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Betriebsführung

Ein knappes Gut

von , am
17.07.2013

Auch in Niedersachsen sind Bodennutzung und Bodenmarkt von der zunehmenden Verstädterung beeinflusst. Welche Faktoren aktuell eine wichtige Rolle spielen, lesen Sie in unserem Artikel.

Die landwirtschaftliche Fläche geht täglich um 15 ha zurück. © Werkfoto

Die Lebensgrundlage Boden wird immer mehr einer zunehmenden Verstädterung geopfert, obwohl die Bevölkerung nicht zunimmt sondern abnimmt. Mit 5.400 ha wurde im Jahr 2011 wieder so viel Fläche verbraucht wie schon lange nicht mehr. In der Zeit von 2001 bis 2012 wurden in Niedersachsen knapp 50.000 ha von der bislang freien Fläche in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt. Die landwirtschaftliche Fläche geht tagtäglich um 15 ha zurück. Darüber hinaus werden landwirtschaftliche Flächen durch die mit der Umwandlung einhergehenden Kompensationsmaßnahmen in ihrer Bewirtschaftung eingeschränkt.

Die aktuellen Daten des Landesbetriebes für Statistik und Kommunikationstechnologie (LSKN) zur katasterlichen Bodennutzung haben länger als sonst auf sich warten lassen. Das lag an einer in 2012 vorgenommenen Umstellung in der niedersächsischen Katasterverwaltung auf das neue "Automatisierte Liegenschaftskataster-Informationssystem" (ALKIS-Verfahren), die bei der Zuordnung zu den verschiedenen Nutzungsarten zu Veränderungen geführt hat.

Deiche gehören jetzt zur Landwirtschaftsfläche

Während die Summe der Siedlungs- und Verkehrsfläche nur marginal von der Veränderung betroffen war und sie auch nur einen zu vernachlässigender Bruch in der statistischen Reihe erlitten hat, hat sich die Veränderung bei der katasterlichen Landwirtschaftsfläche gravierend ausgewirkt. Bedingt durch die Umstellung auf ALKIS, sind die 11.800 ha niedersächsischen Deichflächen, die bisher als Schutzflächen eingeordnet waren, der Grünlandfläche zugeordnet worden und gehören jetzt zur Landwirtschaftsfläche. Dadurch verzeichnet die Grünlandfläche und damit die gesamte Landwirtschaftsfläche in 2012 erstmalig keine Abnahme gegenüber dem Vorjahr, sondern eine Zunahme.

Unter Flächenverbrauch wird die Umwandlung von freier Fläche, vor allem von landwirtschaftlich genutzter Fläche (LF), in Siedlungs- und Verkehrsfläche (SuV) verstanden. Dieser Verbrauch ist ein ganz erheblicher unumkehrbarer Eingriff in das Ökosystem, weil der Boden eine nicht vermehrbare Ressource mit sehr wichtigen Funktionen für die Umwelt ist, die durch die mit der Umnutzung einhergehende Versiegelung oder Verdichtung gefährdet werden.

Insoweit bedarf die Entwicklung der Bodennutzung einer besonderen Beachtung. Deshalb wird die SuV seit 2003 aufgrund einer entsprechenden Änderung des Agrarstatistikgesetzes jährlich auf Gemeindeebene ermittelt und veröffentlicht. Diese Maßnahme dient als Indikator, der die zusätzliche Flächeninanspruchnahme für die Zwecke von Siedlung und Verkehr registriert. Das damit verbundene Ziel der Bundesregierung ist es, die täglich Zunahme der SuV in Deutschland bis 2020 auf 30 Hektar zu senken.

Von der Erreichung dieses Ziels sind wir nach wie vor weit entfernt. Nachdem die Wirtschaftskrise 2009 zu einer vorübergehenden Abschwächung des Flächenverbrauchs geführt hatte, hat sich dieser Trend infolge der anschließenden wirtschaftlichen Konsolidierung nun wieder umgekehrt. In Niedersachsen nahm die SuV im Jahr 2011 mit 5.411 ha wieder soviel zu, wie zuletzt 2001, so dass sich der Raubbau an der Ressource Boden scheinbar wieder ungehindert fortsetzt. Insgesamt hat die SuV seit 2001 von 602.330 ha um 49.478 ha auf 651.808 ha in 2012 zugelegt und in dieser Zeit ihren Anteil an der gesamten niedersächsischen Bodenfläche von 12,6 um 1,1 auf 13,7 % erhöht.
Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Zunahme um 4.498 ha bzw. 0,1 % und einer täglichen Zunahme um 12 ha. Da ein Großteil der als SuV in Anspruch genommenen Fläche verdichtet oder versiegelt wird, verstehen sich diese Zunahmewerte bei kritischer Betrachtung als besonders "großkalibrige Sargnägel" für unsere Lebensgrundlage.

