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LWK Niedersachsen

Milchbauern: Auf dem schwierigen Weg aus einem tiefen Preistal

Familie Burmester aus Hittbergen-Barförde (Landkreis Lüneburg)
Hoffen auf eine längere Phase mit guten Milchpreisen: Christoph Burmester mit seiner Lebensgefährtin Serena Leschowsky und seinen Eltern Hartmut und Christine Burmester. © LWK Niedersachsen
von , am
10.08.2017

Die Trendwende am Milchmarkt ist geschafft. Die wirtschatliche Lage der niedersächsischen Milchviehhalter ist aber nach wie vor angespannt.

Auch wenn die Milchpreise langsam steigen, ist die wirtschaftliche Situation auf den niedersächsischen Milchviehbetrieben nach wie vor angespannt. Zur wirtschaftlichen Konsolidierung brauchen die Betriebe eine längere Phase guter Milchpreise, so das Fazit einer Pressekonferenz der LWK Niedersachsen. Außerdem müssten sie für die Zukunft krisenfest gemacht werden.

Bei der Veranstaltung in Oldenburg stellte Kammerpräsident Gerhard Schwetje neue Prognosezahlen für das abgelaufene Wirtschaftsjahr 2016/2017 vor. Danach beläuft sich das Unternehmensergebnis voraussichtlich auf zirka 58.000 Euro. „Das reicht nicht aus, um die Lebenshaltungskosten von zwei Familien, die in aller Regel einen solchen Betrieb bewirtschaften, zu decken“, sagte der Kammerpräsident.

Fünf Prozent der Milchviehbetriebe in Niedersachsen geben auf

Für die Phase niedrigster Milchpreise im Juni 2016 bezifferte Schwetje das Defizit für einen Betrieb mit 130 Kühen auf 10.700 Euro pro Monat. Und er folgerte: „Wenn der Milchbauer morgens in den Stall ging, bezahlte er 360 Euro Eintritt, um dort den ganzen Tag hart zu arbeiten.“

Die Trendwende am Milchmarkt bestätigte Dr. Albert Hortmann-Scholten, Leiter des Unternehmensbereichs Markt, Familie und Betrieb der Kammer. Die steigenden Preise kämen allerdings für viele Milchviehhalter zu spät. „Derzeit geben jährlich etwa vier bis fünf Prozent der Betriebe auf“, so der Marktexperte. Dieser Wert läge deutlich über den sonst üblichen zwei bis drei Prozent.

Milchviehhalter sollen Betriebe für weitere Krisen wappnen

Aus Erzeugersicht sei es ernüchternd, dass der Wertschöpfungsanteil in der Milchvermarktung nur sehr gering sei. „Der deutsche Landwirt erhält heute nicht einmal mehr die Hälfte des Einkaufspreises, den der Verbraucher an der Ladentheke ausgibt“, so Hortmann-Scholten.

Den aktuell rund 9.800 niedersächsischen Milcherzeugerbetrieben riet er, die Lehren aus den zurückliegenden wirtschaftlich schweren Zeiten zu ziehen und ihren Betrieb für weitere Krisen zu wappnen.

Milchviehbetriebe sollen Produktion optimieren

Dazu gehöre es auch, die Produktion weiter zu optimieren. „Wachsen, ohne größer zu werden“ nannte das der Marktexperte. Er sieht dazu auf vielen Höfen noch Potenzial, um die Kosten zu senken. Hortmann-Scholten sagte voraus, dass ein Größenwachstum immer schwieriger werde und nannte als Gründe ein verschärftes Baurecht sowie steigende Produktionsauflagen in den Bereichen Tier-, Immissionsschutz und Düngung.

Im Hinblick auf die Krise errechnete Hortmann-Scholten für die Milchviehbetriebe eine „negative Eigenkapitalbildung“ und präzisierte: „Die Betriebe haben von ihrer Substanz gelebt.“ Der „Dreiklang Leben, Tilgen, Sparen“, der aus dem Unternehmensergebnis bedient werden müsse, habe lange Zeit nicht funktioniert.

