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Mähtod verhindern: Was Landwirte zum Schutz von Kitzen tun können

Rehkitz-Kitz-Mähtod
Rehkitz im Gras. © Christian Mühlhausen, landpixel
Christian Mühlhausen
am
11.05.2018

Jedes Jahr in der Erntezeit ist auch die Rettung von Rehkitzen wieder akut. Hier praktikable Beispiele, was Landwirte zum Schutz der Tiere tun können.

Alle Jahre wieder werden die Landwirte zur Rettung junger Rehkitze aufgefordert. Allein können sie das oft nicht schaffen. Der Zeitdruck ist in der Ernte zu groß. Doch sie können sich Hilfe suchen.

Ein Kitz ausmähen, das ist weder für den Jagdpächter noch für den Landwirt schön. Die Ricken setzen ab Anfang bis Mitte Mai ihre Kitze bevorzugt auf den Wiesen. Doch dieser Termin fällt mit dem ersten Grünlandschnitt zusammen. Konflikte sind vorprogrammiert.

Knistertüten gegen Mähtod

    Kitze auszumähen ist nicht nur aus Tierschutzsicht ein Problem, sondern auch fürs Futter: Stichwort Botulismus. Um Kitzverluste auszuschließen, können Landwirte beispielsweise

    • am Vorabend drei Mähbreiten von je 3,50 Meter um die Fläche abmähen, um die Ricke zum Herausführen ihres Kitzes zu bewegen,
    • vor dem Grünlandschnitt den Jagdpächter informieren.
    • Die Jagdpächter können dann die Flächen mit Hunden absuchen und beispielsweise Pfähle mit Knistertüten aufstellen, die das Wild vergrämen sollen.

    Wärmebildkamera-Drohnen zur Suche von Rehkitzen

      Möglich ist auch, sich zum Beispiel durch den Einsatz von Wärmebildkamera-Drohnen Hilfe zu holen. Der Göttinger Forstwissenschaftler und Wildbiologe Christian Trothe bietet solche Dienste an. Er beschäftigt sich im Hauptberuf mit der satellitengestützten Biometrie von Wildtieren.

      Sein achtflügeliger Copter fliegt eine zuvor am Computer programmierte Route („Mission“) in einer Höhe von 30 Metern über einer Grünlandfläche systematisch ab:

      • Die Wärmebildkamera wird dabei Richtung Boden gerichtet. Pflanzen und Boden werden in Grün- und Blautönen dargestellt, Warmblüter in Rot. Selbst ein sich duckendes Rehkitz ist als roter Punkt in einer blau-grünen Fläche zu erkennen.
      • Die Drohne wird an dieser Stelle gestoppt, damit eine weitere Person das Rehkitz mit Grasbüscheln (Schutz vor menschlicher Witterung) aus der Fläche tragen und am Wiesenrand ablegen kann.
      • Eine 100%ige Garantie gibt es allerdings auch hier nicht: Wird ein Kitz im hohen Gras oder Grünschnittroggen von Vegetation überdeckt, ist es aus der Luft nicht oder kaum zu erkennen.
      • Auch die Außentemperatur spielt eine wichtige Rolle: Am frühen Morgen ist die Suche am besten. Durch die Erwärmung von Boden und Vegetation ist gegen halb elf Uhr Schluss. Trotz enorm hoher Lichttemperatur-Empfindlichkeit von einem 50stel Milli-Kelvin reichen die geringen Unterschiede dann nicht mehr aus, um Wild sicher zu erkennen.

      Seit 2014 betreibt Christian Trothe Kitzrettung aus der Luft:

      • für zwei Hektar benötigt er ohne Funde rund 15 Minuten.
      • 20 Euro berechnet er pro Hektar überflogene Fläche als Aufwandsentschädigung.

      Der Wert seiner Ausrüstung beträgt 5.000 Euro. Allein die Wärmebildkamera kostet 3.200 Euro.

      Drohnen als nützliche Helfer

        Auch Peter Otrzonek aus Einbeck, seit 2013 Copterpilot und anerkannter Prüfer des Luftfahrtbundesamtes, überwacht mit seinen unbemannten Fluggeräten nicht nur Solaranlagen und Gebäude. Seit 2016 rettet er auch Kitze.

        Bislang macht er das ehrenamtlich und nur im näheren Umkreis: „Ich möchte zeigen, was technisch möglich ist. Und ich fühle mich als Botschafter für die Branche“. Drohnen tauchen meist nur in Negativschlagzeilen auf. „Aber sie sind auch nützliche Helfer“.

        Der Elektroingenieur kann Jägern und Landwirten die Anschaffung einer Wärmebilddrohne nicht empfehlen:

        • zum einen wegen der hohen Kosten,
        • zum anderen, weil man das Gerät fliegen, die Flugmissionen am Computer planen und die Ergebnisse auswerten können muss.
        • Gesetzlich ist ab 2 kg Gewicht der Drohne ein Sachkundenachweis gefordert.

        Otrzonek hat eine nach Bundesländern unterteilte Liste von Drohnenpiloten erstellt. Diese ist unter www.aus-der-luft.com/rehkitzrettung zusammengestellt. Für Niedersachsen sind dort 23 Piloten aufgelistet.

