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Betriebsführung

Kommen mehr Kühe auf die Weide?

von , am
08.10.2014

Das Grünland bietet vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Wir loten die Möglichkeiten und Grenzen der Weidewirtschaft bei hohen Milchleistungen aus.

Die Weidehaltung von Milchkühen bietet zahlreiche Vorteile, bei Tieren mit hoher Milchleistung sind dieser Haltungsform jedoch auch Grenzen gesetzt. © Ahlers

Aktuelle Diskussionen bezüglich der Treibhausgasemissionen, des Klima- und Tierschutzes bzw. der Biodiversität schenken dem Grünland wieder mehr Aufmerksamkeit. Vor diesen Hintergründen und dem Wunsch vieler Verbraucher nach einer Naturbelassenheit der Lebensmittel, setzen einige Molkereien die Weidehaltung von Kühen als Verkaufsargument (Weidemilch) ein.

Eine aus ökonomischen Gründen angestrebte hohe Milchleistung im Kuhbestand bewirkte einen Wandel in der Grünlandwirtschaft weg von der Ganztagsweide mit begrenzter Zufütterung, hin zur stundenweisen Beweidung und Zufütterung im Stall.

Der Anteil des Weidefutters an der Gesamtration einer Milchkuh nimmt mit steigender Milchleistung tendenziell ab; gleichzeitig erhöht sich der Anteil der Schnittnutzung des Grünlandes. In sehr großen Herden mit hohen Milchleistungen wird zwischenzeitlich häufig gänzlich auf den Weidegang verzichtet.

Die Nutzung des Grünlandes ist vielfältig möglich. Mit der Mähstandweide, auch Kurzrasenweide genannt, werden die Vorteile der Umtriebsweide (gute Futterausnutzung) und die der Standweide (geringer Arbeitsaufwand) kombiniert.
Vor dem Hintergrund der Sicherstellung einer ausreichenden Energie- und Nährstoffversorgung hochleistender Tiere findet man weitere modifizierte Weidemanagementformen:
  • die Weidephase ist auf die Monate Mai bis Mitte Juli begrenzt,
  • der Austrieb ist auf sechs Stunden pro Tag beschränkt,
  • gezielte, leistungsabhängige Zufütterung im Stall,
  • bei hohen Tagestemperaturen/sonnigem Wetter werden die Kühe nur nachts geweidet,
  • permanente Wasserversorgung auch auf der Weide.
Auch solches Management erfordert stallnahe Weideflächen. In größeren Herden erfolgen oft weitere Einteilungen in Weide- und Stallgruppen. Die frischlaktierenden, hochleistenden Milchkühe bleiben ganztägig im Stall. Die weniger leistenden Kühe werden geweidet. Die entscheidenden Gründe für die relative Vorzüglichkeit der ganzjährigen Stallhaltung liegen in betriebs- und arbeitsökonomischen Vorteilen (größere Kontinuität), in höheren und stabileren Leistungen der Milchkühe, bessere Automatisierbarkeit des Melkens (Einsatz von Melkrobotern) und in der besseren Fütterungseffizienz.

Dazu kommen (vor dem Hintergrund des Klimawandels) ausgewogene Umweltverhältnisse für die Tiere (weniger schwankende Umgebungstemperaturen, geringerer Einfluss eines möglichen Starkregens etc.) bei ganzjähriger Stallhaltung.

Voraussetzung für die Nutzung der Vorteile der Weidewirtschaft sind arrondierte Betriebsflächen, die kurze Entfernungen für das Melken ermöglichen. Ist die Voraussetzung erfüllt, stellt sich die Frage: Welche ökonomischen Anreize bietet das Weidefutter im Vergleich zum konservierten Futter?

Strebt man höchste Futteraufnahmen beispielsweise auf Umtriebsweiden an, müssen - im Interesse maximaler Verzehrsleistungen - leider auch Weidereste von über 10 % in Kauf genommen werden. Weidereste in dieser Höhe ermöglichen es den Tieren, selektive Futteraufnahme zu betreiben, das heißt, das schmackhafteste Futter auszuwählen.

Im Hinblick auf die Erhöhung der Futteraufnahme auf der Weide verdienen alle Maßnahmen, die zu einer dichten, schmackhaften und leistungsfähigen Grünlandnarbe führen, erhöhte Aufmerksamkeit. Dazu gehören beispielsweise:

Etablierung leistungsfähiger Grünlandnarben mit hochwertigen Futterpflanzenarten.
Sorgfältige und regelmäßige Weidepflege hält die Grünlandnarbe jung und leistungsfähig. Die Nachmahd beseitigt überständiges Futter, regt die Seitentriebbildung an und fördert eine blattreiche, dichte Narbe.
Der Wechsel zwischen Schnitt- und Weidenutzung fördert in der Regel die Bestandszusammensetzung der Grünlandnarbe.

Die gesundheitlichen Aspekte auf der Weide sind, wie bei Stallhaltung, von zahlreichen Faktoren abhängig: Qualität der Weide, Weidemanagement, Standort (Feuchtigkeit, Grundwasserspiegel), Herdenbetreuung, Besatzdichte, Sauberkeit der Treibwege, Verletzungsgefahren durch Zäunung, Vorkommen von Parasiten etc.

