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Betriebsführung

Nachhaltig wirtschaften

von , am
23.01.2013

Entwicklungen früh zu erkennen und zu verstehen und daraus möglichst konkrete Anregungen ableiten, das möchte die DLG. In Berlin ging es vorige Woche um die Wahrnehmung einer nachhaltigen Landwirtschaft zwischen Landlust und Landfrust.

Bauer hat Frau - was dann? Dr. Bernd von Garmissen informierte bei einer Ausschussitzung der DLG in Berlin über Eheverträge und Testamentsgestaltung. © DLG
Landwirtschaft im Konflikt mit der Gesellschaft?  Das Fragezeichen steht für den DLG-Präsidenten Carl-Albrecht Bartmer für zwei Fragen: Haben wir einen Konflikt? Und wenn ja mit welcher Gesellschaft? Der Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte in der Landwirtschaft scheint dem Bild vom idyllischen Landleben, der Sehnsucht nach dörflicher Identität zu widersprechen. Moderne Landwirtschaft wird zunehmend kritisch hinterfragt, mitunter abgelehnt. Das gilt besonders für den Bereich der Tierhaltung, die großdimensionierten Ställe, besetzt mit auf hohe Leistungen gezüchteten Nutztieren, deren Produktion und Verwertung eingebunden ist in globale Warenströme.
 
Aber das Unverständnis und Misstrauen der Öffentlichkeit trifft auch den Ackerbau, die eingeschränkten und neuen Fruchtfolgen, die Größe und Effizienz von Maschinen, die Züchtung, den Pflanzenschutz und die Düngung, nicht zuletzt auch hier die globalisierten Märkte und die zusätzliche Verwertung von Agrarprodukten als regenerative Energiealternative.

Kommunikation ist für Bartmer nur die eine Seite der Medaille gesellschaftlicher Akzeptanz: "Gerade der Umgang einer Land-Wirtschaft, man könnte auch sagen Natur-Wirtschaft, mit natürlichen Ressourcen, ist die andere Seite. Wie begrenzt diese bereits heute sind, das verspüren wir, wie viel knapper sie sein werden, wenn 9 bis 10 Mrd. Menschen in wenigen Jahrzehnten davon leben wollen, das ahnen wir sorgenvoll", so der Vortragende.

Landwirtschaft kann in diesem Kontext für Bartmer kein "idealisierter Produktionsprozess" sein. Der Vorstellung eines vermeintlich sozial- und umweltverträglichen Ackerbaus oder einer Tierhaltung nach historisierenden Vorbildern steht ein Leitbild gegenüber, das weiter trägt: das Leitbild einer erkenntnisorientierten sowohl fortschritts- und technologieoffenen und deshalb verantwortungsvollen Landwirtschaft.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zeigte sich überzeugt, dass die moderne und nachhaltige Landwirtschaft das Rückgrat der ländlichen Regionen in Deutschland bildet und eine tragende Säule regionaler Wertschöpfung ist. "Weil viele Verbraucher den direkten Bezug zur Landwirtschaft verloren haben und nur wenige einen Landwirt persönlich kennen, haben manche Verbände und Politiker leichtes Spiel, wenn sie einzelne schwarze Schafe herausgreifen und damit eine ganze Branche zu skandalisieren versuchen", so Aigner.
 
Sie wünscht sich einen Dialog mit allen Akteuren der Land- und Ernährungsbranche, mit Umwelt- und Tierschutzverbänden,mit den Kirchen und vor allen Dingen mit den Verbrauchern. Und die Ministerin weiß:  Nur eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung kann auf Dauer erfolgreich sein. Dabei sieht sie die  Politik vor allem in der Rolle als "ehrlichen Makler zwischen Verbrauchern und Landwirten".
Zur nachhaltigen Betriebsführung sprach Hubertus von Daniels-Spangenberg, Marktfruchterzeuger aus Sachsen-Anhalt. Er beleuchtete an seinem eigenen durch das ILN zertifizierten Betrieb mit 800 ha die Unterschiede zwischen "gefühlter" und "gemessener" Nachhaltigkeit.

Die nähere Interpretation der ökologischen Indikatoren zeigte Verbesserungspotentiale auf und nach Optimierung einiger Verfahren stellten sich durchaus Verbesserungen ein. Ein Beispiel: So wird für den Humussaldo, den der Landwirt als Indikator für die langfristige Entwicklung der Bodenfruchtbarkeit für sehr wichtig hält, mit 40 kg C je ha und Jahr eine Bewertung im optimalen Bereich ausgewiesen. Ein Blick auf die Betriebskarte mit dem schlagweisen Humussaldo zeigt die Schwachstellen auf: die Schläge mit schwachem Humussaldo sind die Zuckerrübenschläge in den drei untersuchten Jahren.

Durch eine integrierte Fruchtfolge von Humuszehrern wie Rüben und Humusmehrern wie Raps und Erbsen werden die Probleme kompensiert, obendrein kommt die lange Anbaupause den Rübenerträgen sehr zugute. Unter besonders kritischer öffentlicher Wahrnehmung steht das Thema Pflanzenschutz. Dabei ist unter Fachleuten unumstritten, dass zur Absicherung hoher Erträge als auch des sonstigen hohen Ressourceneinsatzes ein gezielter, an Umweltanforderungen und Resistenzproblemen ausgerichteter Pflanzenschutz notwendig ist.