        Akustische Wildretter vergrämen durch schrilles Piepen

        „Im Ammerland sind die Jäger bei der Wildrettung sehr aktiv“, lobt Talke Ruthenberg, Kreisjägermeisterin aus Bekhausen. Sie treten jedes Jahr an Landvolk und Lohnunternehmer heran und werben für den akustischen Wildretter. Mittlerweile haben alle Lohnunternehmer im Kreis diesen akustischen Wildretter:

        • Das Gerät wird an jedem Mähwerk (an großen auch zwei) angebracht und vertreibt das Wild.
        • Zumindest Hasen, Enten, Kiebitz, Brachvogel, Fasanen und andere Bodenbrüter lassen sich durch den schrillen Piepton verjagen.
        • Ganz wichtig: Das Gerät sollte in einer Plastiktüte vor Staub geschützt angebracht und der schrille Ton in Mährichtung abschallt werden. Sonst geht zu viel Wirkung verloren.
        • Kosten pro Pieper: 60 Euro.

        In diesem Jahr sieht Ruthenberg die Gefahr, dass das Gros des ersten Siloschnitts mit der Absetzzeit (10.5. bis 5.6.) der Kitze zusammenfällt. Damit könnten besonders viele ganz junge Kitze durch den Mähtod bedroht sein. Denn erst wenn sie älter als drei Wochen sind, flüchten sie selbstständig.

        Vorher muss die Ricke sie aus der Fläche herausführen. Dazu sollte die Fläche am Abend vor dem Mähen  beunruhigt werden. Eine Garantie ist aber auch das nicht, denn

        • Ricken sind standorttreu und
        • setzen ihre Kitze oft an dieselben Stellen zurück. Zwischen Beunruhigen und Mähen darf nicht viel Zeit vergehen.
        • Ein Vorteil dieser Standorttreue: Wer seine Flächen gut beobachtet, kann vorhersagen, wo die Kitze zu suchen sind.
        Mit Material von Edith Kahnt-Ralle, LAND & Forst

        Edewechter Kitzretter mit neuer Sensortechnik

        Nach dem Motto „Wir handeln statt zu kritisieren“ bietet eine Gruppe von über 30 Tierschützern aus Edewecht im LK Ammerland seit drei Jahren Landwirten kostenfrei ihre Unterstützung an. Sie retten Wild vor dem Mähtod.

        Sven Berg hat diese Gruppe organisiert und mit 20 Mitstreitern 2017 einen Verein gegründet. Auslöser war sein grausiges Schlüsselerlebnis vor vier Jahren: „Als ich ein Rehkitz mit abgemähten Beinen noch lebend gesehen habe, war für mich klar, dass ich dagegen etwas tun wollte“. Berg gründete mit anderen Tierschützern die Gruppe „Wildtierrettung – Wilde Herzen Ammerland“

        Sie suchen Grünlandflächen vor dem Mähtermin systematisch ab. Sie konnten letztes Jahr 16 Kitze finden und retten:

        • Dabei wird über das Kitz ein Korb gestülpt und die Stelle für den Schlepperfahrer mit einem Fähnchen markiert.
        • Um den Sucherfolg noch zu verbessern und auch großflächiger arbeiten zu können, setzen sie ein Hilfsmittel ein: Ein Gestänge mit 6 m Arbeitsbreite und zehn Wärmesensoren der Firma isa. sichern.
        • Die einzelnen Sensoren reagieren auf Wärmestrahlung von Wildtieren und lösen einen Piepton aus.
        • Eine Person, die hinter dem Gestängeträger herläuft, versieht das Kitz mit dem Korb

        Da jedes Gerät 1.700 Euro kostet, nahm die Gruppe Kontakt zum Hegering Edewecht auf. Von dort kam der Tipp, es bei der Umweltstiftung Bingo Lotto zu versuchen.

        Der Plan ging auf, die Stiftung war von Bergs Konzept überzeugt und finanzierte vier Gestänge. „Mit diesen werden wir ab diesem Jahr über die Flächen laufen“, so Nicole Buchholz. Sie gehört genauso wie Berg und Michaela Wederhake zu den Kitzrettern und hat die Technik bereits probehalber eingesetzt.

        Die aktuelle Mähsaison könnte wichtige Daten für die Wildretter-Technik liefern. Berg hält alle Beobachtungen und Suchergebnisse in seiner Datensammlung fest. Nun wünschen sich die Tierschützer eine möglichst große Nachfrage, um die Geräte zu testen. Sie wissen: Jeder Tierschützer, aber auch jeder Landwirt ist motivierter, wenn viele Kitze gerettet werden.

        Mit Material von Edith Kahnt-Ralle, LAND & Forst

        Neues Drohnenrecht

        Um gefährliche Situationen zu verhindern beim Einsatz von Coptern, so genannte „Drohnen“, hat der Gesetzgeber im vergangenen Jahr die neue Drohnenverordnung auf den Weg gebracht. Das sollten Sie wissen:

        1. Alle Drohnen ab 250 Gramm Gewicht müssen mit Name und Adresse des Eigentümers feuerfest gekennzeichnet werden.
        2. Für Drohnen unter 2 kg Gesamtgewicht (inkl. Akku und Kamera) ist kein Kenntnisnachweis mehr nötig, ab 2 kg jedoch schon. Sollte die Drohne gar über 5 kg wiegen, ist eine spezielle Erlaubnis der Landesluftfahrtbehörde notwendig.
        3. Ebenso muss bei allen Drohnen bei Flügen über 100 Meter Höhe eine behördliche Ausnahmeerlaubnis vorliegen.
        4. Grundsätzlich verboten ist ein Flug über Menschenansammlungen, Naturschutzgebieten und je nach Verordnung auch Landschaftsschutzgebieten, Wohngrundstücken, Menschenansammlungen und Kontrollzonen von Flugplätzen.
        5. Eine Haftpflichtversicherung für eine Drohne wird empfohlen.

         

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