Im Gegenzug zur Zunahme der SuV ist eine Abnahme der LF zu verzeichnen. Für die heute allseits beklagte Flächenknappheit ist nicht nur der steigende Bedarf für das wirtschaftliche Wachstum der Betriebe und die Bioenergiegewinnung ursächlich, sondern in erster Linie der tatsächliche und unumkehrbare Entzug durch Bebauung, Erweiterung der Verkehrsnetze usw. Verschärft wird der unmittelbare Entzug durch die vielfältigen Kompensationsmaßnahmen, die mit der Inanspruchnahme von freier Fläche als SuV einhergehen. Dadurch kommt es zwar nicht immer zum direkten Entzug wie z. B. im Fall einer Kompensation durch Aufforstung, in der Regel aber zu Bewirtschaftungseinschränkungen.

Flächenentzüge heizen den Bodenmarkt noch an    

Einen weiteren verschärfenden Effekt löst der Flächenentzug noch dadurch aus, dass er auf dem Verkaufsweg erfolgt und der Verkaufserlös in den meisten Fällen schon aus steuerlichen Gründen wieder in den Ankauf von Ersatzflächen reinvestiert wird.

Die Wirkung dieses Effektes ist nicht zu unterschätzen, weil der für Bauland, Straßenbau usw. erzielbare Verkaufserlös in der Regel weit über dem ortüblichen Verkehrswert für landwirtschaftliche Flächen liegt und häufig einen weit mehr als doppelt so großen Bedarf an Ersatzflächen auslöst.

Deshalb entfalten Flächenentzüge zugunsten der SuV vielfach ganz erhebliche Nachwirkungen auf den landwirtschaftlichen Bodenmarkt. Sie erhöhen die Bodennachfrage, heizen den Bodenmarkt an und verknappen die Fläche auf diesem Weg zusätzlich.
Ohne Berücksichtigung der 2012 erfolgten Zuordnung der 11.800 ha umfassenden niedersächsischen Deichfläche zur Landwirtschaftsfläche ist bei ihr gegenüber dem Vorjahr eine Minderung um 6.608 ha eingetreten. Diese Minderung übertrifft die 4.498 ha umfassende Zunahme der SuV um 2.110 ha und verdeutlicht, dass der Verlust noch andere Ursachen hat wie beispielsweise den Flächenbedarf für Aufforstung.

Im Durchschnitt der betrachteten Zeitperiode von elf Jahren nahm die LF trotz der hinzugetretenen Deichfläche um jährlich 5.487 ha ab und die SuV um 4.498 ha zu. Das entspricht einem Saldo von etwa 1.000 ha, so dass der Schluss gezogen werden kann, dass der Flächenverlust um etwa 20 % höher liegt als der direkte Entzug zugunsten der SuV.
Von der verstädternden Entwicklung ist das ganze Land betroffen, jedoch nicht im gleichen Ausmaß. Am geringsten nimmt die SuV im ehemaligen Regierungsbezirk Braunschweig zu.
Hier hat sich die SuV von 2001 bis 2011 um 6.723 ha und damit "nur" um 6,3 % erhöht. Dafür ging allerdings die LF gleich weit überproportional um 10.373 ha zurück.
Interessant ist, dass diese Entwicklung sehr stark mit den Entwicklungen der Erwerbstätigkeit und Bevölkerung korreliert. Denn die Anzahl der Erwerbstätigen stagniert in der Region schon seit zehn Jahren und die Bevölkerung nahm seit 2010 mit 60.000 (!) Einwohnern dramatisch ab.  

Weser-Ems liegt deutlich über dem Durchschnitt

Der am dichtesten besiedelte ehemalige Regierungsbezirk Hannover verzeichnet mit einer SuV Zunahme von 9.928 ha bzw. 7,6 % eine etwas stärkere Tendenz zur Verstädterung als der Bezirk Braunschweig, verändert sich damit aber noch im moderaten Rahmen.

