09.07.2014

Nährstoffmanagement von Wirtschaftsdüngern und Gärresten - ein brandaktuelles Thema. Wir haben die Ergebnisse einer Tagung in Hannover zusammengefasst.

Wissenschaftler, Berater und Mitarbeiter der Verwaltung zählten zu den Referenten der Fachtagung zum Nährstoffmanagement von Wirtschaftsdüngern und Gärresten in Hannover. Unser Foto zeigt alle Vortragenden. © Gerstenkorn

"Wo früher nach dem Preis gefragt wurde, lautet heute die erste Frage, ob ein Nachhaltigkeitsmanagement vorhanden ist", fasste Prof. Dr. Ludwig Theuvsen zusammen. Er leitete damit die Tagung "Nährstoffmanagement von Wirtschaftsdüngern und Gärresten" ein, die in Hannover Ökonomie, Ökologie, Technik und Logistik beleuchtete. Acht Vorträge und zwei Workshops boten den Tagungsteilnehmern aus Wissenschaft und Beratung Gelegenheit zum regen Wissens- und Meinungsaustausch. Engagiert sprach sich Dr. Gerd Höher vom Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz für eine sinnvolle Biogas-Nutzung aus.

Biogasanlagen für bessere Verwertung

Schon jetzt könne die Stromerzeugung aus Biogas in Niedersachsen 20 Prozent der niedersächsischen Grundlast decken, hob er hervor. Neben der Verwertung von Abfallprodukten aus der Ernährungswirtschaft und Pflegeschnitten könnten Biogasanlagen zur besseren Verwertung von Wirtschaftsdüngern, Futterresten und Nebenprodukten beitragen und eine Nutzungsalternative für Aufwüchse von beispielsweise schadstoffbelasteten Böden oder durch Hagel oder Pilze geschädigten Pflanzenbeständen darstellen. Während das Potenzial der Nutzpflanzen als Substrat in Biogasanlagen durch begrenzte  Flächen nahezu ausgeschöpft sei, böten sich z.B. beim Mist aus der Tierhaltung noch etwa 30-40 Mio.Tonnen Potenzial.

Die Rahmenbedingungen durch die jüngste EEG-Novelle sieht Höher problematisch. Sie würden zu einer Absenkung der Stromerzeugung bei den regelbaren Energien führen, den Gülleanteil verringern, zu einem Rückgang des Anbaus alternativer Energiepflanzen wie Wickroggen oder Blühpflanzen führen und letztlich den Maisanteil in den Biogasanlagen von 80 auf 95 Prozent steigen lassen. Nach seiner Einschätzung hätte die EEG Novelle 2012 bereits ohne diese Nebenwirkungen dazu geführt, dass der vorgesehene Deckel von 100 MW erreicht worden wäre.

"Akuten Handlungsbedarf" beim Thema Nährstoffmanagement sah Franz Jansen-Minßen von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Er stellte die Ergebnisse des ersten niedersächsischen Nährstoffberichts vor. Während bei Schweinen und Geflügel in Niedersachsen die Obergrenze erreicht sei, werde für die Rindviehhaltung noch ein Zuwachs erwartet. Lösungsansätze sieht der Leiter des Fachbereichs Nachhaltige Landnutzung im Einsatz von nährstoffreduziertem Futter und in der Abgabe von transportwürdigen Wirtschaftsdüngern wie Geflügelmist oder Dickgülle an Biogasanlagen in Ackerbauregionen.

Wie eine Anrechnung von Wirtschaftsdüngern aus pflanzlicher Herkunft auf die N-Ausbringungsgrenze im Zuge der Novellierung der Düngeverordnung die Nährstoffsituation noch verschärfen könnte, stellte Richard Wüstholz von der Universität Hohenheim vor. Die Ergebnisse dieser Studie stießen bei den zahlreichen interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern der Tagung auf großes Interesse. Die LAND & Forst wird dem Thema in der kommenden Woche in einem eigenen Beitrag mehr Platz einräumen.