Die publizierten Ergebnisse zur Tiergesundheit sind somit vielschichtig und nicht immer widerspruchslos. Internationale Vergleiche zeigen, dass Milch in unterschiedlicher Weise produziert werden kann: Hochleistungsansatz oder Low-Cost-Ansatz bzw. Vollweide. Die Vollweidehaltung verfolgt das Ziel, die Rationsanteile von Weidegras zu maximieren.
Wenn Kühe während der Vegetationsperiode von April bis Oktober überwiegend Weidegras fressen, spricht man von Vollweide. Beide Produktionsstrategien haben zum Ziel, die Produktionskosten zu senken.

In der Vollweide-Strategie ist die Leistung pro Kuh und Jahr nur sekundär. Ziel ist ein möglichst geringer Aufwand an Arbeit, Futter und Kapital. Wichtig ist dabei die Ausrichtung des Betriebes auf die natürlichen Bedingungen.
Die Kühe geben dann Milch, wenn Gras wächst. Das Management der Herde wird vom Betriebsleiter häufig so abgestimmt, dass die Kühe auf den Vegetationsbeginn abkalben.

Die Futter- und Energieaufnahme bei Vollweide kann nicht das Niveau einer optimal ausbalancierten TMR erreichen. Tagesleistungen von über 30 kg Milch auf der Weide zu erfüttern sind kaum möglich. Die Attraktivität der Vollweide nimmt dann zu, wenn die Kraftfutterkosten im Vergleich zu den Weidefutterkosten sehr hoch sind und gleichzeitig eine tatsächliche Arbeitsentlastung in Verbindung mit einer deutlich verlängerten Nutzungsdauer der Milchkühe vorliegt.
Die Vollweide ist offensichtlich vor allem dann interessant, wenn hohe Flächenprämien in Kombination möglichst mit einer speziellen Vermarktung (z. B. Biomilch, Weidemilch etc.), verbunden mit weiteren Zuschlägen für eine derartige Milcherzeugung, gegeben sind.

Setzt man einen Flächenbedarf von 0,3 bis 0,4 ha Weidefläche/Kuh voraus, so werden schnell die Grenzen dieses Verfahrens sichtbar: die Verfügbarkeit arrondierter, hofnaher Weideflächen mit zunehmender Bestandsgröße (> 120 Kühe/Herde). Eine generelle Empfehlung dieses Haltungssystems kann - vor dem Hintergrund weiter wachsender Herden und zu erwartender, weiterer klimatischer Änderungen (Zunahme extremer Wetterlagen wie Hitzestress/Dürreperioden oder Starkniederschläge) somit auch nicht gegeben werden.

Die aktuellen betriebswirtschaftlich-ökonomischen Rahmenbedingungen (wachsende Herdengrößen, Automatisierung des Melkprozesses), lassen Vorteile für eine ganzjährige Stallhaltung mit Silagefütterung im Vergleich zur Weidehaltung erkennen.

Klimaänderungen mit zunehmenden Hitzeperioden/Dürreperioden und Starkniederschlägen lassen zusätzliche Vorteile für Stallhaltungssysteme mit ganzjähriger Silagefütterung erkennen.

Das Verhindern einer weiteren Abnahme der Weidehaltung von Milchkühen - im Vergleich zur ganzjährigen Stallhaltung - erfordert gezielte Fördermaßnahmen (Weideprämie). Zusätzlich dürften Marketingkonzepte nützlich sein, die definierte Milch weidender Kühe dem interessierten Verbraucher nahe zu bringen.

Fazit


Ökonomische Vorteile der Weidehaltung ergeben sich in erster Linie aus der Senkung der Futterkosten. Für hochleistende Kühe empfiehlt sich die Weidehaltung als Teilweide. Eine angestrebte hohe Milchleistung je Kuh/Jahr aus ökonomischen Gründen bewirkt zusätzliche Änderungen in der Grünlandwirtschaft. Bei hoher Zufütterung im Stall verringert sich der Grünlandbedarf. Gleichzeitig sollte der Düngungsaufwand zurückgefahren werden.

Der Verbraucher favorisiert die Weidehaltung gegenüber der ganzjährigen Stallhaltung. Ein weiterer Rückgang der Weidehaltung erfordert gezielte Förderungsmaßnahmen und ausgefeilte Marketingkonzepte.

Vorteile der Weidehaltung
  • Reduzierung der Futterkosten, speziell Grundfutter;
  • keine Konservirungsverluste.
  • Saisonale Arbeitsentlastung bei Fütterung und Reinigung.
  • Geringere Kapazitäten für Silagezubereitung/-lagerung gegenüber ganzjähriger Silagefütterung; geringere
  • Kapazitäten für Güllelagerung.
  • Reduzierung von Gliedmaßen- und Klauenproblemen möglich; ebenso eine höhere Sauberkeit der Tiere
  • (bei ordentlicher Weideführung).
  • Weidemilch verfügt in der Regel über einen höheren
  • Anteil an Omega-3-Fettsäuren.

Nachteile der Weidehaltung

  • Weidemanagement in großen Herden schwierig.
  • Leistungsabfall ohne Zusatzfütterung im Hochleistungsbereich; stark wechselnde Futterqualitäten/-mengen
  • im Vegetationsverlauf.
  • Schwierige Kontrolle über Futteraufnahme/-qualität; geringere Kontinuität der Milcherzeugung; Nichtnutzung verfügbarer Stallkapazitäten.
  • Zusätzlicher Arbeitsanfall, wenn keine stallnahen
  • Futterflächen vorhanden sind (z. B. längeres Treiben der Kühe von der Weide zum Melken in den Stall).
  • Größere Saisonalität einschließlich Besamungspausen.
  • Automatisierung des Melkens schwierig (erschwerter Einsatz von Melkautomaten).
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