Die SuV Zunahme fand im Umfang von 3.046 ha insbesondere im Gebiet der Region Hannover und vor allem in der dazugehörigen Landeshauptstadt statt.
Diese Veränderung war von einer nur sehr mäßigen Zunahme der Erwerbstätigkeit um etwa1,4 % und Abnahme der Bevölkerung um 22.500 Einwohner begleitet.

Mit einer SuV Zunahme um 12.197 ha bzw. 7,6 % verlief die Entwicklung im ehemaligen Regierungsbezirk Lüneburg ähnlich; allerdings war sie hier von einer Bevölkerungszunahme um 8.400 Einwohner und einem Anstieg der Erwerbstätigkeit um 6,8 % begleitet.
Bei genauer Betrachtung zeigt sich aber, dass sich die Veränderungen vor allem auf die Landkreise Harburg, Lüneburg und Stade beschränken. Im Gegenzug zur Entwicklung der SuV ging die LF in der Region Lüneburg um 15.148 ha zurück, davon mit 4.347 ha besonders stark im Landkreis Rotenburg.

Wesentlich intensiver verlief dagegen die Entwicklung in Weser-Ems. Hier hat die SuV seit 2001 mit 20.629 ha gleich um10,1 % zugenommen und eine Abnahme der LF um 23.969 ha bzw. 2,3 % zur Folge gehabt. Infolge dieser Entwicklung hat der SuV Anteil in der Weser-Ems Region nun 15,0 % erreicht und liegt damit deutlich über dem Landesdurchschnitt von 13,7 %. Nur der ehemalige Regierungsbezirk Hannover ist mit 15,5 % SuV Anteil dichter besiedelt. Ursache dieser Entwicklung ist eine herausragende wirtschaftliche Prosperität der Wirtschaft innerhalb der Region, die innerhalb der letzten zehn Jahre einen Anstieg der Erwerbstätigkeit um 120.000 generiert hat. Die günstigen wirtschaftlichen Perspektiven haben zu einer "Völkerwanderung" nach Weser-Ems geführt und eine Zunahme der Bevölkerung um 43.372 Einwohner bewirkt.

Als Motoren der Entwicklung haben sich in der Weser-Ems Region insbesondere die Landkreise Vechta, Emsland, Cloppenburg, Grafschaft Bentheim und Ammerland erwiesen. Davon verbucht der in Niedersachsen mit weitem Abstand größte Landkreis Emsland den Löwenanteil am Flächenverbrauch. Die positive wirtschaftliche und demografische Entwicklung des Emslandes hat eine Erhöhung der SuV um 5.290 ha bzw. 16,1 % und eine Abnahme der LF um 5.776 ha bzw. 3,0 % zur Folge gehabt. Der ursprünglich sehr dünn besiedelte Landkreis weist inzwischen einen nur noch knapp unter dem Landesdurchschnitt liegenden SuV Anteil von 13,2 % aus, während es vor 11 Jahren noch 11,4 %, also 1,8 % weniger waren.

Bereits deutlich höhere, aber nicht mehr so stark zunehmende SuV Anteile, weisen die Landkreise Peine mit 17,8 %, Ammerland mit 16,7 %, Vechta mit 16,3 %, Harburg mit 16,2 % und Friesland mit 15,2 % auf. Sie alle haben ihre hohen SuV Anteile mit entsprechenden Verlusten bei ihren freien Flächen bezahlt. Die kreisfreien Städte und Landkreise mit Großstädten wie Hildesheim und Göttingen bleiben bei dieser Betrachtung außen vor. Sie sind ohnehin bereits hoch verdichtet und stoßen deshalb auch bei ihrer städtebaulichen Entwicklung an Grenzen.  

Fazit

Niedersachsens SuV nimmt vor allem in den prosperierenden Landkreisen der Weser-Ems Region zu. Dort, wo die wirtschaftliche und demographische Entwicklung unterdurchschnittlich ist, ist auch die SuV Entwicklung unterdurchschnittlich. Losgelöst von diesen Entwicklungen sind alle Regionen dem Gebot wirtschaftlichen Wachstums unterworfen. Bleibt es allerdings bei dem Trend, dass wirtschaftliche Prosperität mit Bautätigkeit in die immer knapper werdende freie Fläche einhergeht, wird die Lebensgrundlage künftiger Generationen gefährdet sein. Gerade die boomenden Landkreise sollten die Zeichen der Zeit erkennen und als erste zu einer nachhaltigen Flächenhaushaltpolitik übergehen, um den Verbrauch dieser wertvollen Ressource noch rechtzeitig in den Griff zu bekommen.
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