Milchviehhalter sollten weitere Optionen abwägen

Neben dem qualitativen Wachstum nannte er weitere Möglichkeiten, wie Milchviehbetriebe auf eine Krise reagieren können. Dazu gehört zum Beispiel, weitere betriebliche Standbeine, die – wie etwa Vermietung oder Erzeugung erneuerbarer Energien – auch außerhalb der Landwirtschaft liegen können, aufzubauen.

Auch die Aufnahme einer außerlandwirtschaftlichen Tätigkeit bei gleichzeitiger Bewirtschaftung des Hofes im Nebenerwerb oder gar die Betriebsaufgabe sind mögliche Szenarien, wenn es betrieblich nicht mehr weitergeht.

Auch Entscheidung für Betriebsaufgabe verdient großen Respekt

„Alle diese Optionen müssen in ihrer Umsetzung gut begleitet werden“, sagte Anne Dirksen, sozioökonomische Beraterin der Kammer. Sie betonte: „Auch die Entscheidung für eine Betriebsaufgabe verdiene großen Respekt.“ Leider seien heute viele Höfe in einer wirtschaftlichen Verfassung, die eine Übergabe an die nächste Generation unmöglich mache.

Es gebe Familien, die wegen ihrer niedrigen Einkünfte Wohngeld oder Hartz IV in Anspruch nähmen. „Und das, obwohl sie bestimmt nicht arbeitslos waren!“, ergänzte Dirksen. Vielmehr nehme die Arbeitsbelastung der Familienangehörigen zu, da Geld fehle, um Mitarbeiter einzustellen. Überarbeitung bis hin zum Burn-Out seien die Folge.

Fehlende gesellschaftliche Wertschätzung erzeugt psychischen Druck

Als eine wichtige Ursache für die Zunahme depressiver Erkrankungen bei Landwirten nannte Dirksen neben wirtschaftlicher Probleme die fehlende gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber Bauern. Sie forderte in diesem Zusammenhang, in der Diskussion um Tier- und Umweltschutz die Menschen auf den Höfen nicht zu vergessen, und sprach sich für eine „Initiative Bauern- und Bäuerinnenwohl“ aus.

Auch Landwirt Christoph Burmester beklagte die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz, die neben dem wirtschaftlichen Druck schwer auf den Betrieben laste. „In der Summe führt das zu einem enormen psychischen Druck mit negativen Folgen für das Familienleben“, schilderte der Junglandwirt aus eigener Erfahrung.

Die aktuelle wirtschaftliche Situation seines in der Elbmarsch gelegenen Familienbetriebes in Hittbergen-Barförde (Landkreis Lüneburg) nannte Christoph Burmester „sehr angespannt“. Zusammen mit seinem Vater Hartmut bewirtschaftet er 100 Hektar Grün- sowie 60 Hektar Ackerland und hält 140 Milchkühe.

Nach der Milchkrise ist vor der Milchkrise

Für das zurückliegende Wirtschaftsjahr 2015/2016 errechnete Burmester für seinen Betrieb ein Minus von 55.000 Euro. Dieser Wert bedeutet für ihn einen negativen Stundenlohn von 7,30 Euro. „Nur durch das Einkommen meiner Frau ist meine Familie mit zwei kleinen Kindern wirtschaftlich über die Runden gekommen“, zieht der 31-jährige Landwirt Bilanz.

Um die Folgen der zweijährigen Milchpreismisere auszugleichen, müsste es nun „für mindestens zwei Jahre vernünftige Preise geben, um in der Summe auf eine schwarze Null zu kommen“. Als Lehre aus der Krise hat sich Burmester zusammen mit seinem Vater zum Ziel gesetzt, die Produktionskosten für die Milch weiter zu senken und gleichzeitig die Milchleistung der Kühe zu erhöhen.

So sieht der studierte Landwirt seinen Betrieb für das nächste Preistief auf dem Milchmarkt gewappnet. Denn eines ist für ihn gewiss: „Nach der Krise ist vor der Krise.“

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