Der Praktiker kritisierte, dass es im Handel keine Mehrpreisbereitschaft für nachhaltig produzierte Lebensmittel gibt; vielmehr wird dieser Standard als Zusatznutzen erwartet. Das drückt sich unter anderem da-rin aus, dass der Handel oder Industrieunternehmen eigene Vorstellungen von nachhaltiger Landwirtschaft publizieren. Es geht darum, die eigene Marktposition zu verbessern.

Für den Generaldirektor des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährungspolitik (IFPRI) in Washington, Dr. Shenggen Fan, müssen die Verbesserungen bei der Nutzung natürlicher Ressourcen regionen- und branchen-übergreifend erfolgen. Bei der Versorgung der Regionen mit Nutzflächen, Energie oder Wasser sei eine enge internationale Zusammenarbeit mit einem klaren Rechtsrahmen wichtig. Rund ein Viertel der weltweiten Nutzflächen ist wegen nicht angepasster Produktionsverfahren bereits heute von nachlassender Bodenfruchtbarkeit betroffen. Positiv äußerte er sich zur GVO-Technologie; da sei ein großes Potential für die Hungerbekämpfung und beim Ressourcenschutz vorhanden.

Über die Ressourcennutzung in der Pflanzen- und Milchproduktion referierte Prof. Dr. Kurt-Jürgen Hülsbergen, Technische Universität München. Angesichts knapper Ressourcen (Boden, Energie, Wasser, Nährstoffe), des wachsenden Bedarfs an Nahrungsmitteln und Biomasse sowie der zu erwartenden negativen Effekte des Klimawandels kommt der Steigerung der Stoff- und Energieeffizienz eine zentrale Bedeutung zu.

In Forschungsprojekten wurde untersucht, welche Wirkungen das Intensitätsniveau, die Betriebsstruktur und die Produktionsverfahren auf die Ressourceneffizienz und die Treibhausgasflüsse haben. Landwirte stehen einer Nachhaltigkeitsbewertung dann laut Hülsbergen positiv gegenüber, wenn sie auch Wettbewerbsvorteile (bessere Absatzchancen, Kosteneinsparung, Imagegewinn) erkennen können. Eine Möglichkeit, die Energieeffizienz der landwirtschaftlichen Erzeugung zu beurteilen, besteht in der Berechnung von Energiebilanzen. Mit der Intensivierung stiegen in der westeuropäischen und US-amerikanischen Landwirtschaft über Jahrzehnte die Energieinputs für Dünge- und Pflanzenschutzmittel, Maschinen und Geräte; zugleich erhöhten sich die Erträge und die Energiebindung in der pflanzlichen Biomasse deutlich. Hieraus ergab sich die Frage nach der Entwicklung der Energieeffizienz.

Im Pflanzenbau wird generell deutlich mehr Energie im Ernteertrag gebunden, als mit fossiler Energie zugeführt wird. Das Output/Input-Verhältnis der Pilotbetriebe beträgt 7 bis 23:1, wobei die ökologischen Pilotbetriebe, gemessen an diesem Indikator, im Mittel eine höhere Effizienz als die konventionellen Pilotbetriebe erreichen.
Die Futtererzeugung hat einen dominierenden Einflussfaktor auf die Energieeffizienz der Milchproduktion.

Den größten Anteil am Gesamtenergieeinsatz hat die Futterbereitstellung, die sich aus der Futtererzeugung, dem Futterzukauf und der Futterlagerung zusammensetzt. Der Energieeinsatz zur Futterbereitstellung  beträgt in den ökologischen Betrieben im Mittel etwa 36 %, in den konventionellen Betrieben rund 45 % des Gesamtenergieinputs.
Über die öffentliche Wahrnehmung von nachhaltiger Landwirtschaft referierte Andreas Sentker von der ZEIT in Hamburg. Der Begriff Nachhaltigkeit steht für ihn im Wahrnehmungsgegensatz zum Begriff Wachstum. Dabei ist die Sicherung nachhaltigen Wachstums der Ursprung der Nachhaltigkeitsdebatte.

Die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte verunsichert viele Verbraucher. Denn niemand scheint so genau zu wissen, was - ökologisch, ökonomisch, politisch und sozial - tatsächlich nachhaltig ist. Die Agrarindu-strie ist verpönt, der traditionsverbundene Kleinbauer wird - übrigens auch in der Werbung großer Agrarfirmen - als Ideal dargestellt. Idylle, Ursprünglichkeit, Natürlichkeit, Echtheit, Einfachheit - die moderne Landwirtschaft scheint demgegenüber nur Probleme zu schaffen: Notwendig wäre mehr Transparenz
Nur in einem öffentlichen Bereich ist die moderne Landwirtschaft bereits angekommen: Bei Computerspielen wie Agrarsimulator gibt es Landtechnik vom Feinsten; Spiel und Wirklichkeit nähern sich einander an.
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