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Kommentar

Wenn Krise keine Chance mehr lässt

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Ralf Stephan, LAND & Forst
am
10.11.2016

Wer von Gewinnern und Verlierern spricht, macht es sich zu leicht. Richtig zu entscheiden, verdient Respekt, findet LAND & Forst-Chefredakteur Ralf Stephan.

Von der „Krise als Chance“ wird jetzt oft geredet. Tatsächlich fordern kritische Phasen den Menschen heraus. Da treten Kräfte hervor, die man in sich gar nicht vermutet, weil man sie in fetten Jahren gar nicht brauchte. Erst recht Ideen – unter Druck denkt es sich manchmal eben auch besser.

Mut treibt Entwicklung in Krisen voran

Unbekanntes Terrain beschreiten, neue Wagnisse eingehen, endlich das tun, was man eigentlich schon immer ausprobieren wollte: Viele gehen es eher an, wenn das Gewohnte plötzlich unsicherer erscheint. Dann nämlich zeigt sich, dass auch im bisher sicher geglaubten Umfeld ein Risiko besteht. Ist diese Unsicherheit groß genug, erscheint die Schwelle zu jenem Risiko kleiner, das mit einer möglichen neuen Chance verbunden sein könnte. So entsteht Mut, der die Entwicklung vorantreibt.

Krisen kennen auch Verlierer

Krisen kennen aber immer auch Verlierer, gab kürzlich auf einer Fachveranstaltung (es war die Beraterhochschultagung in Göttingen) ein Wissenschaftler zu bedenken. Und hinter denen stehen in der Regel ganze Familien. Ist es dann nicht zynisch und verletzend, angesichts solcher Schicksalsschläge ständig auf angebliche Chancen zu verweisen, die Betroffene nun garantiert nicht mehr nutzen können?

Die wenigsten Zuhörer – in erster Linie Berater und Praktiker – dürften darauf eine Antwort parat gehabt haben. Wie geht man damit um, dass Berufskollegen und Nachbarn jenen Betriebszweig aufgeben, an dem der Hof seit Generationen hängt? Oder den ganzen Betrieb? Man weiß doch, dass es für die anderen weitergehen muss!

Im richtigen Moment die Notbremse ziehen

„Kann aber ein Betriebsleiter, der rechtzeitig die richtige Entscheidung trifft und die unrentable Produktion einstellt, überhaupt ein Verlierer sein?“, fragte dann ein weiterer Redner. Dass sich die Umstände, die ihm das Wirtschaften bislang erlaubten, schneller oder dramatischer ändern, als er seinen Betrieb anpassen kann, ist schließlich nicht seine Schuld.

Im richtigen Moment die Notbremse ziehen, das verbleibende Vermögen für einen Neuanfang retten und endlich diesen unerträglichen Druck von sich, ja von der ganzen Familie nehmen, erfordert enorm viel Stärke und Risikobereitschaft. Damit ist man kein Verlierer.

Für eine ökonomische Fachtagung war das eine sehr moralische Diskussion. Obwohl sie nur kurz aufflammte, beschäftigte sie die Teilnehmer noch in der Pause. Hoffentlich trägt sie dazu bei, dass sich auch ehemalige Berufskollegen weiterhin mit Respekt begegnen.

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