Praktische Lösungen besonders gefragt

Andreas Lindenberg, Geschäftsbereichsleiter Hochbau und Energie bei der Niedersächsischen Landgesellschaft mbH und Mitinhaber einer Biogasanlage, stellte die ganz praktischen Herausforderungen beim Einsatz von Wirtschaftsdüngern in der Biogasanlage in einer Ackerbauregion vor. Die Anlage, die in einem zweiten Bauabschnitt auf 1,7 MW Leistung erweitert wurde, erfordert eine ausgeklügelte Logistik, um die Substrate mit unterschiedlichen Lieferfrequenzen und Lagerkapazitäten an- und Gärsubstrat wieder abzutransportieren. So wird aufgrund fehlender Möglichkeiten zur Zwischenlagerung 260 Mal pro Jahr Schweinegülle und 125 Mal pro Jahr Hühnertrockenkot angeliefert. Eine weitgehende Automatisierung, die Ausstattung mit Kameras, die Lage an der Autobahn und im Umfeld eines Industriegebietes sieht Lindenberg als einige der Erfolgsfaktoren der vorgestellten Anlage.

Der Blick nach Niedersachsen ...


Beim Thema Wirtschaftsdünger blicken nicht nur  Wissenschaftler aus Hohenheim sondern auch aus München interessiert auf Niedersachsen. Peter Schießl aus einer Forschungsgruppe um Prof. Heißenhuber an der Technischen Universität München sieht in der Geruchsreduktion durch die Vergärung von Wirtschaftsdünger einen wichtigen Türöffner. Eine Aufbereitung lohnt sich den Untersuchungen der Forschergruppe zufolge erst ab einer Entfernung von 60 bis 150 Kilometern. Als problematisch wertet es Schießel in diesem Zusammenhang, dass damit der Güllebonus entfällt. "Da wo es drückt, kommen die Innovationen her", hieß es in der anschließenden Diskussion. Das heißt, wo Überschüsse entstehen, werden oftmals auch kluge Lösungen entwickelt.

Dr. Hans-Jörg Brauckmann wies in seinem Vortrag darauf hin, dass der flüssige Bestandteil separierter Rohgülle gezielter eingesetzt werden kann und besser in den Boden eindringt. Aufhorchen ließen Berichte aus Dänemark, wo die Energiegewinnung dem Nährstoffmanagement untergeordnet wird.

...und ins Nachbarland Dänemark

Die Effekte von Injektion und Ansäuerung auf Erträge und gasförmige Stickstoffverluste stellte Prof. Dr. Andreas Pacholski von der Leuphana Universität Lüneburg vor. Besonders die Ansäuerung flüssiger Wirtschaftsdünger, die in Dänemark schon häufig eingesetzt wird, könnte zu geringeren Emissionen und einer effizienteren Nährstoffnutzung beitragen. Es besteht aber noch deutlicher Forschungsbedarf. Die notwendigen Säuremengen wurden im Publikum als Hemmnis eingestuft.

Eine ganz neue Sichtweise brachte Dr. Jürgen Reinhold vom Förderverein Humus e.V. ein. Er wies darauf hin, dass Stickstoff aus organischen Düngern nach Änderung der Düngeverordnung unabhängig von der Form des Düngers voll auf die maximale Ausbringungsmenge von 170 kg N im Jahr  angerechnet werde. Kompost sowie Stallmist trügen jedoch  sehr stark zu einem Humusaufbau im Boden bei. Der darin enthaltene Stickstoff stehe den Pflanzen  im Anwendungsjahr kaum zur Verfügung und könne im Boden über lange Jahre inaktiv sein.

Gärreste wirken wie Mineraldünger

Bei Gärresten hingegen sei die organische Substanz abgebaut, der Stickstoff jedoch überwiegend in pflanzenverfügbarer Form enthalten, so dass sie fast wie ein Mineraldünger wirkten und keine derartige Humuswirkung entfalten könnten. Stark humussteigernde Stoffe einschließlich Rottemist müssten dementsprechend aus den Nährstoffobergrenzen ausgenommen werden. Reinhold spricht sich für eine jährliche einzelbetriebliche Nmin-Bestimmung aus, um das reale N-Angebot im Boden einschätzen zu können. Das sei ohne weiteres umsetzbar.

Die Tagung zeigte neben dem eindeutigen Handlungsbedarf viele Ansätze für ein Nährstoffmanagement auf und beleuchtete das Thema sowohl naturwissenschaftlich, rechtlich aber auch sehr praktisch. Auch Faktoren wie Akzeptanz oder die Umsetzung rechtlicher Vorgaben wurden diskutiert. Die Veranstaltung zeigt, dass praktikable Lösungsansätze für dieses vielschichtige Thema nur gefunden werden können, wenn alle Beteiligten miteinander im Gespräch bleiben.
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